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Human Brain Project - "Der größte Hirnatlas, den es je gab"

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In Leipzig endet heute der 90. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Thema dort war auch das "Human Brain Project", das zum Ziel hat, das menschliche Gehirn als Computer-Modell nachzubauen. Warum wir das brauchen, erklärt Hirnforscherin Katrin Amunts im heute.de-Interview.

Warum sind Gehirne von Synästheten interessant für die Wissenschaft? Die Erkenntnisse könnten eine neue Dimension in der Hirnforschung eröffnen. (Bonusclip zu "Supertalent Mensch II: Die Superhirne")

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heute.de: Frau Amunts, 2013 startete das von der Europäischen Kommission finanzierte und Millionen teure Großprojekt "Human Brain Project". Ein Jahr später kam es bereits zum Eklat, hunderte Wissenschaftler stellten es in Frage. Warum halten Sie dennoch an der Idee fest?

Katrin Amunts: Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen das Ziel einer Simulation des Gehirns, das beim "Human Brain Project" zunächst sehr stark im Mittelpunkt stand. Das wurde für unrealistisch gehalten. Daneben gab es auch Kritik an der Organisationsstruktur. Auf beide Kritiklinien wurde eingegangen. Sowohl die Organisationsstruktur als auch die wissenschaftlichen Ziele sind neu definiert worden. Dass es zu Beginn zu dieser Auseinandersetzung kam, ist aber auch in Ordnung. Wissenschaft ist nunmal ein Prozess mit vielen Diskussionen und gegensätzlichen Meinungen.

heute.de: Wie lauten die Ziele des "Human Brain Project"?

Amunts: Wir wollen eine europäische Forschungsinfrastruktur schaffen, um die Anstrengungen zahlreicher Hirnforscher weltweit zu bündeln. Die Neurowissenschaft ist sehr komplex - es gibt zum Beispiel Molekular- und Zellbiologen, Experten, die auf der Ebene des Gesamtorgans und seiner Funktionen arbeiten, und Wissenschaftler, die die Erkrankungen im Fokus haben. All diese Bereiche haben bereits unzählige Datenmengen produziert. Wir wollen das Wissen zusammenfügen. Denn letztlich gehören all diese Ebenen der Hirnorganisation ja auch real zusammen.

heute.de: Wie werden diese Ebenen zusammengefügt?

Amunts: Unser Ziel ist, einen online zugänglichen Gehirnatlas zu entwickeln. Hirnforscher weltweit sollen am Ende darauf zugreifen können, um in einem gemeinsamen Referenzsystem zu arbeiten und zu kooperieren. Wir glauben, dass dieser Ansatz die Hirnforschung voranbringen wird.

heute.de: Das Modell soll im Jahr 2023 stehen, ist das zu schaffen?

Amunts: Ja, wir hoffen bis dahin den umfassendsten Atlas des Gehirns erstellt zu haben, den es je gab. Das heißt nicht, dass das Ziel ein 1:1 Abbild jeder einzelnen Synapse sein kann, das dann der Weisheit letzter Schluss wäre. An dem Modell muss natürlich weitergearbeitet werden, denn es kommen ja immer wieder neue Erkenntisse dazu.

heute.de: Kann sich auch ein Laie den Hirnatlas anschauen, und was wird er darin dann sehen?

Amunts: Im Prinzip ja, der Atlas wird frei zugänglich sein. Man kann ihn sich als eine Art Google-Brain vorstellen, in das man beliebig rein- und rauszoomen kann. Sowohl einzelne Zellen als auch riesige Netzwerke werden in dem web-basierten Hirnmodell sichtbar sein. Interessierte können sich dann zum Beispiel ein Bild davon machen, was in ihrem Gehirn passiert, wenn sie ein Gesicht erkennen oder eine Bewegung steuern.

heute.de: Zur Unterhaltung soll der web-basierte Atlas aber sicherlich nicht dienen, oder?

Amunts: Nein. Das Hauptziel unserer ganzen Bemühungen ist, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Es sind wahrscheinlich Hunderte Billionen von Synapsen, die miteinander kommunizieren. Hinzu kommt die Anzahl der möglichen Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die einfach gigantisch ist, zumal sich ja auch alles in Bewegung befindet. Wir wollen die Regeln dieses komplexen Kommunikationssystems verstehen. Von diesem Wissen hätten wir tatsächlich eine Menge.

heute.de: Was zum Beispiel?

Amunts: Einmal wäre da die Medizin zu nennen. Erkrankungen des Gehirns stellen eine riesige Belastung dar - nicht nur für die Patienten, sondern auch die Angehörigen und das Gesundheitssystem. Wir hoffen, mithilfe des Projekts bessere Therapien und Diagnoseverfahren entwickeln zu können.
Außerdem werden die Erkenntnisse über das Gehirn die Entwicklung im technologischen Bereich vorantreiben. Und schließlich gibt es auch ein weltanschauliches Interesse. Das Gehirn ist sehr eng verbunden mit dem, was uns als Person ausmacht. Von was lässt sich der Mensch beeinflussen oder auch manipulieren? Müssen wir unser Verständnis von Freiheit vielleicht überdenken? Das alles sind fundamentale Fragen der Natur- und Geisteswissenschaften, die wir diskutieren werden.

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