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Historisch schlechtes Ergebnis - Fassungslosigkeit bei der SPD

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Versteinerte Gesichter, Ratlosigkeit - und mancher braucht einen Schnaps: In der SPD-Parteizentrale müssen sie das historisch schlechteste Ergebnis erst einmal verdauen. So richtig verstehen können sie die Niederlage nicht. Nur einmal jubeln sie ihrem Kanzlerkandidaten zu.

SPD-Spitzenkandidat Schulz schließt nach der "krachenden" Wahlniederlage eine Große Koalition aus. Die SPD habe den klaren Auftrag zur Opposition.

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Gabriele Goerz steht die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Nein, damit habe sie nicht gerechnet. 21 Prozent? "Das verstehe ich wirklich nicht", sagt sie. Goerz ist Mitte 50, trägt einen Martin-Schulz-Button an der Bluse und schleicht bedröppelt durchs Willy-Brandt-Haus. Eigentlich habe Schulz doch sehr viel richtig gemacht. Sich etwa gegen die Rente mit 70 gestellt. "Wir stehen doch wie keine andere Partei für soziale Gerechtigkeit", sagt sie. Und ihr Sohn neben ihr, ebenfalls mit Schulz-Button am Sakko, nickt zustimmend. So richtig verstehen die beiden die Wähler nicht.

Dominik Rzepka
Dominik Rzepka ist Redakteur im ZDF-Hauptstadtstudio Quelle: Koch/ZDF

Auch Philipp Georg Schmidt ist maßlos enttäuscht. Noch am Wahltag hat er Wahlkampf gemacht für die SPD, Flyer verteilt, für Martin Schulz geworben. "Ich muss zugeben, dass ich am Anfang dem Hype von Martin Schulz erlegen war", sagt der junge Mann ein bisschen ratlos. Er habe Anfang des Jahres wirklich geglaubt, dieses Mal könne die SPD Angela Merkel schlagen. "Aber dass wir so sehr Schiffbruch erleiden, das macht mich sprachlos." Schmidt hält kurz inne. Dann fängt er sich. Und wird kämpferisch. "Vielleicht muss die SPD versuchen, mit anderen Partnern zusammen zu regieren." Wie bitte? Nach diesem Ergebnis? Und mit welchen Mehrheiten denn? Darauf hat Schmidt keine Antwort.

Schulz: SPD wird in die Opposition gehen

Aber Martin Schulz hat sie. Um 18:30 Uhr betritt er die die Bühne im Willy-Brandt-Haus und erklärt die Große Koalition für beendet. "Mit dem heutigen Abend endet die Zusammenarbeit mit der CDU und CSU." Tosender Jubel. Zum ersten Mal an diesem Abend. Nein, die Rolle der SPD sei klar. Die Wähler hätten die Sozialdemokraten in die Opposition geschickt. Er selber wolle Vorsitzender der SPD bleiben, sagt er. Wieder Jubel im Willy-Brandt-Haus. Er sehe sich "in der Verpflichtung", den weiteren Prozess der Partei gestalten zu wollen. Neben ihm: Andrea Nahles, Manuela Schwesig und - ein bisschen abseits - Heiko Maas. Sein Gesicht: versteinert. Keine Regung. Fassungslosigkeit.

Zu verantworten haben sie das schlechteste Ergebnis der SPD bei Bundestagswahlen aller Zeiten. Und hinter vorgehaltener Hand sagen sie auch, dass sie Fehler gemacht hätten. Zum Beispiel, dass sie die Euphorie um Martin Schulz Anfang des Jahres nicht genutzt hätten. Dass sich ihr Kanzlerkandidat etwa aus dem NRW-Wahlkampf herausgehalten hatte - das sei nicht richtig gewesen. Aber sie flüstern den Journalisten auch noch etwas anderes ins Ohr: Dass der eigentliche Verlierer des Abends die Union sei. Die größten Verluste habe schließlich Angela Merkel erlitten.

Willy-Brandt-Haus leert sich schon nach 50 Minuten

Das stimmt zwar. Aber wirklich trösten kann das hier niemanden im Willy-Brandt-Haus. Schon eine Stunde nach der ersten Prognose leert sich die SPD-Parteizentrale spürbar. Das spanische Fernsehen schaltet noch einmal live. Der schwedische Rundfunk auch. "Die Große Koalition ist am Ende. Die Stimmung hier ist am Boden", sagt die Korrespondentin.

Wer rund ums Willy-Brandt-Haus gute Stimmung sucht, muss stattdessen in Uschis Kneipe gehen, direkt am Halleschen Tor. Hier haben sich Tina, Poldi und fünf Freunde zum Wahlgucken verabredet. Auf dem Tisch stehen Chips, Berliner Pilsner und eine Deutschland-Fahne. Im Fernsehen läuft die ZDF-Wahlsendung. "Ach die SPD", sagt Tina0, gefühlt aber 31. "Die SPD weiß doch gar nicht mehr, wofür sie steht." Es sei doch richtig, dass das gute Abschneiden der AfD die Sozialdemokraten jetzt mal in die Opposition schicke. Und eine Frage hat Tina auch schon geklärt: Wer Regierungschefin wird. "Die nächste Kanzlerin werde ich."

Der Autor twittert live aus Berlin zur Bundestagswahl: @dominikrzepka

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