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"Polarstern"-Expedition startet - "Gebiete jenseits unserer Vorstellungskraft"

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Ein Jahr lang soll das Forschungsschiff "Polarstern" im Packeis durch die Arktis driften. Expeditionsleiter Markus Rex spricht über die Chancen und Risiken dieser besonderen Reise.

Das Forschungsschiff "Polarstern" bricht in Richtung Arktis auf. Ein Jahr lang wird das Schiff, festgemacht an einer Eisscholle, mit dem Packeis durch die Zentralarktis driften.

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In Bremerhaven startet die größte Polarexpedition aller Zeiten. Wenn sie gelingt, könnte das einen Durchbruch in der Klimaforschung bedeuten. Ein Jahr lang werden sich mehrere hundert Wissenschaftler auf einem Schiff im Meer einfrieren und vom Eis an Orte treiben lassen, die im Winter bislang unzugänglich waren.

Die Methode ist mehr als ungewöhnlich und dennoch die einzige Chance, das arktische Klima rund um den Nordpol im Winter zu erforschen. Absolute Finsternis, Schneestürme und brüchige Eisschollen haben die Messungen bisher nicht nur erschwert, sie werden auch für die Forscher zur größten Herausforderung. Wir haben mit Expeditionsleiter, Markus Rex, über die Ziele und Schwierigkeiten der Forschungsmission MOSAiC gesprochen.

heute.de: Herr Rex, was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Markus Rex: Ich habe schon viele Expeditionen geleitet, aber niemals in solch einer Größe - mit insgesamt 600 Menschen aus 17 Nationen, die alle in der Zentralarktis unterwegs sein werden. Das ist von der Größenordnung dessen, was wir da tun, auch für mich neu. Aber vor allem ist es eine logistische Herausforderung.

Wir werden das erste Mal einen modernen Forschungseisbrecher ganzjährig in die zentrale Arktis schicken. Also in die direkte Umgebung des Nordpols. Sie müssen sich mit dem Schiff einfrieren lassen, um im Winter überhaupt an den Nordpol zu gelangen.

Ja, das ist ungewöhnlich, und vor allem für eine Schiffscrew eine Situation, die normalerweise auf's Peinlichste vermieden wird. Man möchte nicht stecken bleiben. Wir wollen uns jetzt absichtlich ins Eis einfrieren lassen. Das ist eine mentale Herausforderung, eingefroren zu sein, ohne sich bewegen zu können - und das in einem halben Jahr Polarnacht, in der es dunkel sein wird.

heute.de: Sie müssen sich mit dem Schiff einfrieren lassen, um im Winter überhaupt an den Nordpol zu gelangen. Wie kann es sein, dass wir bis jetzt so wenig über das arktische Klima wissen?

Rex: Das liegt daran, dass die Arktis im Winter so dick von Eis bedeckt ist, dass wir da selbst mit unseren besten Eisbrechern nicht reinkommen und bisher immer ausgeschlossen waren. Dadurch fehlen uns natürlich sämtliche Beobachtungen der Klimaprozesse im Winterhalbjahr. Das wollen und müssen wir jetzt endlich ändern.

heute.de: Warum ist diese Reise so wichtig?

Markus Rex, Leiter des Forschungsteams auf dem Forschungsschiff „Polarstern“
Markus Rex leitet die Expedition der "Polarstern".
Quelle: Alfred-Wegener-Institut

Rex: Die Arktis ist das große Epizentrum der Klimaerwärmung. Nirgendwo anders wird es so schnell und vor allem so dramatisch wärmer. Die Erwärmung dort ist mindestens doppelt so schnell wie im Rest der Welt. Bisher können wir uns das nur nicht sonderlich gut erklären. Anstatt irgendwelche Ratespiele zu machen, brauchen wir verlässliche Beobachtungen, damit wir realistische Vorhersagen darüber treffen, wie es mir der Arktis weitergeht.

heute.de: Warum sind diese Erkenntnisse auch für uns in Europa so wichtig?

