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Heiße Sommer - Architekten setzen auf Kühlung aus der Tiefe

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Die Sommer werden immer heißer. Gehören Klimaanlagen in Deutschland bald zum Standard wie in den USA? Nein, sagen Architektur-Professoren. Sie empfehlen Kühlung aus der Tiefe.

Klimaanlagen auf einem Dach in Las Vegas
Klimaanlagen auf einem Dach in Las Vegas
Quelle: imago/Rainer Mirau

In den USA sind Klimaanlagen Standard. Urlauber frösteln manchmal, wenn sie vom Strand ins Hotel gehen - denn die in den USA oft nur "AC" genannte "air conditioning" sorgt manchmal für Gänsehaut. In Deutschland hingegen sind Klimaanlagen noch die Ausnahme. Bei Hitzewellen führt das zum Schwitzen - und zu einer großen Sehnsucht nach Abkühlung. Händler von Ventilatoren und Klimaanlagen erwarten Rekordumsätze.

USA: Hohe Luftfeuchte, schlechte Bauweise

Dass die USA ein Land der Klimaanlagen sind, hat laut Thomas Auer nicht nur mit der Hitze zu tun. "In weiten Teilen der USA gibt es eine sehr hohe Luftfeuchte mit geringer nächtlicher Abkühlung", sagt der Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München. Und Marcel Schweiker vom Karlsruher Institut für Technologie findet: "Die Baukultur unterscheidet sich zum Glück zwischen USA und Deutschland. Die oft viel einfachere und billigere Bauweise in den USA fördert den Bedarf an aktiver Kühlung."

Die Forscher gehen nicht davon aus, dass die deutsche Bauwirtschaft eine Klimaanlagen-Offensive starten wird: "Es gibt durchaus Situationen, bei denen eine Klimaanlage das Mittel der Wahl ist. Dies kann man aber keinesfalls verallgemeinern", sagt Thomas Auer. Denn es gebe auch andere Möglichkeiten, ein Haus kühl zu halten. Viel Beton und viel Stein seien hilfreich, findet Auer - "in Kombinationen mit einer effizienten nächtlichen Lüftung, am besten Querlüftung". Will heißen: Man öffnet zwei gegenüberliegende Fenster und lässt die Verbindungstüren offen, sodass die Luft durchziehen kann.

Weniger Fensterfläche

Doch auch bei bestehenden Gebäuden gebe es eine steigende Nachfrage nach Klimageräten. "Sie suggerieren eine schnelle Lösung des Problems und sind leider bei schlecht geplanten Gebäuden die in der Anschaffung wirtschaftlich günstigste Alternative", sagt Marcel Schweiker. Mit Blick auf Neubauten plädiert er für ein gutes "Zusammenspiel zwischen Architektur und Technik". Denn "bereits mit den ersten Strichen eines Architekten kann sich entscheiden, wie viel Kühlung das Gebäude benötigt".

Als einfache Maßnahmen, die die Kühlung erleichtern könnten, nennt Schweiker: eine sinnvolle Orientierung der Räume, ein moderater Anteil an Fensterflächen mit der Möglichkeit, sie zu verschatten, ausreichende Speichermassen wie bei Steinbauten in Italien - und eine Anordnung von Räumen, die eine Querlüftung ermöglichen. Sollte das nicht reichen, gebe es als Alternative "eine Vorkühlung der Luft durch das im Sommer kühlere Erdreich oder eine leichte Kühlung von Oberflächen, wie dem Fußboden oder der Decke, ähnlich der Fußbodenheizung im Winter. Bei guter Planung kann hierfür nahezu das gleiche System verwendet werden wie für die Heizung."

Geothermie: Kühlung aus der Tiefe

Auch Thomas Auer schwört auf die Kühlung aus der Tiefe. "Das Erdreich hat ab einer Tiefe von zehn Metern eine Temperatur von etwa acht bis zehn Grad Celsius. Man kann an extremen Tagen mit einer Pumpe die Kühle in die Bauteile des Gebäudes einspeisen", sagt Auer. Für diese Art von Kühlung bedarf es eines geothermischen Wärmetauschers. "Hierfür werden häufig circa 100 Meter tiefe Erdsonden gebohrt. Durch diese zirkuliert Wasser in einem geschlossenen Kreislauf", erklärt Auer. Im Erdreich werde das Wasser gekühlt – und zirkuliere dann durch die Wohnungen, etwa durch eine Fußboden-, Wand- oder Deckenkühlung. So würden die Räume abgekühlt.

Wer keine Lust oder kein Geld für große Renovierungen zuhause habe, könne mit einfachen Decken-Ventilatoren viel erreichen, findet Auer. "Es gibt technisch sehr hochwertige Produkte, die nahezu geräuschlos sind", sagt der Architektur-Professor. "Durch einen etwas größeren Durchmesser von etwa einem Meter braucht man keine sehr hohe Drehzahl, um eine angenehme Luftbewegung herzustellen."

Japan: "uchimizu" sorgt für Abkühlung

Marcel Schweiker hat in Japan noch eine andere Kühlungsvariante kennen gelernt. "Sie heißt 'uchimizu'. Hier wird vor der Haustür oder der Balkontür Wasser verspritzt. Das kühlt die Oberflächen und die angrenzende Luft ab und führt dazu, dass etwas kühlere Luft in die Räume gelangt", sagt Schweiker. Diese Variante könne "auch bei uns wirksam sein, ist aber nur ratsam, wenn es warm und trocken ist und nicht, wenn es schwülwarm ist". Auch solle dafür kein Trinkwasser verschwendet werden.

Schweiker rät dazu, sich möglichst wenig im Gebäude aufzuhalten. "Wenn Sie sich draußen im Garten oder Park aufhalten, geben Sie keine Wärme im Raum ab – immerhin fast so viel wie die nicht mehr kaufbare 100 Watt Glühbirne", sagt Schweiker.

Klimaanlagen sind Energiefresser

Klimaanlagen haben auch eine umweltpolitische Schlagseite - denn sie sind hungrige Energiefresser. "Sehr kritisch wären die zusätzlichen CO2-Emissionen für den Betrieb der Klimaanlagen sowie die zusätzliche Belastung der Verteilnetze, vor allem in Städten", sagt Thomas Auer. Bedenklich seien auch der Geräuschpegel und die zusätzliche Wärme, die den Städten durch Klimaanlagen drohten. Auer warnt: "Man könnte in der Stadt nachts kein Fenster mehr öffnen, weil irgendwo ein Klimagerät brummt."

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