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Gewerkschaftstag IG Metall - Innovativ - ja! Aber auch innovativ genug?

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Die IG Metall treffe den Nerv der Zeit, sagen Forscher. Über die Zukunftsstrategie und Gewerkschafts-Chef Hofmann, der zur Wiederwahl steht, fällt ihr Urteil aber gespalten aus.

Eine rote IG-Metall-Flagge auf einem Fahrzeugdach. Symbolbild
Frischer Wind in der IG-Metall - die meisten Mitglieder finden das gut.
Quelle: Patrick Seeger/dpa

Auf dem aktuellen Gewerkschaftstag der IG Metall soll Jörg Hofmann für weitere vier Jahre als Chef der Organisation bestätigt werden, daran herrscht in der Gewerkschaft kein Zweifel. Unzweifelhaft äußern sich Gewerkschaftsforscher auch über die aktuelle Durchschlagskraft der IG Metall und die innovative Tarifpolitik unter Hofmann. "Die 28-Stunden-Woche als Option für zwei Jahre war ein tarifpolitischer Coup ersten Ranges", sagt Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Mit Tarifpolitik den Nerv der IG-Metall-Mitglieder getroffen

So erlauben es tarifliche Regeln inzwischen, dass Beschäftigte der Branche ihre Arbeitszeit bei Teillohnausgleich eine Zeitlang verkürzen, um etwa ein bedürftiges Familienmitglied pflegen zu können. Dörre findet diese Neuerung "großartig".

Auch Gerhard Bosch, Professor am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, sieht als größte Errungenschaft Hofmanns und der IG Metall den Einstieg in eine "völlig neue Tarifpolitik" an. Die Gewerkschaft habe einen Nerv ihrer Mitglieder getroffen, die sich nach "mehr selbstbestimmter Zeit" sehnten und inzwischen selbst entscheiden könnten, ob sie Tariferhöhungen "in Freizeit oder Geld nehmen" – und sich je nach Lebenssituation umentscheiden können.

Hofmanns Führungsstil im Fokus

Im Unterschied zu anderen Gewerkschaften ist es der IG Metall zudem gelungen, die Zahl der Mitglieder zu erhöhen. Das sorgt für Macht am Verhandlungstisch mit den Arbeitgebern oder bei Streiks. "Ohne ihre Mitglieder wäre die IG Metall ein Papiertiger", sagt Bosch.

Jörg Hofmann ist Vorsitzender der IG-Metall. Archivbild
Jörg Hofmann tritt am Dienstag in Nürnberg erneut zur Wahl des Ersten Vorsitzenden von Deutschlands größter Gewerkschaft an.
Quelle: Marijan Murat/dpa

Damit es dazu nicht kommt, läuft das Werben neuer Mitglieder systematisch und auf Hochtouren, berichtet Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel. Den Erfolg sieht er eng verbunden mit dem Wirken des IG-Metall-Chefs. Hofmann sei es gelungen, "den Laden zusammen zu halten" und "Strömungskonflikte" gar nicht erst aufkommen zu lassen. Hofmanns Arbeitsstil beschreibt Schroeder als "ruhiges Regieren mit klar definierten Zielen", um die IG Metall als konstruktive Organisation zu präsentieren, die nicht durch negative Schlagzeilen auffalle.

Gewerkschaftsforscher Klaus Dörre sieht darin aber auch ein Manko: "Was Hofmann nicht verkörpert, ist die Abkehr von einem antiquierten, hierarchischen Führungsstil, der Kritik als imageschädigend und als Abweichung von der einmal vorgegebenen Linie interpretiert." Da seien andere Gewerkschaft wie etwa Verdi deutlich weiter, sagt Dörre.

Debatte um mögliche Strategie der IG-Metall

Uneins sind sich die Forscher auch, wenn sie die Politik der IG Metall in ihrem wichtigsten Feld, dem deutschen Autosektor, bewerten. Immerhin arbeitet rund ein Drittel der IG-Metall-Mitglieder in dieser Industrie. Auf der einen Seite erkennt Gerhard Bosch als großen Schritt an, dass sich die Gewerkschaft strategisch neu aufgestellt habe und den Übergang von Diesel- und Benzinmotoren zur Elektromobilität "offensiv mitgestalten" wolle. Wolfgang Schroeder erläutert zudem, dass die IG Metall mit großer Expertise dabei "immer wieder den Finger in die Wunde der lange Zeit ungeklärten Technologiefragen" gelegt habe und Lösungen aufzeige.

Klaus Dörre aber geht dies nicht weit genug. Die IG Metall müsste im Bündnis mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen "offensiv für eine Umverteilung von wirtschaftlicher Entscheidungsmacht kämpfen", so Dörre. Er meint: "Es geht nicht an, dass Entscheidungen über das Was, Wie und Wozu der Produktion winzigen Managereliten vorbehalten bleiben. Konkret gesagt: Besser als einen SUV nicht zu fahren, wäre, ihn nicht zu bauen."

"Grundlegende Veränderung der Kräfteverhältnisse"

Wolfgang Schroeder erinnert hingegen daran, dass es "zum Tangotanzen immer zwei Partner" brauche. Ökonomie und Ökologie zu verbinden, habe die IG Metall längst auf dem Plan und gestalte den Wandel der Wirtschaft engagiert mit.

Klaus Dörre denkt hierbei allerdings noch eine Nummer größer: Gewerkschaften wie die IG Metall müssten darum kämpfen, den Weg hin zu langlebigen, ressourcenschonenden Produkten viel stärker mitzubestimmen. "Es geht um Wirtschaftsdemokratie und damit um eine grundlegende Veränderung der Kräfteverhältnisse gerade in den großen Unternehmen", so Dörre. In IG-Metall-Chef Hofmann sieht der Gewerkschaftsforscher allerdings einen "bremsenden Pragmatiker, der die Beschäftigung mit großen Fragen ein wenig scheut".

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