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IG-Metall-Tarifkommissionen beraten - Freiraum wird wichtiger als Lohn

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Sie wollen Kinder aus der Kita abholen oder Eltern pflegen. Und dann bei vollem Lohn weniger arbeiten. Millionen Metaller wollen mehr Freiraum bei ihrer Arbeitszeit. Mehr Lohn rutscht auf Rang zwei der Forderungen. Die Tarifkommissionen der IG Metall formulieren heute ihre Empfehlungen.


Die Großen Tarifkommissionen der IG Metall für die Metall- und Elektroindustrie treffen sich heute bundesweit, um die nächste Tarifrunde vorzubereiten - die aus Baden-Württemberg kommt am Vormittag in Leinfelden zusammen.

Arbeitszeit an Lebensphase anpassen

Zur Erfahrung des IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann gehört, dass die Tarifkommissionen gerne "sehr anspruchsvoll reagieren". Und dafür gebe es Anlass. Das Jahr 2016 habe glänzende Unternehmensbilanzen gezeigt - wegen der gut laufenden Konjunktur gebe es auch 2017 ordentliche Gewinne: "Also kein Grund für irgendwelche Zurückhaltung im Entgelt", sagt der Mann, der nach den Regionalkonferenzen für Millionen Beschäftigte eine Tarifforderung herausgeben wird.

Es wird diesmal nicht nur ums Geld gehen. Der Lohnzuwachs dürfte sogar von nachrangigem Wert sein. "Wir müssen die Arbeitszeit selbstbestimmt an unsere Lebensphasen anpassen können", hatte Hofmann nach seiner Wahl zum Ersten Vorsitzenden in einer Art "Regierungserklärung" formuliert: "Arbeitszeit zu reduzieren, wenn Kinder zu betreuen sind, die Mutter zu pflegen ist oder berufliche Fortbildung angesagt ist",  das verlange Zeit und Geld, nämlich einen Lohnausgleich, wenn die Arbeitszeit für diese Zwecke verkürzt wird.

Als Meister Fröhlich das Frühstück brachte

Von 35 auf 28 Wochenstunden wollen die Metaller in solchen Fällen runter. Geht es nur darum, ein eigenes Haus zu bauen oder dem Nachbarn dabei zu helfen, dann wollen sie auch mal nur 28 Stunden arbeiten, verlangen dann aber keinen Lohnausgleich.

Gut 680.000 Mitglieder hat die Gewerkschaft Anfang des Jahres nach ihren Wünschen an die Tarifpolitik befragt. Das wichtigste Ergebnis: Die Menschen wollten mehr Selbstbestimmung über ihre Arbeitszeit. Es scheint ihnen dabei auch um die Wertschätzung im Betrieb zu gehen. Viele fühlen sich nur von oben verplant.

Es sei schon mal anders gewesen, damals in den 1980er Jahren, als es um Sonderschichten am Samstag ging, erzählte einmal Stefan Schaumburg, der Leiter des Bereichs Tarifpolitik der IG Metall: Da habe der Arbeiter gefragt werden müssen, ob er zu einer Sonderschicht komme. Dafür habe es natürlich auch einen Zuschlag gegeben. Aber das vielleicht Wichtigste sei gewesen, "dass der zuständige Vorgesetzte, in dem Fall der Meister Fröhlich, der musste auch früh aufstehen, weil die Schicht um sechs anfing. Und der musste uns ein Frühstück bringen."

Schichten planen per App

Heute nimmt Arbeitszeitautonomie auch digitale Formen an. Bei dem Ludwigsburger Autozulieferer Borg Warner zum Beispiel stellen von rund 700 Beschäftigten etwa 200 Mitarbeiter im Schichtbetrieb Glühkerzen und Zündspulen her. Geplant werden die Schichten mit einer App. Sie heißt "KapaflexCy".

Bislang mussten Wochenendschichten lange vorgeplant werden. Jetzt hängt kein Zettel mehr aus, auf dem sich Arbeitswillige eintragen. Jetzt kann per Smartphone angefragt werden, wer am Wochenende arbeiten will. Ein Klick genügt, und der Mitarbeiter ist in einer entsprechenden Schicht eingeteilt. Das erspart dem Meister viele Gespräche und gibt dem Mitarbeiter das Gefühl, selbst seine Arbeitszeit zu planen.

Auch das Homeoffice und das mobile Arbeiten sind schon länger erprobte Formen der individuellen Arbeitszeitgestaltung. Die werden vor allem von Angestellten genutzt, die nicht am Band stehen und zur richtigen Zeit bestimmte Handgriffe erledigen müssen. Umso wichtiger, dass nun auch Arbeiter bei Bedarf von 35 auf 28 Wochenstunden reduzieren können: "Genau darum geht es, dass wir den Menschen dort auch eine Chance geben, zumindest ein Stück weit in der Zeit flexibel zu sein", sagte IG-Metall-Mitglied Wolfgang Nieke, Betriebsratschef bei Daimler in Untertürkheim.

"Qualitative Tarifpolitik"

Arbeitsmarktforscher haben Verständnis für solche Anliegen: Stabile Beschäftigung, reale Lohnsteigerungen sowie vielfach einen relativ engen Arbeitsmarkt diagnostiziert Werner Eichhorst vom Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit. Das alles habe auch Kehrseiten: Gleichzeitig seien auch die Themen Vereinbarkeit und Stress stärker geworden als in der Vergangenheit. "Von daher macht es durchaus Sinn, jetzt das Thema Arbeitszeit ein Stück weit in den Vordergrund zu rücken." Er spricht von "qualitativer Tarifpolitik, die jetzt noch mal akut wird“.

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