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68er-Studentenproteste - Als in Paris die Pflastersteine flogen

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Vor 50 Jahren herrschte in Frankreich Chaos: Studenten prügelten sich mit der Polizei, Streiks legten das Land lahm. Das Ergebnis war ein umfassender Wandel der Gesellschaft.

Die Unruhen begannen als die Polizei die französische Universität Sorbonne gewaltsam räumte, Studenten gingen auf die Barrikaden. Der Vorfall zog zahlreiche Reformen nach sich.

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Romain Goupil sitzt im Pariser Viertel Montmartre am Küchentisch mit rot-weiß-karierter Decke und kramt in alten Fotos. Die Mappen sind ordentlich nach Jahren beschriftet: 1965, 1966. Vergilbte Fotos bedecken den Tisch - Studentendemos, der junge Romain, der auf einem Fenstersims eine Rede hält, Polizeiautos. "Alle interessieren sich nur für 1968", grummelt der Filmemacher, "dabei hat das alles viel früher angefangen", sagt er und nippt an seinem Kaffee.

Romain war im Mai 68 gerade mal 16 Jahre alt, aber schon hoch politisiert. An demselben Küchentisch, an dem er heute in seinen Fotos stöbert, gab es damals hitzige Diskussionen in seiner Familie. Es ging um Algerien, wo die französische Armee unter Einsatz von Folter die algerische Unabhängigkeitsbewegung bekämpfte. Um Vietnam, wo die USA Napalmbomben abgeworfen hatten.

 Polizei und Staatsgewalt als Feindbild

"Wir haben an der Schule ein Vietnam-Komitee gegründet, wir haben alles zu dem Thema gelesen, was wir finden konnten", erinnert sich Goupil. Er fuhr mit Freunden nach Berlin, hörte die Reden des Studentenführers Rudi Dutschke. "Rudi Dutschke hat uns gezeigt, wie man Demos organisiert. Den Slogan ‘Ho Ho Ho Chi Min’ haben wir in Berlin gelernt", sagt Goupil und zieht ein Foto des deutschen Aktivisten hervor. Goupil lernte öffentlich zu reden. Polizei und Staatsgewalt wurden zum Feindbild. Und es kam immer wieder zu handfesten Prügeleien mit rechtsgerichteten Gruppen oder der Polizei.

Im März 1968 verwüsteten Studenten aus Protest gegen den Vietnam-Krieg ein American-Express-Büro in Paris und besetzten die Universität von Nanterre. Es war die Zeit, in der Daniel Cohn-Bendit, "le Dany rouge", zu einem der Wortführer der Studenten wurde. Am 3. Mai versammelten sich die Studenten zu einem Sit-in in der Universität Sorbonne - und die Polizei griff ein. Der Polizeieinsatz auf dem Unigelände war ein höchst ungewöhnlicher Akt, der die Wut der Studenten anstachelte und in einer wilden Straßenschlacht endete.

"Das war der eigentliche Beginn vom Mai 68"

"Wir Schüler wollten den Studenten zu Hilfe kommen", erzählt Goupil. "Wir haben mit Pflastersteinen geworfen und versucht, die Polizeiautos am Wegfahren zu hindern. Wir haben die Türen aufgerissen und versucht, die Studenten zu befreien." Knapp 600 Studenten wurden festgenommen, unter ihnen auch Cohn-Bendit. "Das war der eigentliche Beginn vom Mai 68." Goupil blickt nachdenklich auf ein schwarz-weiß-Foto mit Knicken, auf dem mehrere Polizeiautos und aufgebrachte Studenten zu sehen sind.

Die Studentenunruhen griffen bald auf weite Teile der Gesellschaft über. Die Gewerkschaften riefen zum Streik auf, an dem sich Millionen von Franzosen beteiligten und das Land nahezu lahm legten. Der Vietnamkrieg, die Furcht vor der eigenen Arbeitslosigkeit, die Auflehnung gegen die bürgerlich-repressive Gesellschaft - es waren zahlreiche Motive, die die jungen Menschen auf die Barrikaden brachten.

Dokumentarfilm von Cohn-Bendit und Goupil

Und was ist das Ergebnis des Mai 68? Hat sich die Revolte gelohnt? Romain Goupil ist davon überzeugt. "Das Erbe ist großartig. Uns ist es gelungen, die Welt zu ändern", meint er. Vor 68 habe es keine Meinungsfreiheit und keine Frauenrechte gegeben. Die Revolte von 1968 habe auf lange Sicht einen echten Wandel herbeigeführt - und dabei habe es im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Umwälzungen nur sehr wenige Tote gegeben. 

50 Jahre später sind in Paris nun wieder Universitäten besetzt. Doch heute geht es eher um Zulassungsregeln und Politikverdrossenheit als um die großen gesellschaftlichen Themen. "Ich habe den Eindruck, dass man sich heute mehr um sich selbst kümmert", meint Goupil.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Cohn-Bendit ist er in den vergangenen Monaten kreuz und quer durchs Land gereist. Ihr Ziel war eine Bestandsaufnahme ein halbes Jahrhundert nach der Studentenrevolte, in denen beide auf ihre Weise Hauptrollen gespielt haben. Dabei haben sie unter anderem Polizeiwachen, Krankenhäuser und Fischkutter besucht. Das Ergebnis ist ein knapp zweieinhalb Stunden langer Dokumentarfilm, der nun auf dem Filmfestival in Cannes Premiere haben wird.

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