Sie sind hier:

Psychiatrische Hilfe daheim - Depressionen mit mehr Ruhe behandeln

Datum:

Psychisch Kranke zuhause therapieren – seit Anfang des Jahres ist das möglich. Patienten müssen so nicht mehr ins Krankenhaus. Stattdessen kommen Therapeuten und Ärzte zu ihnen.

Bei der Krankheit Depression gibt es Wissenslücken. Symbolbild
Bei der Krankheit Depression gibt es Wissenslücken. Symbolbild
Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Wenn Chefarzt Dr. Martin Zinkler am Donnerstagmorgen zu seinen Patienten fährt, dann erwarten ihn immer wieder Überraschungen. Mal ist der Tisch liebevoll gedeckt, mal eine Wohnung vernachlässigt, mal bleibt die Tür auch ganz geschlossen.

Neue Behandlung bringt intensivere Kontakte

Seit mehr als einem Jahr nehmen Zinkler und sein Team vom Krankenhaus Heidenheim an der Brenz an einem Modellprojekt teil: "Home treatment" heißt es und meint die Behandlung von psychisch kranken Menschen in ihren eigenen vier Wänden. Fünf bis zehn Patienten werden jeden Tag besucht, Patienten, die sonst stationär aufgenommen werden müssten. "Die allermeisten Menschen wollen nicht in eine Psychiatrie", so Dr. Martin Zinkler, "und wenn dann Leute kommen, die nett sind, und die sich für sie interessieren, dann ist da gleich eine ganz andere Grundlage".

So wie bei Valeria Menz (Name geändert). Die junge Mutter hatte mit Selbstmord gedroht. Völlig aufgelöst brachte ihr Mann sie in die Notaufnahme. Valeria hatte eine schwere Depression – in die Klinik aber wollte sie auf keinen Fall. Sie fühlte sich einsam und mit ihrem sechs Monate alten Baby allein gelassen. Die Ärzte beschlossen, sie zuhause zu behandeln. Fachärzte, Pfleger, aber auch Sozialpädagogen konnten schließlich ihr Vertrauen gewinnen, neue Kontakte für sie knüpfen, Auswege aufzeigen.

Weniger Aggressionen unter Patienten

Die Vorteile der Behandlung zuhause liegen auf der Hand: Die Hemmschwelle, ins Krankenhaus zu gehen, fällt weg. Die Stationen sind nicht mehr überfüllt, es gibt weniger Aggressionen der Patienten untereinander. "Wir können eine ganz andere Beziehungsarbeit leisten," erzählt Michael Waibel, Pflegedienstleiter im Klinikum Heidenheim. "Und darum geht es ja in der Psychiatrie: Beziehungen zu gestalten, Zeit für den Patienten zu haben."

Auch Ludmilla Sobodzic (Name geändert) hat davon profitiert. Seit 30 Jahren leidet die Serbin unter Schizophrenie. Immer wenn sie eine Psychose bekam, wurde sie laut, ärgerlich, mürrisch und schimpfte mit den Stimmen im eigenen Kopf. Einmal musste sie gar von einem Richter in die Psychiatrie eingewiesen werden. Im vergangenen Jahr beschloss das Heidenheimer Ärzteteam, es mit Home treatment zu versuchen. "Sie vertrug die anderen Kranken einfach nicht", erinnert sich Michael Waibel. Seitdem ist sie ruhiger geworden, sie hat Vertrauen gefasst, ist einverstanden, wenn ihre Mutter wieder mal die Ärzte zur Hilfe ruft.

Angehörige müssen einverstanden sein

"Unsere Kontakte sind viel intensiver", sagt Chefarzt Dr. Martin Zinkler. "Im Krankenhaus sehe ich die Patienten zwar täglich bei der Visite, aber das geht dann meist schnell-schnell. Bei ihnen zuhause aber habe ich mehr Zeit, da ist dann auch eine längere Gesprächszeit drin." Zinkler selbst kommt einmal wöchentlich, an den anderen Tagen sind seine Kollegen im Einsatz: Pfleger, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten aber auch Kunsttherapeuten wechseln sich ab. "Wichtig ist nur, dass die Personen immer dieselben sind, und die Patienten sich nicht ständig an neue Menschen gewöhnen müssen", sagt Pflegedienstleiter Waibel.

Was Zinkler und sein Team schon seit Januar 2017 getestet haben, gibt es seit Anfang dieses Jahres ähnlich für alle Krankenhäuser in Deutschland. "Stationsäquivalente Behandlung" nennt es sich im Amtsdeutsch: Gemeint sind mobile ärztlich geleitete multiprofessionelle Behandlungsteams, die die vollstationäre Behandlung ersetzen sollen. Voraussetzung für diesen neuen Weg: Das Behandlungsteam muss im Krisenfall schnell intervenieren und der Patient auch kurzfristig die Klinik erreichen können. Zudem müssen alle im häuslichen Umfeld lebenden Menschen damit einverstanden sein.

Für den Arzt ist es ein Auswärtsspiel

In der Heidenheimer Psychiatrie hat man errechnet: 40 Prozent der Patienten haben Psychosen, 40 Prozent sind schwer depressiv und 20 Prozent leiden unter Angstzuständen oder Altersdepression, sind suchtkrank. Gerade Letztere sind schwer in eine psychiatrische Station zu bewegen, weil sie sich selbst nicht als psychisch krank erleben. Für sie ist die Hemmschwelle durch das Home Treatment deutlich niedriger.

"Das Verhältnis Arzt/Patient ist ein ganz anderes", resümiert Dr. Martin Zinkler. "Der Patient ist der Hausherr. Ich muss ihn fragen, ob ich reinkommen darf und ob ich die Schuhe ausziehen soll. So begegnen wir uns auf einer anderen Ebene. Um es in der Fußballersprache zu sagen: Der Patient hat ein Heimspiel, ich als Arzt ein Auswärtsspiel – und da strengt man sich bekanntlich ja mehr an."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.