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Waliser hadern mit dem Brexit - "Die Stimmung hat sich gedreht"

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Wales hat 2016 für den Brexit gestimmt - nun scheinen die Menschen dort langsam kalte Füße zu bekommen. Das zeigt nicht nur ein Besuch auf der County Show in Pembrokeshire.

Donnernd brechen sich die Wellen der keltischen See an den schroffen Felsen der walisischen Küste - hier, ganz im Westen Britanniens, waren sie Europa schon geografisch gesehen immer abgewandt. Aber manchen hat es doch erstaunt, dass sich Wales beim Brexit-Referendum für "Leave", also den Ausstieg aus der EU, entschieden hatte. Und das, obwohl sie doch gerade hier mit Geldern aus Brüssel verwöhnt wurden.

"In den vergangenen 20 Jahren haben wir hier im County Pembrokeshire rund 80 Millionen Pfund von der EU bekommen", rechnet Gwyn Evans vor, der Europabeauftragte seines Kreises. "Das Geld wird uns sehr fehlen und wir wissen nicht, woher Ersatz kommen soll."

2016 von der EU losgesagt

Mit über 57 Prozent, noch klarer als viele andere, hat sich Pembrokeshire im Juni 2016 von der EU losgesagt. Seine 120.000 Einwohner leben vor allem von Tourismus und von der Landwirtschaft. Und um die dreht sich alles bei der County Show, einer Mischung aus Messe, Rummel und Viehmarkt. Mit Nutztier-Prämierung, Traktorenverkauf und Hüpfburg. Immer im August und nun zum letzten Mal vor dem Brexit. Und so liegt ein Hauch von Unsicherheit über dem bunten Treiben - und eine Prise Wehmut.

"Zum Zeitpunkt des Referendums lief die Wirtschaft schlecht und die Waliser wollten einfach der Regierung in London einen mitgeben, weil sie sich nicht ernst genommen fühlten", erklärt Alistair Cameron den Ausgang des Referendums. "Aber jetzt hat sich die Stimmung gedreht."

Viele machen ihrem Unmut Luft

Und tatsächlich: An seinem Informationsstand, mit dem der politisch aktive Englischlehrer das Landvolk vom Unsinn des EU-Ausstiegs überzeugen will, machen viele ihrem Unmut Luft. Über luftige Versprechungen, dilettantische Verhandlungen, mangelnde Information. Jüngste Umfragen zeigen: Würde noch einmal abgestimmt, dann wäre ganz Wales und wäre auch Pembrokeshire für "Remain", also den Verbleib in der EU.

Aber nur die Wenigsten können sich für ein neues Referendum begeistern. "Wir haben doch schon abgestimmt", zürnt Rinderzüchter Meirion Jones, während sich seine prächtigen Bullen schnarchend im Heu erholen. "Wenn eine Wahl gelaufen ist und das Ergebnis passt einem nicht, dann schreit man ja nicht auch gleich nach Neuwahlen."

Forderung nach dem "Final Say"

Mehrheitsentscheidungen sind heilig im Mutterland der parlamentarischen Demokratie. Aber inzwischen ist zumindest die Forderung nach einem "Final Say" kaum noch zu überhören. Das Volk verlangt eine Abstimmung über das Verhandlungsergebnis mit dem die Regierung die Nation aus der EU führen will. Und ein "harter Brexit", wie ihn manche Europa-Verächter fordern, würde dabei wohl keine Mehrheit finden. Dass die Austrittsverhandlungen seit Monaten auf der Stelle treten, macht die einen wütend und die anderen unsicher.

"Können wir denn danach unsere Schafe noch auf den Kontinent exportieren? Und wenn ja, zu welchen Bedingungen?" fragt Eirlys Jones und streichelt ihr prämiertes Zuchtschaf Samuel. "Wir müssten doch jetzt wissen, welche Beschränkungen und neuen Regeln es geben wird. Aber von der Regierung kommt nichts!"

Größter Eiertanz der Weltgeschichte

So geht es nicht nur den Viehzüchtern, sondern allen Branchen. Ob Banken, Industrie oder Transportgewerbe - alle verharren im Limbo. Der Brexit entwickelt sich zum größten Eiertanz der Weltgeschichte; und dass die Nöte der walisischen Schafexporteure nicht den Spitzenplatz auf der Prioritätenliste der Regierung einnahmen, kann man da schon fast verstehen.

"Lobet den Herrn" intoniert schwermütig das Blasorchester der Heilsarmee und im Event-Zelt nebenan lädt die Landfrauenvereinigung zum Sektempfang. Grelle Kostüme, muntere Hüte - ein Herzstück britischer Folklore, zu diesem Anlass befreit von politischen Sorgen. "Über den Brexit sollen heute die Männer auf ihren Traktoren nachdenken", lachen die Landfrauen von Pembrokeshire. "Wir feiern jetzt mit Erdbeeren und Prosecco!" Abtauchen und Ignorieren - auch das ist eine Art, mit den Ungewissheiten dieser Tage umzugehen. Vielleicht nicht mal die schlechteste.

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