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Experte Lobin über Netz-Sprache - "Immer ungenierter unter die Gürtellinie"

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Der rohe Umgangston im Netz schadet der politischen Sprachkultur - Höflichkeit täte der Demokratie gut, sagt der Mannheimer Germanist Henning Lobin im heute.de-Interview.

Hetze im Netz
Quelle: imago 79337129

heute.de: Der Gedankenaustausch über digitale Medien nimmt immer mehr Raum in unserem Alltag ein und vollzieht sich oft rasend schnell. Das wirkt sich auch auf unsere Sprache aus. Ist das ideale Deutsch bald schon am Ende?

Henning Lobin: Nein, garantiert nicht. Früher sind spontane Kommentare zum Beispiel auf Zettel gekritzelt und in der Schulklasse herumgereicht worden. Heute haben die Schüler WhatsApp-Gruppen oder die Kommentarspalte bei Instagram. Was sie da schreiben, ist für ein großes Publikum viel sichtbarer als frühere Zettelbotschaften. Wir haben es also eher mit einer optischen Täuschung zu tun.  

heute.de: Mehr nicht?

Lobin: Es stimmt schon, dass sich die Sprache verändert, weil wir den Gebrauch der Sprache verändern. Wenn wir Medien nutzen, formen diese Medien unsere Sprache immer auch ein Stück weit mit. Beim digitalen Schreiben nutzen wir Sprache in einer sehr direkten Art. Wir wissen noch nicht, wie weit das die Sprache langfristig verändern wird. Es ist aber ein sehr starker Impuls, der im Moment auf die Sprache einwirkt.

heute.de: Gibt es im Zusammenhang mit der zunehmenden digitalen Kommunikation auch Trends, die Sie mit Sorge betrachten?

Lobin: Ja, ich zucke oft zusammen über neue Sprachbilder, die im politischen Kontext angewendet werden. Wenn zum Beispiel von einer "Flüchtlingsflut" oder von "Asyltourismus" gesprochen wird, dann werden ganz bestimmte Bilder hervorgerufen. Die Sprachbilder werden nicht verwendet, um etwas differenziert darzustellen, sondern nur, um zu polarisieren.

heute.de: Viele Menschen kritisieren eine Verrohung der Sprache. Wirken "Social Media"-Plattformen da zum Teil auch als "Brandbeschleuniger"?

Lobin: Es hat auch früher – etwa im Dritten Reich – schon schlimme Formulierungen in den Medien gegeben, die andere Menschen diffamiert haben. Heutzutage aber ist das Verbreiten solcher Hassbotschaften sehr viel einfacher. Sie entwickeln über gut organisierte Online-Gruppen eine große Wucht, sodass solche Inhalte auch leichter ins öffentliche Bewusstsein treten und zu politischen Strömungen verdichtet werden.

heute.de: Welche Folgen sehen Sie für die politische Sprachkultur im Land?

Lobin: Ich denke, da verschieben sich gerade die Standards recht deutlich; es wird immer ungenierter unter die Gürtellinie geschlagen und immer mehr akzeptiert, dass vom Rednerpult des Parlaments anwesende Personen beschimpft und persönlich angegriffen werden. Das ist gefährlich und eine Tendenz, die es schon in der Weimarer Republik gab. Ich denke, solchen Tendenzen müssen wir entschlossen entgegentreten.

heute.de: Was wäre Ihr Wunsch oder Appell?

Lobin: Dass wir uns alle ganz einfach weiter an Gebote der sprachlichen Höflichkeit halten sollten. Das breite Veröffentlichen von verletzenden und diffamierenden Meinungen heute lässt befürchten, dass das sachliche Argument immer häufiger überschrien wird. Dabei ist die sprachliche Höflichkeit ein hohes Gut, das manchmal nicht genug beachtet wird – auch in seinem Gewicht für das Funktionieren unserer parlamentarischen Demokratie und unserer Gesellschaftsordnung überhaupt. Denn wenn alle nur noch mit den wüstesten Begriffen und bösesten Metaphern übereinander herziehen, dann ist irgendwann die Grenze erreicht, an der ein gesellschaftlicher Ausgleich kaum noch möglich ist. Deshalb ist es wichtig, die Sprache als Medium der Demokratie zu verteidigen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

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