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Patrouillen gegen Kriminelle - Die Taschendiebjäger von Barcelona

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Diebstähle und Überfälle nehmen in Barcelona seit Jahren stark zu. Dagegen schreiten jetzt Bürgerpatrouillen ein. In der Stadt sind die Meinungen dazu geteilt.

Festnahme eines Taschendiebs in Barcelona
Rasante Zunahme: Zahl der Taschendiebe in Barcelona
Quelle: dpa

"Achtung Taschendiebe. Vorsicht, Taschendiebe. Passen Sie auf, das hier sind Taschendiebe". Eine Patrouille zieht seit Stunden durch die Metro der katalanischen Hauptstadt. Erst am Abend stößt die Gruppe auf das gesuchte Ziel: Taschendiebe, die mit viel Geschick vor allem Touristen an die Rucksäcke oder Handtaschen gehen.

Freiwilliger Einsatz für mehr Sicherheit

Wir machen das, um die Aufmerksamkeit unserer Politiker zu erregen, die wir auf eine demokratisch Weise gewählt haben.
Eliana Guerrero, Gründerin einer Bürgerpatrouille

Eliana Guerrero ist Gründerin einer dieser selbsternannten Bürgerpatrouillen. Die 48-jährige Immobilienmaklerin ist zwölfJahre lang immer wieder alleine durch die U-Bahn patrouilliert. Jetzt haben sich ihr Dutzende Bürger angeschlossen. "Wir machen das, um die Aufmerksamkeit unserer Politiker zu erregen, die wir auf eine demokratisch Weise gewählt haben", sagt die gebürtige Kolumbianerin und fordert härtere Strafen für die Täter.

Tatsächlich haben Diebstähle und Raubüberfälle mit Gewaltanwendung in Barcelona in diesem Jahr bislang um 30 Prozent zugenommen, bestätigt Fepol, die Gewerkschaft der katalanischen Polizei Mossos. Und seit 2016 sind es 60 Prozent. Besonders betroffen sind die zentralen Viertel, wo sich alljährlich bis zu acht Millionen Touristen tummeln. Allein in der U-Bahn werden wöchentlich im Durchschnitt 1.000 Vorfälle gemeldet.

Gesellschaft unter Druck

Erklärungen gibt es hierfür viele: etwa die Wirtschaftskrise, steigende Einwandererzahlen, viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, hoher Drogenkonsum - aber auch Spannungen im Kampf um die katalanische Unabhängigkeit, die die Zusammenarbeit zwischen Innenministerium in Madrid und den lokalen Polizeieinheiten, den lokalen Mossos, schwierig gestaltet. Letztere beklagen auch einen starken Personalmangel und, wie Eliana Guerrero, eine zu lasche Gesetzeslage.

"Ohne Präsenz auf der Straße wie von den Mossos de Esquadra gibt es keinen Abschreckungseffekt für die Diebe und sie können tun, was sie wollen", sagte Toni Castejón von Fepol dem ZDF. Und wenn es trotz Personalmangel zu Festnahmen käme, würden viele Täter wieder freigelassen. "Viele sind nur Taschendiebe, die keine Gewalt anwenden, und in diesen Fällen ist es sehr selten, dass sie ins Gefängnis müssen", kritisiert der Beamte.

Nicht nur positive Resonanz

Vor allem Taschendiebe, die eigentlich nicht gewalttätig sind, reagieren manchmal mit Gewalt, wenn sie nicht von der Polizei sondern solchen Leuten angehalten werden.
Daniel Limones, Kriminologe

Trotzdem betrachten viele Einwohner von Barcelona die Bürgerpatrouillen mit Sorge. "Wir sind der Meinung, dass dieses Phänomen oft eine gegensätzliche Reaktion produzieren kann. Vor allem Taschendiebe, die eigentlich nicht gewalttätig sind, reagieren manchmal mit Gewalt, wenn sie nicht von der Polizei sondern solchen Leuten angehalten werden". Das sagt Daniel Limones, Kriminologe am Colegio de Criminologes de Cataluna, im ZDF-Interview.

Auch Polizist Toni Castejón sorgt sich um Gesetzeslücken in der Vorgehensweise der Patrouillen, ohne offizielle Berechtigung: "Sie haben zu uns Kontakt aufgenommen und ich sage ihnen immer, dass sie mit dem Feuer spielen, denn man weiß nie, wie jemand reagieren kann. Auch wenn sie glauben, dass es ein Taschendieb ist, kann es jemand sein, der nachher gewalttätig ist".

Menschen mit "viel Mut"

Der Polizist äußert sich aber auch den Behörden gegenüber kritisch. Für ihn sind die Patrouillen eine "Folge der politischen Unverantwortlichkeit", durch die die Sicherheitslage in den "Sturzflug geraten ist". "Die Wahrheit ist auch, dass die Mitglieder der Patrouillen Leute sind, die es in ihrer Freizeit tun und die viel Mut haben", unterstreicht der Gewerkschafter. 

Die Debatte hat inzwischen auch die Politiker erreicht. "Vor allem Nachbarn, die einen Diebstahl erlebt haben, sollen wissen, dass wir uns des Problems bewusst sind, und dass wir daran arbeiten und all unsere Anstrengungen darauf richten", sagte Ana Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, Anfang der Woche in einer Ansprache auf ihrer Facebook Seite.

Vorwurf des Rassismus

Indirekt kritisiert sie aber auch die selbsternannten Bürgerpatrouillen und die Tatsache, dass sie in den sozialen Netzen Angst verbreiten. "Wir haben auch viele Stimmen gehört, die versucht haben, spezifische Sicherheitsprobleme wie Diebstahl und Raub zu nutzen, um sie mit Stigmatisierung zu vermischen, Anschuldigungen gegen die schwächsten Gruppen wie die Einwandererbevölkerung, wie unbegleitete Minderjährige, und das können wir nicht zulassen", so Colau.

Einen Vorwurf, den Eliana Guerrero und ihre Begleiter entrüstet von sich weisen: "Ausländerfeindlichkeit und Rassismus? Ich? Die ich hier aus Kolumbien ohne Papiere angekommen bin, um hier mein Geld zu verdienen. Bis ich sie hatte, habe ich auf jede erdenkliche Weise mein Geld verdient, aber ich habe nicht geklaut, mich nicht prostituiert oder Drogen verkauft. Das zu sagen ist die verachtenswerteste Art, um unsere Gruppe anzugreifen. Das ist erbärmlich". Mehr als 3.000 Bürger gehören laut Eliana Guerrero jetzt den Bürgerpatrouillen an.

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