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Hundertfacher Kindesmissbrauch - Lügde-Prozess: Hoffen auf Geständnisse

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Vor dem Landgericht Detmold hat der Prozess um hundertfachen Kindesmissbrauch in Lügde begonnen. Der Fall steht auch für massives Versagen von Jugendämtern und Polizei.

Tatort war der Campingplatz Eichwald in Lügde. Archivbild
Tatort war vor allem der Campingplatz Eichwald in Lügde. Archivbild
Quelle: Guido Kirchner/dpa

Die Anklage ist erschütternd: Es geht um hundertfachen sexuellen Missbrauch, es geht um brutale Gewalt an Kindern, einige von ihnen waren zum Zeitpunkt der Taten gerade mal vier Jahre alt. Der Campingplatz im westfälischen Lügde war jahrelang für viele Kinder ein Albtraum. Am Landgericht Detmold beginnt nun der Prozess gegen drei Männer.

Drei Männer auf der Anklagebank

Angeklagt sind die beiden Dauercamper Andreas V. (56) und Heiko V. (49) sowie der 34-jährige Mario S. aus dem Kreis Höxter. Allein Andreas V. soll über einen Zeitraum von 20 Jahren 298 Straftaten an 23 Kindern begangen haben. Vorgeworfen wird ihm unter anderem schwerer sexueller Missbrauch, Eindringen in den kindlichen Körper, teils mit Gegenständen. Mario S. wirft die Anklage vor, in 162 Fällen 17 Kinder missbraucht zu haben. Heiko V. aus Stade soll teilweise zu den Taten angestiftet haben.

Die Kinder haben den Ermittlern grausame Einzelheiten geschildert. Unklar ist aber, ob ihnen erneute Aussagen im Prozess erspart bleiben. "Ich appelliere nochmal an die Angeklagten, geständig zu sein", sagt Anwalt Roman von Alvensleben, der ein zehnjähriges Mädchen vertritt. Zwar dokumentieren hunderte Fotos und Videos, die bei Andreas V. gefunden wurden, das Martyrium der Kinder. Aber nur, wenn die Angeklagten aussagen, bleiben den betroffenen Kindern erneute Aussagen erspart.

Warum bekam Andreas V. ein Pflegekind?

Laut Anklage soll Andreas V. am häufigsten seine sechsjährige Pflegetochter missbraucht haben. Warum ein alleinstehender, arbeitsloser Dauercamper mit einem verwahrlosten Wohnwagen überhaupt ein Pflegekind vom Jugendamt zugesprochen bekommt - diese Frage wird der Prozess nicht beantworten. Es ist eine der vielen offenen Fragen, die der Fall Lügde aufwirft. Ein Fall, der für massives Versagen der Behörden steht.

Es gab bei Andreas V. mehrfach Hinweise auf pädophile Neigungen, aber Polizei und Jugendämter ließen entsprechende Ermittlungen im Sande verlaufen - so bekam der Mann das Pflegekind. Das Mädchen diente ihm auch als eine Art Lockvogel für andere Kinder, die er dann mit Geschenken und Gewalt gefügig machte.

Nachträglich Akten manipuliert

Nach der Festnahme von Andreas V. manipulierten Mitarbeiter des Jugendamtes nachträglich Akten. Auch die Polizei machte Fehler bei der Ermittlungsarbeit: Kinder wurden unzureichend angehört, ein Koffer mit Beweismitteln verschwand aus der Polizeibehörde, andere Beweismittel wurden trotz mehrfacher Durchsuchung des Tatorts übersehen. Die behördeninternen Ermittlungen dauern an, unklar ist noch, ob es zu disziplinar- oder weiteren strafrechtlichen Verfahren kommt.

So steht Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) im Fall Lügde seit Monaten politisch unter Druck, ihm droht nun ein Untersuchungsausschuss. Handlungsbedarf erkennt Reul selbst - der Innenminister hat angekündigt, den Kampf gegen Kindesmissbrauch zu einem kriminalpolitischen Schwerpunkt zu machen.

Dazu sollen die 47 Kreispolizeibehörden ihr Personal in diesem Bereich verdoppeln. Zudem soll Bildmaterial zentral im Düsseldorfer Landeskriminalamt ausgewertet werden. Bislang macht das jede örtliche Polizeidienststelle selbst, dabei verschwanden in Lügde die Beweismittel. Die Politik diskutiert mit Nachdruck, wie der Kinderschutz verbessert werden kann, im Düsseldorfer Landtag wurden dazu gerade erst zahlreiche Experten gehört. Ein gemeinsamer Nenner: Die Wunschliste ist lang, der Handlungsbedarf groß.

Urteil könnte noch im August fallen

Im Missbrauchsfall von Lügde könnte schon Ende August das Urteil fallen, vorausgesetzt das Landgericht Detmold kann seinen Zeitplan einhalten. Die Beweislast gilt als erdrückend, es sind nur zehn Verhandlungstage angesetzt. Die politische Aufarbeitung dürfte sehr viel länger dauern: Warum haben Jugendämter und Polizei so viele Fehler gemacht? Wer trägt dafür die Verantwortung? Noch hat die Politik auf diese Fragen keine Antwort.

Dorthe Ferber leitet das ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

Chronologie des Falls

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