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Großkundgebung der Opposition - "Wir wollen Gerechtigkeit für alle"

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Nach 25 Tagen und einem mehr als 400 Kilometer langen Marsch ist Oppositionsführer Kilicdaroglu am Ziel angekommen. In Istanbul fordern mit ihm Hunderttausende Menschen Gerechtigkeit und ein Ende des Ausnahmezustands. Es ist die größte Protestkundgebung seit Jahren.

Zum Abschluss eines über 400 Kilometer langen Protestmarsches haben sich in Istanbul hunderttausende Türken versammelt. Sie demonstrierten gegen die Verurteilung eines Oppositionspolitikers.

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Notfalls werde er allein laufen, hatte Kemal Kilicdaroglu gesagt, als er vor drei Wochen zu seinem "Marsch für Gerechtigkeit" in Ankara aufbrach. Als er nach 420 Kilometern auf der Landstraße am Sonntagnachmittag im Istanbuler Stadtteil Maltepe ankommt, erwarten den türkischen Oppositionsführer Hunderttausende.

Die Großkundgebung in einem Park am Marmara-Meer ist eine Demonstration der Stärke der Opposition und die größte Herausforderung für Präsident Recep Tayyip Erdogan seit Jahren.

Sie fordern "Recht, Gesetz, Gerechtigkeit"

"Einige haben kritisiert, dass Gerechtigkeit nicht auf der Straße gewonnen werden kann", sagt Kilicdaroglu, als er vor der Menge seiner fahnenschwenkenden Anhänger auf die Bühne tritt. "Doch wenn in unserem Land große Ungerechtigkeit herrscht, wenn Ungleichheit herrscht, wenn die Gerichte nicht unabhängig sind, wenn die Presse zum Schweigen gebracht wird, dann gibt es keinen anderen Ort, um Gerechtigkeit zu suchen, als die Straße."

"Recht, Gesetz, Gerechtigkeit", skandiert die Menge immer wieder und schwenkt türkische Flaggen und Fahnen mit der Aufschrift "Adalet" (Gerechtigkeit). Schon am Nachmittag haben sich in dem Park an der Küste Hunderttausende versammelt.

Tausende Busse hat die CHP gechartert, um ihre Anhänger aus ganz Istanbul zu der Abschlusskundgebung zu bringen, doch viele ziehen es vor, hinter Kilicdaroglu die letzten Kilometer auf der Landstraße zurückzulegen.

Protest "nicht parteipolitisch motiviert"

Bevor er zur Kundgebung gekommen ist, hat Kilicdaroglu seinen Parteifreund Enis Berberoglu im Gefängnis in Maltepe besucht. Die Inhaftierung des CHP-Abgeordneten war für Kilicdaroglu "der letzte Tropfen", der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, wie er sagt. Dessen Verurteilung am 14. Juni zu 25 Jahren Haft wegen eines Artikels über geheime türkische Waffenlieferungen an islamistische Rebellen in Syrien zeigte ihm, dass auch seine Partei nicht länger sicher ist und etwas geschehen muss.

"Wir wollen Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit", sagt Cigdem, die den ganzen Weg von Ankara mitgelaufen ist, auf der letzten Etappe nach Maltepe. "Dieser Protest ist nicht parteipolitisch motiviert. Wir wollen Gerechtigkeit für alle, nicht nur für die CHP." Sali hofft, dass der Marsch "ein neuer Beginn für die Türkei, für die Opposition" sein wird. "Ich hoffe, dass die Regierung nach diesem Marsch endlich unseren Wunsch nach Gerechtigkeit zur Kenntnis nimmt."

Drei Ziele habe Kilicdaroglu mit seinem Marsch, sagt ein Teilnehmer. Zurück zur Basis finden, die Opposition einen und der Forderung nach Gerechtigkeit Gehör verschaffen. Tatsächlich ist es Kilicdaroglu gelungen, diverse Parteien hinter sich zu sammeln. Zuletzt stieß auch die prokurdische HDP dazu, die zunächst gezögert hatte, sich hinter eine Partei zu stellen, die mit ihr kaum Solidarität gezeigt hatte, als ihre eigene Führung inhaftiert wurde.

Erdogan: Kilicdaroglu unterstützt "Terroristen"

Erstmals gelinge es Kilicdaroglu, die politische Agenda zu bestimmen, schrieb anerkennend ein Kommentator. Hatte die Regierung zu Beginn noch über Kilicdaroglu gespottet, wurde sie zunehmend nervös. Mit seinem Marsch unterstütze Kilicdaroglu "Terroristen", schimpfte Erdogan und warnte, er brauche sich nicht wundern, wenn sich die Justiz bei ihm melde. Doch Kilicdaroglu marschierte einfach weiter, und der Regierung blieb nichts übrig, als die Opposition gewähren zu lassen.

"Dies ist der längste politische Marsch in der Weltgeschichte, sowohl was die Teilnahme, als auch seine Länge und Dauer betrifft", versichert der CHP-Abgeordnete Özgür Özel auf der letzten Etappe. "Millionen schreiben heute Geschichte." Es sei die größte Kundgebung der Opposition seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013. Parteivertreter sprechen von mehr als zwei Millionen Teilnehmern auf der Abschlusskundgebung am Marmara-Meer.

Alle inhaftierten Journalisten und Abgeordneten müssten freigelassen werden, fordert Kilicdaroglu. Die im April mit knapper Mehrheit gebilligte Verfassungsreform müsse zurückgenommen werden. "Wir werden die Mauern der Angst niederreißen. Der letzte Tag unseres Marschs für Gerechtigkeit ist ein neuer Anfang." Seine Bewegung werde weitergehen, bis alle Forderungen erfüllt seien: Der 9. Juli sei "der Beginn der Freiheit" in der Türkei.

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