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Weniger Leser in Deutschland - Das Buch - noch nicht Geschichte

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Ein Seufzen geht durch die Branche: Der Deutsche liest nicht mehr so gern, das Buch ist gefährdet. Dabei ist der Handel mit den ersten Zahlen des Weihnachtsgeschäftes zufrieden.

Buch vor Kaminfeuer
Nach wie vor ein Muss unter der Tannne: Die Deutschen verschenken gerne Bücher. Gelesen wird nicht mehr so viel. Quelle: imago

Schokolade, Socken, ein Buch. Glaubt man einer Umfrage des Unternehmens Ernst&Young, bleibt diese Dreifaltigkeit der Weihnachtsgeschenke unangetastet. Fast die Hälfte aller Befragten verschenkt ein Buch oder ein E-Book zu Weihnachten; Süßigkeiten und Kleidung sind ebenfalls beliebt. Und tatsächlich ist der deutsche Buchhandel mit dem Auftakt des Weihnachtsgeschäftes ganz zufrieden. Aber kommt das Geschenk auch an?

In die Liste der 14 häufigsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen schafft es das Lesen jedenfalls nicht mehr. Die wird vom Fernsehgucken angeführt; Radio, Internet und Zeitschriften spielen eine große Rolle, sogar Grübeln, Ausschlafen und Kaffeetrinken sind beliebter als das Lesen.

Deutlich weniger Leser

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kann dieses Phänomen an seinen Zahlen ablesen: Die Zahl der Bücherkäufer ging 2016 um 2,3 Millionen (6,9 Prozent) zurück. Allerdings gaben diese Kunden auch mehr Geld für ihre Bücher aus, sie zahlten dafür je 134,29 Euro, ein Plus von 9,4 Prozent.

Im Bewusstsein der Verlage seien diese Zahlen ganz klar angekommen, sagt Meike Blatnik von Ullstein. Von Frust will sie nicht sprechen, aber einen erhöhten Druck macht sie durchaus aus. Es gelte, sich der Konkurrenz neuer, zeitraubender Freizeitbeschäftigungen zu stellen. Blatnik denkt dabei an DVD-Serien oder die weitgefächerten Angebote von Netflix.

Tatsächlich mangelt es nicht an Lesestoff. Über 70.000 Neuerscheinungen fluten jährlich den deutschen Büchermarkt (72.820 Titel waren es 2016, deutlich weniger als im Vorjahr). Doch die Zahl trügt - die Auswahl ist gering, auf den Bücherstapeln und in den Angeboten der E-Book-Bibliotheken finden sich die immer gleichen Themen und Titel. Ein sicheres Geschäft, das einzelne Zielgruppen den Verlagen danken. Zurück bleibt aber der von der riesigen Auswahl überforderte Leser – vor allem der, der sich nicht vom Buchhändler beraten lässt, sondern lieber selbst bei den großen Ketten stöbern will oder die schnelle Nummer im Online-Handel vorzieht.

Wie entstehen Bestsellerlisten?

Bestseller selten Bestseller

Hilfe bei der Buchauswahl könnten ihm die Bestsellerlisten liefern. Doch auch hier ist längst nicht mehr alles, wie es mal war. Dass es bei den Charts nicht um die besten Bücher geht, ist klar. Die Zahl der verkauften Exemplare bestimmt die Top Ten seit dem die "Literarische Welt" 1927 die erste "Aufstellung über die meistgekauften Bücher" veröffentlichte.

Doch gibt es ihn noch, den absoluten Bestseller? Abgesehen von einigen Ausschlägen, wie etwa die bei Suhrkamp erschienene Neapolitanische Saga von Elena Ferrante (von den ersten drei Bänden hat der Verlag nach eigenen Angaben schon eine Million Exemplare verkauft), kommen einem gerade auf den unteren Belletristik-Rängen Zweifel. "Eigentlich lesen die Deutschen immer das Gleiche", sagt Literaturagent Matthias Landwehr, der Autoren wie Eva Menasse, Florian Illies oder Jakob Augstein vertritt. "Die ersten drei Titel auf den Bestsellerlisten werden von allen gelesen, die anderen kaum noch - das sind mitnichten echte Bestseller."

Tatsächlich findet sich zum Beispiel Marc-Uwe Klings im September erschienenes "QualityLand" seit einigen Wochen immerhin auf Platz 10 der Spiegel-Bestseller - und das mit laut Ullstein-Verlag verkauften 110.000 Exemplaren. Ein echter Gassenhauer sieht anders aus. In der Liste des "Börsenblatts" steht er denn auch gerade mal auf Platz 18.

Verlässlichkeit in Serie

Für die Verlage und die Agenten sei diese Entwicklung erschreckend, sagt Landwehr. Aber vor allem auch für die Autoren, die es schwer hätten, ihr täglich Brot mit Büchern zu verdienen. Kein Wunder, so Landwehr, dass gerade Reihen boomten. "Sie bieten Lesern, Autoren und Verlagen Verlässlichkeit." Neue Themen dagegen hätten es schwer. "Es gibt insgesamt eine Verflachung. Dazu kommt, dass sich viele Menschen nicht mehr auf längere Texte einlassen. Die Konzentration fehlt," sagt der Literaturagent mit Blick auf Smartphone & Co.

Die Ratlosigkeit ist groß bei den Verlagen. Blogger-Communities werden gehegt und gepflegt, gezielte Online-Kampagnen werden gestartet - alles Ansätze, die seit langem verfolgt werden. "Aus meiner Sicht machen die Verlage einen sehr guten Job in Deutschland," sagt Autorin Juli Zeh im heute.de-Interview. Sie sieht eher die Literaturkritik in der Pflicht, "sich gelegentlich mehr auf die Perspektive der normalen Leser zu besinnen". Und Meike Blatnik von Ulllstein meint: "Besprechungen in den Zeitungen bekommen immer weniger Platz."

Nicht alle sehen schwarz

Stirbt das Buch also einen kleinen Tod? "Wenn Kinder, die gerade lesen lernen, ein Tablet statt eines Buches bekommen, dann verlieren wir diese Generation", sagt Landwehr. Er stellt aber auch klar: "Mir ist nicht bang‘ um das Buch."

Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bleibt - wenig überraschend - entspannt. Zwar sei die Zahl der Leser in den letzten fünf Jahren von etwa 80 Prozent auf 75 Prozent gesunken. "Das ist bei weitem kein Untergangsszenario", sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis.

Immer noch würden 30 Millionen Deutsche zehn und mehr Bücher im Jahr lesen. "Das zeigt: Das Buch ist tief und fest in der Gesellschaft verankert. Es ist offensichtlich seit mehr als 500 Jahren die perfekte Antwort auf ein menschliches Bedürfnis. Nämlich etwas zu erfahren von anderen Menschen, ihren Erlebnissen, ihren Meinungen und Visionen. Deswegen haben wir überhaupt keinen Zweifel daran, dass das Buch auch in Zukunft diese Aufgabe erfüllen wird."

Zittern bei den Kleinen

So optimistisch ist nicht jeder in der Branche. Seit Jahren sei der Niedergang des Buches ein Thema in den Verlagen und auf den Messen, sagt die Pressesprecherin eines großen Verlages, die lieber nicht genannt werden möchte. "Vor allem die kleineren Verlage leiden - auch wenn das niemand offen aussprechen würde."

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