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"Frauen sind ein Machtfaktor"

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Frauenstreik in der Schweiz - "Frauen sind ein Machtfaktor"

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Viele Frauen in der Schweiz streiken heute - für höhere Löhne, Chefposten und bessere Familienbedingungen. Es gehe um Frauenpower, auch international, sagt die Historikerin Joris.

Ein Button mit dem Datum des Frauenstreiks hängt an der Jacke von Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin Syndicom, während einer Medienkonferenz, am Montag 20. Mai 2019, in Bern
An diesem Freitag streiken viele Frauen in der Schweiz. "Es geht um eine internationale und um eine klassenübergreifende Solidarisierung", sagt Historikerin Elisabeth Joris. 
Quelle: picture alliance/KEYSTONE

heute.de: Im Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden dürfen Frauen erst seit 1990 wählen. Hat die Schweiz ein Frauen-Problem?

Elisabeth Joris: Die Schweiz hat wie viele Staaten ein Frauen-Problem. Bei uns kommt aber noch erschwerend die föderale Struktur hinzu. Manche Kantone hatten lange Zeit noch die Tradition der Landsgemeinde, in der nur Männer zusammenkamen, um öffentlich und direkt abzustimmen. Das war das Patriarchat in Reinform.

heute.de: Sie berufen sich auf den ersten Frauenstreik 1991. Worum ging es damals?

Joris: Uns hat empört, dass wir zwar 1981 die Gleichberechtigung in einer Volksabstimmung erwirkt haben - sich aber nichts geändert hatte. Die Löhne für die Frauen waren immer noch viel zu niedrig. Deswegen haben wir zum Streik aufgerufen: "Wenn Frau will, steht alles still". Die Idee stammte von Gewerkschafterinnen aus der Uhrenindustrie. Dort hatten Frauen einen Höchstlohn von 3.500 Franken, Männer hingegen von 5.000 Franken. Die Schweiz ist ja eher ein braves Land. Da braucht es viel Frust und Lust, damit jemand einen Streik anzettelt.

heute.de: Der Streik von 1991 sorgte für Furore. Hat er aber etwas verändert?

Joris: Und ob! Bei der Lohngleichheit sind wir deutlich weiter. Mittlerweile haben wir auch Frauen in der Schweizer Bundesregierung. Aber trotzdem gibt es noch viel zu tun: Wir haben zu wenig Frauen in Führungspositionen. Und zu viele Frauen leisten schlecht bezahlte oder unbezahlte Arbeit. Denken wir an die vielen Altenpflegerinnen aus Osteuropa.

heute.de: Die Schweiz hat eine niedrige Geburtenrate, aber auch nicht gerade familienfreundliche Rahmenbedingungen. Ein Kita-Platz kostet oft ein paar Tausend Franken.

Joris: Das empört mich sehr. Fangen wir mit dem Mutterschutz an: Nach 16 Wochen ist der in der Schweiz vorbei. Und Väter haben nur einen Tag Anspruch auf Vaterschaftsurlaub. Das ist doch absurd, dass wir als reiches Land uns da nicht mehr leisten. Die Wirtschaft hat leider eine zu starke Lobby.

heute.de: Manche Frauen müssen sich vorhalten lassen: Wenn du ein höheres Gehalt möchtest, musst du einfach besser verhandeln.

Ein strukturelles Problem wird so zu einem individuellen verharmlost.
Elisabeth Joris

Joris: Auch das ist absurd. Ein strukturelles Problem wird so zu einem individuellen verharmlost. Ich würde gerne an die Einsicht der Unternehmen appellieren: Wollt ihr wirklich eine Ellenbogen-Kultur, wo jede Frau schauen muss, wo sie bleibt? Oder habt ihr als Arbeitgeber nicht ein Interesse daran, dass es fair zugeht? Abgesehen davon ist Lohn-Diskriminierung verboten.

heute.de: Was entgegnen Sie dem Argument: Frauen müssen einfach den richtigen Mann heiraten, der im Haushalt mithilft und auf die Karriere verzichtet?

Joris: Das ist doch Schwachsinn. Ich sage doch auch nicht: Wir brauchen kein Tempolimit vor Schulen, sondern nur bessere Autofahrer. Es gibt Strukturen, die Gewalt und Macht ausüben. Wenn wir das System verändern, haben wir viel geschafft - auch für die Männer.

heute.de: Seit Jahrzehnten engagieren Sie sich in der Frauenbewegung. Was nervt Sie am meisten?

Joris: Zum Teil, dass wir immer wieder dieselben Argumente austauschen und nur langsam vorwärtskommen. Vor allem nervt mich aber, dass wir bei der Wertigkeit von Arbeit die falschen Prioritäten haben. Erziehung, Bildung, Betreuung oder Pflege von Menschen ist doch eine sehr wichtige, wertvolle Arbeit. Aber wir lassen uns die nichts kosten. Stattdessen kassiert ein Banker mit Aktien-Spekulationen hohe Löhne.

heute.de: Am 8. März gab es einen Frauenstreik in Deutschland. Geändert hat sich seitdem aber nichts.

Joris: Das dürfen Sie nicht unterschätzen. 1991 haben wir uns auch gefragt: Was hat das jetzt gebracht? Im Laufe der Jahre haben wir aber gesehen: Es ist sehr viel passiert. Zum einen war es für viele Frauen eine Art feministisches Erweckungserlebnis, zum anderen wurden informelle Netzwerke geschaffen. Die Ernte fahren wir erst später ein - vielleicht bei den Nationalratswahlen im Herbst. Unser zentrales Signal lautet: Frauen sind ein Machtfaktor.

heute.de: Was bedeutet der Streik für die internationale Frauenbewegung?

Wir hoffen, dass ein erfolgreicher Frauenstreik in der Schweiz dem Feminismus transnational Auftrieb gibt.
Elisabeth Joris

Joris: Unser Streik wäre ohne andere Aktionen wie Spaniens "Huelga Feminista", an der sich letztes Jahr Millionen von Frauen beteiligt haben, nicht denkbar. Aber auch die #MeToo-Bewegung und die Women's Marches haben dazu beigetragen. Wir hoffen, dass ein erfolgreicher Frauenstreik in der Schweiz dem Feminismus transnational Auftrieb gibt.

heute.de: Warum ist internationale Solidarität wichtig?

Joris: Weil es sich eben nicht um eine traditionelle Arbeitsniederlegung handelt, vielmehr um einen politischen Streik. Die Frauen streiken nicht nur als Lohnabhängige, sondern auch als Ehefrauen, Mütter und Töchter, als Konsumentinnen und als in der Freiwilligen-Arbeit engagierte Zeitgenossinnen, aber auch als Migrantinnen und als Frauen ohne Papiere. Es geht um eine internationale und um eine klassenübergreifende Solidarisierung. 

heute.de: Gibt es Unterschiede zwischen alten und jungen Feministinnen?

Joris: Der Kampf um die Lohngleichheit, die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das Sichtbarmachen der von Frauen gratis geleisteten Arbeit verbinden die 68er-Feministinnen mit den heutigen jungen Feministinnen. Diese nutzen vorwiegend die neuen sozialen Medien. Sie sind zum Teil sehr viel radikaler und stellen den Kapitalismus grundsätzlich in Frage. Mit dem Sternchen im Aufruf zum "Frauen*streik" verweisen sie auf die Genderdebatten und schließen damit beispielsweise Trans-Frauen mit ein.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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