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Nur Syrer stellen mehr Anträge - Warum immer mehr Asylbewerber aus der Türkei kommen

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Seit dem Putschversuch gegen Erdogan steigt die Zahl der türkischen Asylbewerber in Deutschland kontinuierlich. Die Zahlen und Hintergründe im Überblick.

Asylbewerber
Syrien, Irak, Nigeria und Türkei sind dieses Jahr die Hauptherkunftsländer von Asylbewerbern.
Quelle: dpa

Die Nachricht in 100 Worten

Immer mehr Türken beantragen Asyl in Deutschland. Das geht aus Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (kurz BAMF) hervor. Von Januar bis August dieses Jahres haben 7.610 Türken einen Asylantrag hierzulande gestellt - davon 7.221 Erstanträge. Allein im August waren es 1.251. Damit haben im vergangenen Monat nur Syrer mehr Erstanträge auf Asyl gestellt (2.799) als Türken.

Insgesamt machen Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit im laufenden Jahr etwa zehn Prozent aller Erstanträge auf Asyl aus (72.646). Nur Menschen syrischer (26.722 Erstanträge), irakischer (9.491) oder nigerianischer Herkunft (7.499) haben mehr Erstanträge gestellt.

Die Anerkennungsquote türkischer Asylbewerber liegt derzeit bei genau 44,8 Prozent.

Die Hintergründe

Wer stellt einen Asylantrag in Deutschland?

Zum einen kurdischstämmige Türken. Eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei zeigt: Ihre Zahl ist seit Jahren stabil.

  • 2016: 4.383
  • 2017: 4.231
  • 2018: 4.352

Im ersten Quartal 2019 haben 1.134 kurdischstämmige Türken einen Erstantrag auf Asyl gestellt.

Zum anderen sind es türkischstämmige Asylbewerber. Hier zeigt sich deutlich: Ihre Zahl ist seit dem Putschversuch gegen Präsident Erdogan im Juli 2016 deutlich gestiegen.

  • 2016: 1.197
  • 2017: 4.099
  • 2018: 6.060

Im ersten Quartal 2019 sind es 1.243 Asylbewerber gewesen.

Wer sind die türkischstämmigen Asylbewerber?

Karl Kopp, der Vertreter der Organisation Pro Asyl im Europäischen Flüchtlingsrat, nennt verschiedene Gruppen - darunter Oppositionelle, Richter und hochkarätige Militärs. "Es sind auch Intellektuelle, Akademiker, die eine Petition für den Frieden in Kurdistan unterschrieben haben." Grundsätzlich hätten etwa 60 Prozent der Asylbewerber aus der Türkei einen Hochschulabschluss. "Das heißt, wir haben auch einen Brain Drain aus der Türkei, weil die Leute dort keine Lebensperspektive haben."

Warum entscheiden sich die Menschen für Deutschland?

"Im europäischen Vergleich gibt es in Deutschland sowohl die größte türkische als auch die größte kurdische Community", sagt Kopp. Sowohl bei kurdisch- als auch bei türkischstämmigen Asylbewerbern gebe es da eine große Bindung, die über Jahrzehnte gewachsen sei.

Was droht den Asylbewerbern in ihrer Heimat?

Hier unterscheidet Kopp klar zwischen kurdischen Flüchtlingen aus der Türkei und Türkischstämmigen.

"Wir haben die klassische Verfolgungssituation von kurdischen Flüchtlingen in der Türkei", sagt er. "Das ist nicht neu - aber die hat sich noch einmal verschärft." Es gebe eine "massive Repression" der kurdischen Bevölkerung, Militäreinsätze innerhalb der Türkei, Kämpfe, die Zerstörung ganzer Stadtteile.

Bei den türkischstämmigen Asylbewerbern nennt Kopp gleich mehrere Fluchtgründe. "Wir haben ganz viele Menschen, die wegen einfachster Meinungsäußerungen inhaftiert wurden", sagt er. "Wir haben Journalisten, die wegen ihres Jobs inhaftiert sind oder denen eine lange Haft droht. Wir haben Politiker von der HDP, die abgesetzt wurden und im Gefängnis sind - auch Unterstützer dieser Partei, die zum Teil auf der Flucht sind." Selbst bei Mainstream-Parteien wie der CHP drohten mittlerweile starke Repressionen. Kopp erinnert an die CHP-Politikerin Canan Kaftancioglou, die unter anderem wegen Terrorpropaganda und Präsidentenbeleidigung zu mehr als neun Jahren und acht Monaten Haft verurteilt wurde. Sein Fazit:

Entspannt sich die Situation mehr als drei Jahre nach dem Putschversuch langsam?

Karl Kopp erkennt keine Anzeichen dafür. "Es wird zwar mal jemand freigelassen, aber am nächsten Tag wird wieder verhaftet - das gilt ja auch für deutsche Staatsangehörige." Da lasse sich kein Muster erkennen, dass sich etwas normalisiere. Er sei aber froh, dass trotz der Repression, der "unfairen Ausgangslage und der irrsinnigen Wiederholung die AKP die Bürgermeister-Wahl in Istanbul verloren hat".

Dem Autoren auf Twitter folgen: @waskevinsagt

Mit dem Sieg bei der Bürgermeisterwahl hat Oppositionskandidat Imamoglu Präsident Erdogan und seiner AKP eine herbe Niederlage beschert. Für Regierungskritiker bleibt es trotzdem schwer.

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