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Opposition in der Türkei - Hunderte laufen gegen Erdogan

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Von Ankara zu Fuß ins mehr als 400 Kilometer entfernte Istanbul. Der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu protestiert mit einem "Gerechtigkeitsmarsch" gegen die Missstände in seinem Land. Hunderte laufen mit und fordern damit Präsident Recep Tayyip Erdogan heraus.

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Ekin sitzt erschöpft auf einem Stuhl unter einem Baum und streckt die Beine weit von sich. Die Sonne brennt, seit Tagen ist er unterwegs, läuft täglich rund 20 Kilometer zu Fuß - und das bei 34 Grad im Schatten. Hinter ihm drängen mehr als Tausend Menschen auf den Hof einer Schule in der Westtürkei, um zu verschnaufen. Sie tragen weiße Mützen mit der roten Aufschrift "adalet": "Gerechtigkeit". Gestartet sind sie in Ankara, das Ziel Istanbul wollen die Demonstranten am Wochenende erreichen.

Aufschrei gegen Verhaftungen

Kemal Kilicdaroglu, der Chef der größten Oppositionspartei CHP, war es, der diesen Marsch initiiert hat. Am 15. Juni lief er in der türkischen Hauptstadt Ankara los, mit nur wenigen Anhängern. Täglich kamen mehr dazu. Inzwischen unterstützt auch die pro-kurdische Oppositionspartei HDP die Aktion.

Auslöser war die Verurteilung des CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft wegen Geheimnisverrats. Der Protest ist zu einem Aufschrei gegen Massenentlassungen, Verhaftungen und die Politik von Staatspräsident Erdogan geworden. Die Demonstration soll mit einer Abschlusskundgebung in Istanbul enden.

Je größer die Unterstützung für die Opposition, umso gereizter reagiert Erdogan selbst. Am vergangenen Samstag warf er der CHP etwa vor, mit Terrororganisationen zusammenzuarbeiten. Auch viele AKP-Anhänger halten nichts von dem Protest. Kilicdaroglu erzählt von Beschimpfungen am Wegesrand. Jemand habe etwa in einer Nacht neben dem Ruheplatz der CHP Gülle abgelassen. Dennoch reagiert Kilicdaroglu stets gelassen und ruft seine Anhänger dazu auf, sich nicht provozieren zu lassen.

"Das hier ist unser letzter Ausweg"

Für Ekin war die Verhaftung Berberoglus nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Regierung habe nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 eine "falsche Politik" betrieben, sagt er. Der Ausnahmezustand etwa sei nun schon fast ein Jahr in Kraft, Journalisten seien im Gefängnis. "Sie haben von der Opposition niemanden mehr übrig gelassen." Der 28-Jährige sagt, er arbeite als Sicherheitskraft im Staatsdienst. Details will er lieber nicht nennen. Er sei erst vor einer Woche dazugestoßen und verwende jetzt seinen Urlaub, um die letzte Etappe bis nach Istanbul mitzulaufen. "Das hier ist unser letzter Ausweg, deswegen laufen wir", sagt er.

Ein von der CHP initiierter Protest als Ausweg? Die Partei feiert Kilicdaroglu. Manche bezeichnen ihn wegen der leichten Ähnlichkeit und der Protestaktion gar als Mahatma Gandhi der Türkei und rücken auf Bildern Kilicdaroglu und den indischen Widerstandskämpfer nebeneinander.

Doch die CHP hatte in der Vergangenheit viel Kritik einstecken müssen. Viele empfanden Kilicdaroglu als zahnlos gegenüber Erdogan, die Oppositionsarbeit als miserabel.

Kritiker: CHP trägt Mitschuld an Lage

Der 28-jährige Anwalt Deniz, der ebenfalls am "Gerechtigkeitsmarsch" teilnimmt, sagt, die CHP trage teilweise Mitschuld an der Situation. Schließlich habe die Partei im Parlament für die Aufhebung der Immunität der Abgeordneten gestimmt. Damit konnten zahlreiche Parlamentarier der pro-kurdischen HDP verhaftet werden, darunter Parteichef Selahattin Demirtas. Dennoch sei er mit mehreren Anwälten aus Izmir angereist, um die Aktion zu unterstützen. "Im Endeffekt ist es manchmal besser, inmitten vieler Fehler das Richtige zu tun, anstatt gar nichts zu tun", sagt er.

Gülseren, die mit Deniz zusammen am Marsch teilnimmt und ebenfalls Anwältin ist, sagt, viele Menschen seien sich der Ungerechtigkeit im Land bewusst, "haben aber Angst, es auch nur anzusprechen". Durch den Marsch würden sie "zumindest ermutigt". Es sei auch längst nicht mehr Sache der CHP. Menschen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft würden mitmachen.

Damit die Demonstration nicht zu einer Parteiveranstaltung wird oder von einer homogenen Gruppe dominiert wird, hat die CHP strenge Regeln erlassen. Die Teilnehmer dürfen zum Beispiel nur die Aufschrift "adalet" und die türkische Flagge verwenden. Nur ein Slogan ist erlaubt: "Recht, Justiz, Gerechtigkeit".

"Klima der Angst"

Kilicdaroglu selbst reagiert auf Kritik und Lob - wie immer - gelassen. Der 68-Jährige verbringt die Pausen nicht unter Bäumen, sondern im Wohnwagen. Ruht sich aus, gibt Interviews, empfängt Anhänger. Er trägt ein weißes Hemd, dunkle Hosen und Turnschuhe. Die AKP habe sie immer wieder vertröstet, sagt er. Der Ausnahmezustand etwa habe ursprünglich nur kurz gelten sollen. "Doch nach einiger Zeit haben wir gemerkt, dass alle Versprechen, die man uns gegeben hat, vergessen waren. Und in der Türkei hat sich ein Klima der Angst breitgemacht." Erdogan nennt er einen "Diktator".

Der CHP-Chef sagt, nun kämpfe er dafür, dass die Ungerechtigkeiten wieder aufgehoben werden. Illusionen macht er sich nicht: "Wir haben es mit einer Wand zu tun. Das weiß jeder nur allzu gut", sagt er. "Aber wir marschieren dennoch. Wir sagen dem Volk: Macht euch keine Sorgen. Wir sind Millionen. Wir werden die Ordnung auf jeden Fall verändern."

Gegen Abend, als die Hitze langsam erträglich wird, verlassen die Demonstranten den Schulhof und strömen auf die Straße. Sie bilden ein Spalier für Kilicdaroglu und schließen die Reihen hinter ihm. Der CHP-Chef hat sich eine Mütze aufgesetzt, lächelt, winkt und läuft an der Spitze der Demonstration im zügigen Schritt Richtung Istanbul.

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