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Überlebenskampf der Orchester - Bis die letzte Geige verstummt

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Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Orchester als in Deutschland. Doch viele kämpfen mittlerweile ums Überleben. Manchem Musiker bleibt da wenig mehr als der Mindestlohn.

Archiv: Violinisten spielen am 30.07.2013 in Rheinsberg, Brandenburg, im Heckentheater des Schlossparks bei einer Opernaufführung
Schlechte Zeiten im Orchestergraben: Immer mehr Orchester haben finanzielle Probleme. Quelle: dpa

Egal ob Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" oder Beethovens "9. Sinfonie": Wer hierzulande ein klassisches Meisterwerk, auf die Bühne gebracht von einem großen Orchester, genießen möchte, muss meist nicht mehr als eine halbe Stunde Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Orchesterlandschaft so vielfältig wie in Deutschland. Jährlich werden hierzulande mehr als 120.000 Bühnenaufführungen und 9.000 Konzerte geboten. Von der Norddeutschen Philharmonie Rostock bis zur Bad Reichenhaller Philharmonie am Alpenrand gibt es 9.746 Planstellen in 129 Orchestern.

Immer weniger Förderung

Kein Wunder, dass die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft Teil der internationalen UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes werden soll. Noch im Frühjahr wird die Bewerbung dafür eingereicht. Doch die Freude darüber ist nur eine Seite der Medaille: "Es ist ein Widerspruch, wenn die Bundesregierung einerseits ihre Wertschätzung durch diese Nominierung ausdrückt, gleichzeitig aber fehlendes Geld der öffentlichen Hand diesen Schatz schrumpfen lässt", kritisiert Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV).

Dem Berufsverband und der Gewerkschaft der Mitglieder der professionellen Orchester, Rundfunk-Chöre und -Big Bands in Deutschland zufolge ist die Zahl der Stellen in den vergangenen beiden Jahren um 70 gesunken. Auch die Zahl der Orchester ist weiter rückläufig. Bei der ersten gesamtdeutschen Erfassung 1992 gab es den Angaben der Deutschen Orchestervereinigung nach noch 168 öffentlich finanzierte, regelmäßig spielende Berufsorchester. Seitdem sind 39 Orchester von der Landkarte verschwunden. Teils wurden sie wegrationalisiert, teils wurden sie mit anderen Häusern zusammengelegt.

Einkommen nur knapp über dem Mindestlohn

Dabei müsste es den Orchestern eigentlich gutgehen betont Gerald Mertens. Angesichts des Wirtschaftsaufschwungs und der übervollen Staatskassen müsste mehr Geld auch im Kulturbereich und bei den Berufsorchestern ankommen, sagt Mertens. "Die öffentlichen Haushalte haben in den letzten vier Jahren immer größere Überschüsse. Wenn trotz dieser Entwicklung weiter die Finanzierung eines Teils der Theater und Orchester eingeschränkt wird, stellt sich schon die grundsätzliche Frage nach dem politischen Willen."

Leidtragende seien insbesondere die Berufsmusiker selbst, so Mertens: "Viele Kollegen verzichten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf einen Teil der ganz normalen Tarifbezahlung." Mit so genannten "Notlagen-Tarifverträgen", die eine Vergütung von bis zu 30 Prozent unter Tariflohn vorsehen, liegen manche nur knapp über dem Mindestlohnniveau. Betroffen sind davon insbesondere Berufsmusiker in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, also jene Bundesländer, die gleichzeitig über sehr viele Orchester verfügen.

Ein Leben von der Hand in den Mund

Von deren Leid hört immer wieder auch Hans Reinhard Biere. Selbst Geiger im WDR Sinfonieorchester, engagiert er sich seit vielen Jahren in der Deutschen Orchestervereinigung, seit Mai 2015 ist er 1. Vorsitzender des Gesamtvorstands. "Die Kluft zwischen gut bezahlenden Orchestern, wie dem unseren und anderswo ist riesig. Das Gehalt nach einem anspruchsvollen Musikstudium reicht oft gerade so aus, um Miete, Strom und Wasser zahlen zu können." Hinzu kommt die Unsicherheit durch befristete Engagements und die Schwierigkeit, sich ein Leben neben dem Beruf aufzubauen. Denn die Musiker stehen meist dann auf der Bühne, wenn andere Feierabend haben.

Ein Leben "von der Hand in den Mund" ist es auch für Dirk Löschner. "Seit 1994 hat das Land Mecklenburg-Vorpommern die Zuschüsse trotz steigender Kosten an den Häusern nicht mehr wirklich erhöht", kritisiert der Intendant und Geschäftsführer des Theaters Vorpommern. Die unzureichende finanzielle Unterstützung hat das Theater, Heimat des Philharmonischen Orchesters Vorpommern, im vergangenen Jahr an den Rand der Insolvenz gebracht. "Ein Zustand, der auch 2018 wieder absehbar ist, wenn es nicht endlich tragfähige Lösungen gibt, auf die sich Kommunen und Land verständigen", mahnt Löschner.

Mit dem Orchestersterben geht die Identität verloren

Im Dezember lag das Modell einer Theaterfusion im Landesosten zu einem gemeinsamen Staatstheater auf dem Tisch. Von keinem geliebt, aber unumgänglich. Doch die Entscheidung ist vertagt. "Einmal mehr", klagt Löschner: "Wir werden wieder im Regen stehen gelassen.“ Derweil ist es ihm ein großes Anliegen, die Orchesterlandschaft in ihrer Vielfalt zu bewahren.

Er gibt zu bedenken: "Dort, wo es Theater, Bibliotheken und Orchester gibt, lebt man gerne. Die Regionalität und Ortsgebundenheit ist ein großes Pfund, die es zu bewahren gilt, auch weil eine Region dadurch attraktiv für Menschen bleibt. Menschen, die die Unternehmen so dringend brauchen." Nicht zuletzt seien die vielen kleinen Orchester ein wichtiges Stück Identität des Landes. Mit jeder Schließung oder Zusammenlegung geht ein Stück davon verloren.

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