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Hohe Auflagen - Immer mehr Schweinehalter schmeißen hin

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Schweinefleisch hat keinen guten Ruf - über die Hälfte der deutschen Sauenhalter denkt gegenwärtig ans Aufgeben. Zeit für einen Schweinegipfel mit Agrarministerin Klöckner.

Schweinezucht - Typical
Schweinezucht - Typical
Quelle: dpa

645 Schweinemastbetriebe hat die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) deutschlandweit befragt. Bei jedem sechsten Befragten steht demnach der Ausstieg sogar in den kommenden zwei Jahren bevor. "Hauptgrund für die schlechte Stimmung sind die vielen Auflagen, die die Landwirte erfüllen müssen", erklärt Heinrich Dierkes, Vorsitzender der ISN und hauptberuflich Sauenhalter in Goldenstedt bei Vechta.

Schmerzvolle Kastration soll abgeschafft werden

Ein Beispiel: Bisher werden Eber kurz nach der Geburt kastriert. Das wird gemacht, weil ein Teil der Tiere einen strengen Ebergeruch annehmen können, dieses Fleisch ist nahezu unverkäuflich. Doch nun dürfen ab dem kommenden Jahr Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Das sei mehr als nur ein kleiner Schnitt, sagen Tierschützer und Tiermediziner schon seit langem. "Wenn ich ein Ferkel ganz ohne Narkose kastriere verspürt es Schmerz, das wissen wir heute sehr genau, dass ist aus Tierschutzgründen so nicht tragbar", stellt Professor Karl-Heinz Waldmann von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover fest.

Das sehen übrigens viele der Schweinehalter ebenso. Trotzdem wollen sie eine Fristverlängerung beim Kastrieren ohne Betäubung. Denn bisher, so die Kritik, haben sich die Länder nicht geeinigt, welchen Weg man bei der Eberkastration nun gehen will. Bayern, Niedersachsen und NRW wollen sich nun im Bundesrat für ein Verlängern der betäubungslosen Kastration stark machen. 

Schweinehalter bevorzugen örtliche Betäubung

Welcher Weg ist der Beste? Vollnarkose, örtliche Betäubung, Eberzucht oder chemische Kastration (Immunokastration) - darum geht es. Die meisten Schweinehalter sind für die Lokalanästhesie, die sie nach einem Lehrgang ohne einen Tierarzt durchführen wollen. Das sei praktikabel, vor allem bezahlbar im Vergleich zur Vollnarkose. Denn der Tierarzt kostet, und den je nach Bestandsgröße etliche Male im Jahr kommen zu lassen, dafür fehlt das Geld. "Dann sind vor allem die kleineren Betriebe international nicht mehr wettbewerbsfähig", erläutert Dierkes.

Doch Tierschützer und Tiermediziner haben ihre Probleme mit der Lokalanästhesie, erst recht, wenn sie von den Landwirten durchgeführt wird: "Tiermedizin sei nicht im Wochenendkursus zu erlernen." Weitere Kritik: Eine Nadel in diesen sensiblen Genitalbereich verursache ebenfalls Schmerzen und keiner wisse so genau, wieviel Betäubung richtig ist. Schließlich kann sich der Eber nicht wirklich äußern, ob er Schmerzen hat oder nicht.

Stinkendes Eber-Fleisch nahezu unverkäuflich

Eine Lösung des Problems: die Jungebermast. Kein Eingriff, keine Impfung. Allerdings sind die Tiere dann aggressiver. Es kann zu Bissverletzungen kommen, und bis zu fünf Prozent der Tiere bekommen eben den strengen Ebergeruch, dieses Fleisch ist auf dem Markt nahezu unverkäuflich.

Ein weiterer Weg, die sogenannte Immunokastration. Dabei handelt es sich um eine Impfung, nach der sich die Eberhoden rückbilden. Diese Methode sei für das Tier und für den Menschen absolut unbedenklich. Doch da weigert sich der Markt. Es sei schwer, dem kritischen Verbraucher zu erklären, dass die Immunokastration nicht die geringste Auswirkung auf den Menschen habe – am Ende ein PR-Problem?

Zahl der Importe steigt

Neben der Ferkelkastration beklagen die Landwirte ständig immer neue Auflagen, die langfristige Planungen erschweren und immer neues Geld kosten. Dazu fehlende Perspektiven und eine gesellschaftliche Geringschätzung der konventionell arbeitenden Schweinehalter - alles Gründe für den Schweineschwund in Deutschland. Laut Statistischem Bundesamt sank die Anzahl der Zuchtsauen von 1999 bis 2018 von 2,7 Millionen auf 1,9 Millionen Tiere. Und die Zahl der Betriebe ging in den letzten acht Jahren von 15.400 auf 8.200 zurück.

Um den Hunger der Deutschen nach Schweinefleisch stillen zu können, sind die Importe von Ferkeln deutlich gestiegen. Und das wird zunehmen, wenn immer mehr deutsche Schweinehalter aus den genannten Gründen hinschmeißen. Dänen, Niederländer Spanier, sie liefern jetzt schon beträchtliche Mengen und bauen ihre heimischen Kapazitäten aus. Ob dort dem Tierschutz allerdings genüge getragen wird, ist durchaus diskutabel. Zwar gilt auch dort natürlich das EU-Recht mit all seinen Auflagen. Aber es ist immer ein gewisser Spielraum bei der Interpretation und der Umsetzung möglich.

All das wird sich heute die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner beim "Sauengipfel" in Bonn anhören müssen. Wie das Problem gelöst wird, da ist guter Rat teuer. Denn irgendwer wird bezahlen. Der Landwirt, die Tiere oder der Verbraucher mit höheren Preisen. Wer am Ende Schwein hat und wer die arme Sau ist – derzeit schwer auszumachen.

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