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Immer mehr Einser-Abis - "Eine Katastrophe für Abiturienten"

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Ein Eins-Komma-Abi ist in Deutschland deutlich häufiger als noch vor zehn Jahren. Ein Forscher nennt das eine "Katastrophe", Hochschulen beklagen eine "Noteninflation".

Eine Umfrage zeigt, dass es immer mehr Einser-Abiturienten gibt. Die meisten Schüler erreichten in Thüringen ein Einser-Abitur, Schlusslicht ist Schleswig-Holstein.

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Der Anteil der Einser-Abiturienten in Deutschland steigt. Das ergibt eine Umfrage in allen 16 Bundesländern, die die "Rheinische Post" durchgeführt hat. In 15 Bundesländern gab es 2018 anteilsmäßig mehr Einser-Abis als vor zehn Jahren. Nur in Baden-Württemberg gab es etwas weniger. Deutschlandweit schließt mehr als jeder vierte Abiturient mit einer Eins vor dem Komma ab, vor zehn Jahren war es noch jeder fünfte.

Die Daten der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) bestätigen diesen Trend. Hier liegen die Daten bis 2017 vor. Die interaktive Karte zeigt, wie sich die Notendurchschnitte in den Bundesländern und die Anteile der Einser-Abis entwickelt haben.

Eine "Katastrophe" für Abiturienten

Spitzenreiter im Ranking ist Thüringen. Hier schafften im vergangenen Jahr 37,9 Prozent der Schüler eine Abiturnote mit einer Eins vor dem Komma. Das Bundesland feiert das Ergebnis als Erfolg: "Wir sind stolz auf die Entwicklung und auf die Spitzenposition Thüringens", erklärt Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke).

Die Bildungsforschung ist da kritischer: "Mehr Einser-Abis wären wunderbar, wenn sie die tatsächlichen Leistungen reflektieren würden", findet der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein. "Es ist aber unplausibel." Stattdessen zeigten die Daten eine nicht gelöste Legitimationskrise des Bildungssystems.

"Für betroffene Abiturienten sind diese Entwicklungen eine Katastrophe", glaubt der Bildungsforscher. Abiturergebnisse seien zeitlich schwer vergleichbar. Auch zwischen den Bundesländern, sogar innerhalb der Bundesländer herrsche kaum Vergleichbarkeit. Ungerecht etwa, wenn man deshalb einen Studienplatz nicht bekommt.

Vier Prozent der Schüler fallen durchs Abitur. Viele, die das Abitur geschafft haben, sind trotzdem nicht studierfähig. Der Verband der Gymnasialdirektoren warnt vor einem Niveauverfall: das Abi sei zu leicht geworden.

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"Der Vorwurf, Thüringen und andere ostdeutsche Länder hätten ein zu einfaches Abitur, zielt ins Leere", findet dagegen der thüringische Bildungsminister. Zahlreiche Studien würden die Qualität von Thüringens Schulen belegen. "Die Thüringer Lehrerinnen und Lehrer leisten hervorragende Arbeit."

"Noteninflation" oder "bessere Pädagogik"?

Eine regelrechte "Noteninflation" beklagt hingegen Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband (DHV). "Die Schulen geben das notwendige Rüstzeug für die Hochschulen nicht mit", findet er. "Es fehlt etwa an Textverständnis und mathematischen Grundkenntnissen."

Gründe für bessere Abinoten sieht er in einer gestiegenen gesellschaftlichen Erwartung: Eltern seien sehr stark auf hohe Bildungsabschlüsse konzentriert. Andere berufliche Möglichkeiten gerieten aus dem Blick. "Die Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Und auch für die Lehrer herrscht ein großer Druck, keine Lebenschancen zu verbauen."

Eine andere Erklärung kommt von Lehrerseite: "Es ist insgesamt eine bessere Pädagogik", sagt Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Der andere Grund ist: Junge Menschen sind heute sehr viel zielstrebiger. Sie stehen auch unter einem anderen Druck."

Baden-Württemberg fordert Zentralabitur

Während die Zahl der Einser-Schnitte in den anderen Bundesländern anstieg, blieb sie in Baden-Württemberg konstant, nahm sogar leicht ab. Hier wird das als Erfolg angesehen: "Tatsächlich bleibt der Abiturdurchschnitt in Baden-Württemberg seit vielen Jahren ziemlich konstant, wohingegen andere Länder erstaunliche Sprünge gemacht haben", erklärt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Für sie ein Indikator, "dass das baden-württembergische Abitur verlässliche Qualitätsstandards einhält."

Zugleich seien die Abiturnoten bundesweit "nur eingeschränkt vergleichbar". Für mehr Gerechtigkeit bei der Studienplatzvergabe fordert Eisenmann ein Zentralabitur. "Es bewerben sich schließlich alle um die gleichen Studienplätze."

Zentralabitur "kein Allheilmittel"

"Das Abitur muss vergleichbarer werden", findet auch Matthias Jaroch. Der Hochschulverband fordert eine bessere Abstimmung unter den Ländern. Ein Zentralabitur könne ein Schritt in die richtige Richtung sein, sei aber "kein Allheilmittel". Er fordert deshalb, die Abituraufgaben der Bundesländer stärker abzustimmen.

Mehr verbindlich zu bearbeitende gemeinsame Abituraufgaben könnten die Leistungen besser vergleichbar machen, glaubt auch Bildungsforscher Trautwein. Für mehr Vergleichbarkeit schlägt er zudem ein Ausgleichsmodell "wie beim Skispringen" vor: "Wenn man ungünstigen Wind hat, kriegt man die Note korrigiert. Das könnte man auch bei den Bundesländern machen." Wie das konkret aussehen könnte? Faktoren wie Kursbelegungen und wie viele Punkte es in welchem Bundesland wofür gibt, könnten angeglichen werden. Und im Prinzip könne man solche Bonusregelungen noch ausbauen, um Unterschiede in der Schulqualität auszugleichen, sofern das gewollt ist: "Wer beispielsweise in Berlin unter Lehrermangel gelitten hat, könnte ebenfalls einen Ausgleich bekommen." Ob die Bundesländer sich darauf einigen können? "Unwahrscheinlich", sagt der Bildungsforscher.

Dem Autor auf Twitter folgen: luc_ei

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