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Leben auf der Straße - "Ich möchte einfach leben"

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"Ich hoffe, dass es irgendwann besser wird", sagte der Obdachlose Holger vor fünf Wochen. Seitdem hat sich viel getan. Er könnte den Weg zurück ins Leben schaffen.

Holger Haupt lebt in Mainz auf der Straße. Nach einem Facebook-Bericht wollten ihm viele helfen - und es gab sogar Jobangebote. Wäre es die Chance auf einen Neuanfang?

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Ein lautes Blöken. Zwei dicke, wollige Schafe trotten aus einem Stall heraus, in der Ferne klappern Pferdehufe. Ansonsten herrscht Stille über dem Mauritiushof. Der Regen in der Eifel hat nachgelassen, der Schnee ist geschmolzen. "Ich bin überwältigt", sagt Holger. Er stapft durch den Matsch, eine Weide entlang. Müde Pferdeaugen blicken ihm hinterher. Die Tiere haben durchhängende Rücken und stumpfes Fell, spitzen jedoch neugierig die Ohren, als Holger sie mit ausgestrecktem Arm anlockt.

"Das kann jedem passieren, nur nicht mir"

Holger ist 46 Jahre alt und obdachlos. "Ich dachte: um Gottes Willen. Das kann jedem passieren, nur nicht mir. Aber auf einmal war ich in der Situation. Von heute auf morgen musste ich raus aus der Wohnung. Hatte keine Arbeit mehr und keine Wohnung", erklärt Holger. Er geriet auf die schiefe Bahn, dealte mit Drogen und landete dreimal im Gefängnis. Seit drei Jahren lebt er auf der Straße und bettelt.

Holger
Holger auf dem Mauritiushof Quelle: ZDF

Sonja van den Broek sah Holger auf der Facebookseite der ZDFheute und wollte ihm helfen. "Als ich ihn gesehen habe dachte ich: Na, das geht auch nicht. Meine Mitarbeiterin hat im Oktober gekündigt und ich suche händeringend nach jemandem, der mich unterstützt", berichtet sie. Die beiden kennen sich. Sie war früher Holgers Vorgesetzte, als dieser noch in einem Tierheim in Mainz arbeitete. Am Ende war das Verhältnis zerrüttet, dennoch möchte sie ihm eine zweite Chance geben, auch weil sie Holgers Fähigkeiten kennt. "Man muss jemanden haben, der mit Tieren umgehen kann. Das ist ein Talent und das hat der Holger", sagt Sonja van den Broek.

Ein neues Leben in der Eifel?

Das beweist Holger bei seinem Besuch in der Eifel. Er läuft direkt zu den Pferden, die auf dem Hof ihren Lebensabend verbringen. Im Tierheim hatte er früher hauptsächlich mit Hunden zu tun. "Das ist dann doch etwas anderes - das sind sehr große Hunde", bekennt Holger.

In einer anliegenden Wohnung könnte er gemeinsam mit seiner Hündin Ronja wohnen. Der Schritt fällt ihm allerdings nicht leicht. "Das macht mir schon ein bisschen Angst. Denn du musst alles zurücklassen", sagt er. Er ist in Mainz verwurzelt, schon sein Leben lang. Dort leben seine Mutter und sein Bruder. Auf der Straße hat er zudem eine Art Ersatzfamilie gefunden. "Bei vielen Obdachlosen herrscht untereinander eine unglaubliche Solidarität", erzählt Nele Kleinehanding vom Verein Armut und Gesundheit in Deutschland. Sie kann sehr gut nachvollziehen, warum Holger noch zögert.

"Wir können uns da nicht hineinversetzen"

Holger
Holger Quelle: ZDF

Die Sozialarbeiterin ist mitgereist in die Eifel, um sich gemeinsam mit Holger das mögliche Arbeitsumfeld anzuschauen. Die beiden laufen mit Besitzerin Sonja van den Broek über den Hof. Holger blickt über die Felder, scheint mit den Gedanken woanders zu sein. Im Umkreis nichts als Weideland und Waldstücke. Keine Stadt, kaum Menschen, das verregnete Grau liegt wie ein Schleier über der Landschaft. "Bei Vielen gab es einen Bruch in der Lebensgeschichte. Man wird ja nicht aus heiterem Himmel obdachlos", sagt Nele Kleinehanding, "wir können uns da nicht hineinversetzen." Die Arbeit auf dem Gnadenhof könnte für Holger ein Neuanfang sein.

Ein Neuanfang, der unglaublich kompliziert ist. Behörden und Arbeitgeber erschweren den Schritt zurück in ein geregeltes Leben häufig. "Die bürokratisch-administrativen Hürden sind enorm", sagt Nele Kleinehanding. Sie ist begeistert von Holgers potenzieller Chefin. Sonja van den Broek bringt Holger etwas entgegen, das ihn sonst kaum jemand spüren lässt - nicht auf der Straße, und schon gar nicht im Jobcenter: Verständnis und Flexibilität. "Selbst wenn Holger hier nur sechs Wochen arbeitet und dann merkt, dass er es doch nicht will, wäre mir damit auch schon geholfen", sagt die Hofbesitzerin. Allerdings wäre noch viel zu tun. "Es gibt keine Krankenversicherung. Es gibt gerade keinen festen Leistungsbezug, sondern nur die Tagessätze. Es muss gesundheitlich etwas geklärt werden. Aber für die Gesundheitsvorsorge braucht man eine Krankenversicherung", sagt Nele Kleinehanding.

Die Entscheidung braucht Zeit

Holger möchte eine verlässliche Antwort geben, das Vertrauen nicht enttäuschen. Vor fünf Wochen sagte er: "Ich möchte einfach leben." Heute steht er neben einer Reithalle. Die Sonne geht gerade unter, eine eisige Kälte zieht über den Hof. Es war ein langer Tag. Ein Tag, der sein Leben ändern könnte. Er möchte es schaffen. Doch der Weg zurück ins Leben ist weit. "Nichts ist unmöglich", meinte Holger noch kürzlich. Er reibt sich die Hände, blickt zur einzigen Straße, die vom Hof weg führt. Heute fällt die Entscheidung noch nicht.

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