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"Just a gay German Cop" - Schwul und seit 22 Jahren bei der Polizei

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Wolfgang Appenzeller ist Polizist und schwul. In sozialen Medien kämpft er für Gleichbehandlung und Akzeptanz. Um den Umgang mit Homosexuellen ging es heute auch im Bundesrat.

Wolfgang Appenzeller
Wolfgang Appenzeller
Quelle: twitter.com/hallowolfgang

Wolfgang Appenzellers persönliche Facebookseite trägt den Namen "Just a gay German Cop". Fast 900 Likes hat sie mittlerweile. Im Interview spricht er über seine persönlichen Erfahrungen, seine Wünsche für die Zukunft und darüber, was er von Konversionstherapien hält. Diese umstrittenen Verfahren sollen Homosexuelle heterosexuell machen. Sieben Länder haben heute im Bundesrat gefordert, sie zu verbieten.

heute.de: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Social-Media-Auftritt mit dem Namen "Just a gay German cop" zu starten?

Wolfgang Appenzeller: Ich bin der Überzeugung, dass Sichtbarkeit der Schlüssel für Akzeptanz ist. Je mehr Kolleginnen und Kollegen damit offen umgehen, desto mehr heterosexuelle Kollegen setzen sich mit dem Thema auseinander. Ich weiß, dass man Vorurteile durch offenen Kontakt abbauen kann. Außerdem will ich deutlich zeigen, dass wir bei der Polizei ein Arbeitsumfeld haben, wo keiner seine Homosexualität verheimlichen muss.

heute.de: Wie haben Ihre Kollegen auf diese Idee reagiert?

Appenzeller: Die meisten reagieren positiv. Auch mein Partner findet es gut, was ich mache. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. Für manche ist so ein Social-Media-Auftritt zu provokativ. Aber das nehme ich als gutes Feedback mit. So kann ich auch besser einschätzen, ab wann es vielleicht zu viel wird. Ich will auf jeden Fall vermeiden, dass die Leute am Ende abweisend reagieren. Kürzlich war ich auf Dienstreise in Bamberg und habe Vorträge gehalten bei unseren zukünftigen Kollegen, die sich derzeit noch im Studium befinden. Auch da war das Feedback sehr positiv.

heute.de: Wie reagiert man in der Führungsebene?

Appenzeller: Ich habe viel Unterstützung von der Führungsetage erfahren. Letztes Jahr war der Vizepräsident der Bundespolizei in München auf einer Veranstaltung von VelsPol (Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter) in Uniform anwesend. Das ist ein sehr deutliches Signal sowohl nach außen als auch nach innen!

heute.de: Wann haben Sie sich vor Ihren Kollegen geoutet?

Appenzeller: Ich bin mit 20 zur Polizei gegangen. Geoutet habe ich mich etwa zwei Jahre später. Damals hatte ich meinen ersten Freund. Mein dienstliches Coming-out war eigentlich total ungeplant. (Appenzeller lacht herzlich.) Wir sind damals von einem Einsatz zurückgekommen. Eine Kollegin und ich saßen noch zusammen und haben uns unterhalten. Ich habe wohl über beide Ohren gegrinst, weil ich eben an diesem Wochenende meinen ersten Freund kennengelernt hatte. Das hat sie gemerkt und sie wollte alles genauestens wissen. Ich habe nur herumgedruckst und irgendwann hat sie mich dann gefragt: "Und, wie heißt er denn?" Das war sozusagen der Türöffner für mein Coming-out bei der Bundespolizei. 

heute.de: Haben Sie gezögert, als sie sich bei der Polizei beworben haben?

Appenzeller: Ich wusste schon lange, dass ich homosexuell bin. Aber gezögert habe ich deswegen nie. Ich wurde im Oktober 1994 eingestellt. In Juni 1994 wurde der Paragraph 175 eingestellt, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Ich konnte den Gedanken nicht abstellen, dass ich ab jetzt bei einer Behörde arbeiten würde, die bis vor kurzem noch den gesetzlichen Auftrag hatte, Leute wie mich strafrechtlich zu verfolgen. Da habe ich damals lange Zeit überlegt, ob ich bei der Polizei bleiben will und wie ich damit umgehen möchte. Ich habe mich für den Weg entschieden und mich damit auseinander gesetzt. 22 Jahre danach bin ich Ansprechpartner für Schwule, Lesben, Transgender und Intersexuelle bei der Polizei. Ich finde, das war ein guter Weg. 

heute.de: Gab es Momente, in denen Sie sich diskriminiert oder ausgeschlossen gefühlt haben?

Appenzeller: Ich habe in den 22 Jahren bei der Polizei fast nur positive Erfahrungen gemacht. Es gab einen Vorfall, der mich auch dazu bewogen hat, eine Beschwerde zu schreiben. Ein Vorgesetzter hatte mich - zwar nicht in meinem Beisein, aber vor Kollegen - beschimpft. Er hatte mich damals unter anderem als Schwuchtel bezeichnet. Die Behörde hat damals die Konsequenzen gezogen und dienstrechtliche Konsequenzen gegen ihn eingeleitet.

heute.de: Was erhoffen Sie sich von Ihrer persönlichen Facebook-Seite?

Appenzeller: Ich bin Mitarbeiter der Gleichstellungsbeauftragten und habe mehrere psychologische Ausbildungen gemacht. Dabei habe ich viel über die Grundbedürfnisse wie Bindung, Selbstwirksamkeit und Autonomie gelernt. Ich glaube, dass ich mit meinem Blog auf dem Gebiet LSBTI für diese Bedürfnisse eine Plattform bieten kann. Ich weiß, dass man Minderheitenstress am besten entgegnet, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Und ich will deutlich machen: Hier ist ein Arbeitsplatz, an dem ich so sein kann, wie ich eben bin. Ich bin da gerne ein Vorbild und zeige, dass es gut funktioniert. Aber es ist es eine ganz persönliche Entscheidung, ob und wo man sich outet. Ich will da niemanden überreden.

heute.de: Wie würden Sie reagieren, wenn ein Bürger Sie erkennt und negativ reagiert?

Appenzeller: Meine Erfahrung ist, dass man nicht alles persönlich nehmen sollte. Einfach mit einer Portion Gelassenheit und gegebenenfalls mit Humor reagieren. Ich denke, das ist das beste Rezept. 

heute.de: Gibt es Dinge, die sich bei der Polizei ändern müssen?

Appenzeller: Wenn ich einen Wunsch formulieren dürfte, dann würde ich sagen, dass die Thematik schon in der Ausbildung mehr aufgegriffen werden soll. Dass es einfach standardmäßig in der Ausbildung enthalten ist. Ich finde auch, dass Kollegen in Führungspositionen ein allgemeines Hintergrundwissen haben sollten. 

heute.de: Was halten Sie von Konversionstherapien?

Appenzeller: Also, ich persönlich will es mal so sagen: Stellen Sie sich mal vor, jemand würde zu Ihnen sagen: "Wir bilden dich jetzt zum Homosexuellen aus." (Er schmunzelt und lacht erneut.)

Das Interview führte Silvia Koch.

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