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Hoffnung in Homs und Rakka, Terror in Idlib

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Syrische Schicksale - Hoffnung in Homs und Rakka, Terror in Idlib

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Nach sieben Jahren Krieg in Syrien unterrichtet ein Lehrer endlich wieder in Homs, ein Händler will zurück nach Rakka. Ein Sanitäter in Idlib erlebt aber täglich weiter Gewalt.

Archiv: Kinder in Syrien, aufgenommen am 11.02.2016 in Aleppo
Kinder in Syrien (Archivfoto 2016)
Quelle: AP

Sieben lange Kriegsjahre hat der Lehrer, der aus Sorge um seine Sicherheit Alim genannt werden möchte, so gut wie keine Schüler unterrichten können. Die Schule in einer von Oppositionskräften gehaltenen Kleinstadt nördlich von Homs war ausgebombt, die Familien waren mit ihren Kindern auf der Flucht oder suchten Schutz in ihren Häusern oder in selbstgebauten Bunkern. "An regulären Unterricht war einfach nicht zu denken", sagt Alim, der inzwischen jedoch von einem Neuanfang berichtet.

Improvisiertes Klassenzimmer im Wohnzimmer des Lehrers

"Die Schule ist noch nicht wiederaufgebaut, aber es fallen keine Bomben mehr auf unsere Stadt und die ersten Kinder kommen wieder zum Unterricht", erzählt er im Videointerview mit heute.de. Jungen und Mädchen, deren Eltern sich das Unterrichtsgeld leisten können, bekommen nun Unterricht in Alims Privathaus. In seinem Wohnzimmer gewöhnt er die Kinder und Jugendlichen langsam wieder ans Lernen: "Das fällt verdammt schwer, weil viele Schüler traumatisiert sind und sich nur sehr schwer konzentrieren können", berichtet Alim.

Ich habe 16- und 17-jährige Schüler, die mich fragen, wofür sie überhaupt noch was lernen sollen, wofür sich das lohnen soll.
Alim, Lehrer

Er beschreibt viele von ihnen in einem Zustand, in dem Apathie und Aggression abwechselten. "Ich habe außerdem 16- und 17-jährige Schüler, die mich fragen, wofür sie überhaupt noch was lernen sollen, wofür sich das lohnen soll", sagt Alim. "Der Krieg hat sie kaputt gemacht – sie misstrauen der Ruhe, glauben, es geht bald wieder los mit dem ganzen Unheil."

"Die Russen haben hier mit Militärpräsenz für Sicherheit gesorgt"

Alim - ein intelligenter, höflicher und sanfter Mann in seinen Dreißigern - versucht es mit Strenge im Unterricht. "Es fällt mir manchmal schwer, aber anders hast du keine Chance." Außerdem, so meint er, versuche er den Blick seiner Schüler in den Pausen auf die Ansätze des Wiederaufbaus zu richten. "Die Russen haben hier mit Militärpräsenz für Sicherheit gesorgt und mit der Assad-Regierung und der Opposition eine Vereinbarung ausgehandelt, die Zivilisten vor Verfolgung schützen soll", sagt Alim.

Nur wenige Männer unserer Stadt sind bislang verschwunden - wir hatten Schlimmeres befürchtet.
Abdelkader, Computerspezialist

Im Großen und Ganzen würden die Absprachen eingehalten. "Nur wenige Männer unserer Stadt sind bislang verschwunden - wir hatten Schlimmeres befürchtet." Über das "Verschwinden" von Zivilisten in ehemals von der syrischen Opposition gehaltenen Gebieten berichtet auch Abdelkader: "Wirklich sicher kann sich niemand fühlen." Der Computerspezialist hat heute.de über Jahre hinweg Berichte aus seiner Heimatstadt Rakka und aus Aleppo im Norden Syriens geliefert. Inzwischen lebt er mit seiner Familie in der türkischen Hauptstadt Ankara.

Augenzeuge: Russen dominieren Geschäft des Wiederaufbaus

Abdelkader pendelt nach eigenen Aussagen regelmäßig zwischen der Türkei und Syrien. "Sobald in Rakka wieder sichere Verhältnisse herrschen, werden wir zurückkehren und unser Geschäft wiedereröffnen", sagt er. Den Wiederaufbau Syriens fest im Blick scheinen auch viele russische Firmen zu haben. Nach Aussagen von Einwohnern der Region Homs etwa seien Zementfabriken und Baufirmen inzwischen in russischer Hand. "Dazu kommen wichtige Handelsgeschäfte für Pflanzensamen, Zucker, Salz und Reis", berichtet Alim.

Karte: Syrien - Latakia, Aleppo, Damaskus
Karte: Syrien - Latakia, Aleppo, Damaskus
Quelle: ZDF
Jedenfalls dominieren die Russen das Geschäft mit dem Wiederaufbau und beschäftigen eine Menge Leute aus unserer Region.
Alim, Lehrer

"Vielleicht übernimmt Russland jetzt die Verantwortung, Syrien wieder auf die Beine zu bringen", meint der Lehrer. "Jedenfalls dominieren die Russen das Geschäft mit dem Wiederaufbau und beschäftigen eine Menge Leute aus unserer Region." Ein anderer Augenzeuge berichtet davon, dass russische Unternehmen Syrern Mitarbeiterkarten ausstellen würden, "mit denen sie sorglos durch jeden syrischen Checkpoint gewunken werden". Es komme wieder Geld in die Familien – und ein Gefühl von Normalität.

"Für uns ist der Krieg noch immer nicht vorbei"

Wir sehen hier täglich Menschen sterben.
Bilal, Sanitäter

Während die Einwohner der Region Homs und Rakkas vom beginnenden Wiederaufbau ihrer Heimat berichten, toben hingegen in Idlib im Nordwesten Syriens weiterhin Gefechte zwischen Regimekräften, Oppositionellen und protürkischen Milizen, von denen einige Sammelbecken für radikale Dschihadisten sind. "Wir sehen hier täglich Menschen sterben", berichtet der Sanitäter Bilal. "Für uns ist dieser Krieg noch immer nicht vorbei."

Von der Türkei als Schutzmacht seien viele Einwohner Idlibs enttäuscht. "Die Türken schauen dem Treiben einfach zu; ich denke, sie scheren sich eigentlich einen Dreck um uns", meint Bilal. Was ihn verbittert, ist die erlebte Aussichtslosigkeit auf ein Ende des Konflikts. Während des Gesprächs sitzt er mit seinen Kindern im Wohnzimmer. Plötzlich zucken die Kleinen zusammen und blicken zum Fenster. Am Himmel donnert ein Kampfjet dahin. Die Kinder rücken an ihren Vater heran. Er nimmt sie in den Arm und sagt mit fast ausdrucksloser Stimme: "Allein heute Vormittag etwa zehn Luftangriffe, so sieht das bei uns aus, und keinen da draußen kümmert's."

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