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Nach dem Aus bei der Fußball-WM - Der Imageschaden

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Mit dem Vorrundenaus leidet bei der deutschen Nationalmannschaft mehr als nur das sportliche Ansehen. Wirtschaftlich gibt es Nachteile und der Kontakt zur Basis bröckelt.

Auch am Tag danach herrschte weitgehend Fassungslosigkeit. So wie bei David Santiago López Garcia, der sich am Donnerstag einen Fahrer genommen hatte, um von Kasan nach Samara zu kommen. Der 19-jährige Kolumbianer will erleben, wie seine Lieblinge um Bundesliga-Star James Rodriguez im letzten Gruppenspiel gegen Senegal (Donnerstag 16 Uhr MESZ) das WM-Achtelfinale erreichen, das ausgerechnet der Weltmeister Deutschland am Vorabend in seiner Wahlheimat Kasan mit dem 0:2 gegen Südkorea verspielt hatte. "Ich bin geschockt", sagte der Student. "Wie konnte das passieren?"

Nach dem historischen Aus bei der Fußball WM herrscht heute Ratlosigkeit sowohl bei den Fans als auch bei den Spielern und dem Trainerstab. Mittlerweile ist das Team zurück in Deutschland.

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Die Frage stellt sich die ganze Fußball-Welt. Antworten fallen auf die Schnelle nicht so einfach. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, mittlerweile in der Kommunikation auf den Begriff "Die Mannschaft" verkürzt, galt noch bis Wochenanfang trotz ihrer unrunden Auftritte gegen Mexiko und Schweden als Qualitätssiegel. Garantiert wettbewerbsfähig, wenn es bei Turnieren darauf ankommt. Dieses deutsche Alleinstellungsmerkmal ist dahin.

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WM wird doppeltes Minusgeschäft

Der Imageschaden ist noch gar nicht absehbar. Und damit auch die langfristigen Negativeffekte. Beziffert werden lässt sich vorerst nur, dass die in der Tatarenstadt Kasan krachend gescheiterte Mission "Titelverteidigung" unter dem Strich auch finanziell ein Zuschussgeschäft gewesen ist: Mit dem Vorrundenaus bekommt der DFB nur 9,1 Millionen Euro an Fifa-Prämien überwiesen, die Kosten sollen sich aber auf 10,8 Millionen belaufen haben. Erst ab dem Halbfinale wäre ein Gewinn herausgekommen.

Der wirtschaftliche Verlust ist das eine, die sportlichen Einbußen sind das andere. Nun ist es nicht so, dass die DFB-Direktion "Nationalmannschaften und Fußball-Entwicklung" die Antennen nicht schon längst ausgefahren hätten. Diese mehr als 100 Mitarbeiter starke Abteilung verantwortet seit Jahresbeginn Oliver Bierhoff, und gerne sähe sich der smarte Macher als visionärer Projektentwickler. Mit einer mittlerweile mehr als 150 Millionen Euro teuren Akademie will der Verband demnächst seinen Ruf als weltweiter Vordenker festigen.

Es gab Vorboten, die keiner hören wollte

DFB-Verband
Die Jugendarbeit des DFB wird sich neu ausrichten müssen. Quelle: Twitter

Mit Joti Chatzialexiou hat sich der unterhalb von Bierhoff tätige Leiter der Nationalmannschaften nach eigenem Bekunden zuletzt im Silicon Valley, beim Internet-Giganten Google oder NBA-Klub Golden State Warrios umgesehen. Immer getrieben vom Anspruch, die Benchmark zu bilden, wie es Bierhoff gerne formuliert, der die noch zu errichtende Akademie auch gerne "Think Tank" nennt. Eine Denkfabrik, die mit allen vernetzt werden sollte. Notfalls bis zum Mond.

Nun müssen die Gedanken vielleicht eine ganze Spur geerdeter ausfallen. Im Nachwuchsbereich hinken deutsche U-Teams bereits hinterher; auch hier hat der Gewinn der U21-EM vergangenen Sommer in Polen den Blick für die Realitäten verstellt. Keiner jener Protagonisten war gut genug, um bei der WM eine Rolle zu spielen. Es gab eine Reihe von Vorboten für die Defizite im Nachwuchsbereich.

Länderspiele sind keine Selbstgänger mehr

Speziell Bierhoff und Chatzialexiou haben bereits in Hintergrundgesprächen Alarm geschlagen. "Wir hatten vor einigen Jahren sechs oder sieben Toptalente in einem Ausbildungsjahrgang, jetzt sind es manchmal nur noch zwei oder drei. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht von anderen Nationen abgehängt werden", warnte Bierhoff vor einem Vierteljahr und verlangte – wohl in weiser Voraussicht – einen neuen Masterplan.

Auf den langfristig bis zur EM 2024 an den Verband gebundenen Vordenker könnte auf einmal die größte Herausforderung warten, weil er vermutlich die nächste Zeit eher als Krisenmanager gefragt ist. Aber auch die Vermarktungsstrategie gehört hinterfragt, wenn selbst ein Länderspiel wie gegen Frankreich im November vergangenen Jahres in der fußballbegeisterten Stadt Köln kein Selbstgänger ist. Und es ist auch kein Automatismus, dass das erste Heimspiel in der neuen Nations League am 6. September in München – dann wieder gegen Frankreich – ausverkauft sein wird.

Slogan #ZSMMN war unpassend

Überdacht werden muss auch, ob die zunehmende Abschottung dem Aushängeschild wirklich gut tut. Zugpferde wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund erleiden keinen Schaden, wenn sie Tore zum Training versperren, den Kontakt mit den Fans verweigern, weil ihre Spieler im Drei-Vier-Tages-Rhythmus auftreten und ständig Präsenz zeigen – und weil ihre Fangemeinde ohnehin immer weiter wächst.

Eine Nationalmannschaft soll aber ein Stück weit auch Botschafter sein, so wünscht sich das schließlich der DFB selbst, doch das Trainingslager in Südtirol geriet im Vorlauf der WM nur zur Demonstration einer recht rigiden Wagenburg-Haltung. Die blickdichten Planen um das Hotel Weinegg in Eppan waren eingedenk der wenigen Zaungäste eigentlich nur ein Zeichen, wie abgehoben diese Mannschaft in Wahrheit ist. Selten war der verordnete Slogan #ZSMMN so daneben wie diesmal. Damit bröckelt der Kontakt zur Basis noch mehr.

Integrationsdebatte erreichte Mannschaft zur Unzeit

Zusammen passte nämlich diesmal nur wenig. Das Binnengefüge hat sogar die Risse abbekommen, die sich durch eine seit der umstrittenen Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel zunehmend polarisierte Gesellschaft ziehen. Zur Unzeit erreichte selbst den vierfachen Fußball-Weltmeister die Integrationsdebatte.

2014 erklomm das Ensemble von Joachim Löw die Weltbühne als harmonische Einheit. Tatendurstige junge Männer, die das beste Beispiel für Integration und Zusammenhalt abgaben. Ein Weltmeister ohne Weltstar, in der ein jeder unabhängig von Hautfarbe oder Religion seinen Anteil hatte. Und 2018? Da ist mit dem Zusammentreffen der türkischstämmigen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mitsamt Fotoshooting in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan womöglich mehr kaputt gegangen als die meisten wahrhaben wollten. Auch das war ein Mosaiksteinchen in einem Bild, das selbst die vielen Fans aus Kolumbien am Ende nur als verstörend wahrnahmen.

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