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Bundestag beschließt Ehe für alle - "Die Akzeptanz kann beginnen"

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So viel Aufregung im Vorfeld. So viel Ernsthaftigkeit heute. Ein historischer Tag, so empfinden es viele. Denn künftig steht die Ehe auch Homosexuellen offen. Das hat der Bundestag beschlossen - bei 226 Gegenstimmen. Fast alle Abgeordneten waren in der Debatte um Respekt bemüht. Fast alle.

Der Bundestagsbeschluss zur „Ehe für alle“ lässt Lesben und Schwule feiern. Nach Jahrzehnten des Wartens werden gleichgeschlechtliche Paare künftig heterosexuellen Paaren rechtlich gleichgestellt.

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Pokerface, ruhig und sachlich bleiben, der Berliner Bundestag ist nicht das Londoner Parlament. Selbst wenn es um ein solch emotionales Thema geht wie die Öffnung der Ehe, selbst wenn es vorher so viel Ärger gegeben hat. Die SPD, die die Abstimmung heute im Bundestag erzwungen und damit den faktischen Bruch mit dem Koalitionspartner Union provoziert hatte, bemühte sich am Morgen, Triumphgeheul zu unterdrücken. Und die CDU ihren Ärger.

CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel machten - nebeneinander auf der Regierungsbank sitzend - denn auch ein möglichst undurchsichtiges Gesicht. Ertrugen die Freude der Grünen-Abgeordneten, die sich alle einen Regenbogenfahne-Sticker angeheftet hatten, in den Reden auf ihren jahrelangen Kampf verwiesen und am Ende sogar Konfetti streuten. Und ertrugen Johannes Kahrs (SPD), der als einziger Merkel wütend angriff ("Frau Merkel, Sie sind erbärmlich") und ständig mit der Faust aufs Rednerpult schlug: "Vielen Dank für nichts", schleuderte er der Kanzlerin noch entgehen und warf ihr vor, nie etwas gegen die Diskriminierung von Homosexuellen getan zu haben. Manche Emotionen lassen sich eben nicht unterdrücken.

Hasselfeldt: "Gleichwertig, aber nicht identisch"

Die meisten Abgeordneten hielten sich jedoch an das, was Bundestagspräsident Norbert Lammert zu Beginn der Sitzung gesagt hatte. Es gebe "beachtliche Gründe" für und gegen die Ehe für alle. Es wäre schön, wenn der "wechselseitige Respekt deutlich würde, den beide Positionen verdienen". Also bemühten sich die meisten um Argumente statt um Bauchgefühl. Die Befürworter, wie SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann etwa, betonten, dass in Artikel 6 des Grundgesetzes zwar die Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staates gestellt werden. Es werde aber nicht festgelegt, dass diese Ehe aus Frau und Mann bestehen müsse. "Bei der Ehe geht es nicht um das Geschlecht", sagte Oppermann.

Gegner sehen das genau andersherum: Die Ehe können nicht aus Mann-Mann oder Frau-Frau bestehen. Dafür gebe es die eingetragene Lebenspartnerschaft, die, bis auf die Adoption, "gleichwertig, aber nicht identisch" sei, sagte CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt. "Es ist nicht dasselbe", findet auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder, der aber betonte, dass er in seiner Fraktion Respekt "für beide Seiten habe".

Bundeskanzlerin Merkel begründete hinterher ihre Ablehnung ebenfalls mit dem Verfassungs-Argument: Bei der Adoption habe sie ihre Meinung geändert, die sie noch 2013 mit Verweis auf das Kindeswohl abgelehnt hatte. Geblieben sei ihre Auffassung, dass das Grundgesetz die Ehe zwischen verschiedenen Geschlechtern meint. Unionsabgeordnete wollen nun eine Überprüfung des Gesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe beantragen.

"Heute wird Geschichte gemacht"

Damit muss die Öffnung der Ehe noch einmal einen Umweg nehmen. Die Befürworter werden es aushalten. Für sie endet mit der Zustimmung heute ein jahrelanger Kampf um die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen. Niemand steht für diesen Kampf so wie Volker Beck, der Grünen-Abgeordnete, den seine Partei bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr aufstellen wollte. Heute zollte sie ihm Respekt, dass er immer für die Durchsetzung der Homo-Ehe gekämpft habe. Auch dann, als andere das Gesetz schon längst auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben hatten.

"Heute wird Geschichte gemacht", sagte Co-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Und: "Es ist genug Ehe für alle da.“ Niemandem werde etwas weggenommen, es gehe um die Beseitigung einer Diskriminierung. "Wir stimmen ab über die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, nicht mehr und nicht weniger", sagte sie.

Und Volker Beck selbst? Der hatte noch Minuten nach der Bekanntgabe des Ergebnisses Tränen in den Augen. "Ein großer Tag für alle Schwulen und Lesben", sagte er. Endlich gelte der Text der Nationalhymne, Einigkeit und Recht und Freiheit, auch für Homosexuelle. "Die Phase der Toleranz ist beendet. Die Epoche der Akzeptanz kann beginnen", sagte Beck. Doch auch ihm lag lautes Triumphgefühl fern. Wie Kanzlerin Merkel hoffe er, dass diese Entscheidung die Gesellschaft nun befrieden werde.

Kuchen, Sekt und ein bisschen Häme dann doch

Allerdings muss man kein Prophet sein: Die Grünen und die SPD werden ihren Erfolg noch eine Weile auskosten. Einen ganzen Wahlkampf-Sommer lang. Die Tonlage änderte sich schon gleich am Freitagvormittag wenige Minuten nach der Abstimmung, als sich die SPD-Fraktion wie auch die Grünen-Fraktion jeweils zum Empfang trafen. Um Kuchen in Regenbogenfarben zu essen, Sekt zu trinken und Plakate in die Kameras zu halten. "Gut, dass alle gesehen haben", dass Merkel mit Nein gestimmt hat, sagte SPD-Fraktionschef Oppermann genüsslich.

Aber vielleicht ist ja auch das ein Grund zum Feiern: Selten waren sich die Parteien so einig. SPD, Linke und Grüne stimmen geschlossen für die Ehe für alle. In der Union waren 225 dagegen, 75 stimmten mit Rot-Rot-Grün. Darunter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Kanzleramtschef Peter Altmaier, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Ausgerechnet die besonders Merkel-Treuen. Ob ihnen das schadet? Vermutlich nicht. Respekt ist ja bekanntlich keine Einbahnstraße.

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