Rex: Was in der Arktis an Erwärmung passiert, bleibt ja nicht in der Arktis. Sie ist der treibende Motor für unser gesamtes Wettersystem in der Nordhemisphäre. Wir kennen vor allem die Westwinde, die die kalten Luftmassen aus der Arktis zu uns treiben. Wenn sich die Arktis aber stärker erwärmt, nehmen die Westwinde ab. Viele unserer Extremwetterlagen, wenn's besonders kalt wird im Winter oder besonders langanhaltend heiß im Sommer, sind durch die unterliegenden Veränderungen in der Arktis bedingt.

Infografik: Die Expedition der "Polarstern" - Route und Stationen
Quelle: ZDF/Alfred-Wegener-Institut/dpa

heute. de: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich von den Eisschollen treiben zu lassen?

Rex: Der Polarforscher Fridtjof Nansen hat bereits vor 125 Jahren ein ähnliches Experiment gewagt und gezeigt, dass man sich alleine mit Hilfe von driftenden Eisschollen von Sibirien über den Nordpol hinweg, bis zum Atlantik, tragen lassen kann.

heute.de: Er ist im Grunde nur durch einen Zufall auf die Idee gekommen.

Rex: Er fand 1884 in Grönland plötzlich Trümmerteile von einem Expeditionsschiff, das drei Jahre zuvor in Sibirien zerschellt war. Da hat er sich gefragt, wie die da eigentlich hingekommen sind, und hat so auf die Eisdrift (Bewegung des Meereises, Anmerkung der Red.) geschlossen. Er war mutig genug, um nicht verrückt genug zu sagen, das als Anlass für eine Expedition zu nehmen und sich da über drei Jahre einfrieren zu lassen - völlig unsicher, ob er jemals zurückkehren würde.

heute.de: Inwieweit unterscheidet sich Ihre Expedition heute von seiner?

Als Pionierleistung ist das, was Nansen gemacht hat, doch noch mal eine ganz andere Nummer.
Markus Rex

Rex: Zu Nansens Zeiten war das Eis noch dicker. Da hatten wir den Klimawandel noch nicht. Das Eis ist heute nur noch halb so dick, und damit hat sich die Eisdrift beschleunigt. Wofür Nansen noch drei Jahre gebraucht hat, das machen wir jetzt in einem Jahr. Wobei noch hinzukommt, dass wir mit einem Eisbrecher am Anfang in das Eis einbrechen und am Ende wieder ausbrechen können. Nansen musste mit seinem Segelschiff wirklich warten, bis er wieder an der Eiskante im Atlantik ausgespuckt wird. Als Pionierleistung ist das, was Nansen gemacht hat, doch noch mal eine ganz andere Nummer.

heute.de: Worin sehen Sie heute die größte logistische Herausforderung?

Rex: Wir brauchen natürlich Heizungen und Strom. Dafür müssen wir Treibstoff verbrennen, allerdings mehr, als wir an Bord der Polarstern bunkern können. Deshalb werden wir Unterstützung von Eisbrechern unserer Partnernationen brauchen. Sie werden uns zunächst besuchen und Treibstoff nachliefern. Irgendwann wird das Eis allerdings so dick sein, dass sie nicht mehr an uns herankommen. Also werden wir eine Fluglandebahn auf dem Eis errichten müssen, um in dem halben Jahr, in dem wir vollkommen abgeschieden sind, Personal austauschen zu können, aber auch für medizinische Notfälle.

heute.de: Welche Rolle wird die Polarnacht für Sie bei der Expedition spielen?

Rex: Wir sind fast ein halbes Jahr lang in kompletter Dunkelheit. Das müssen sie sich so vorstellen: Mittags ist der Sternenhimmel genauso brillant wie Mitternacht. Man merkt keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht. Das macht was mit Menschen. Wir haben aber natürlich Vorkehrungen getroffen und Tageslichtlampen an Bord, falls jemand denkt, er bräuchte mal eine ordentliche Lichtdusche. Die kann er sich dann abholen und danach wieder erfrischt ans Werk gehen. Eine Expedition dieser Größe hat es ja noch nie gegeben.

heute.de: Wo sehen Sie denn am ehesten Gefahren?

Rex: Wir sind permanent mit einem großen Team auf dem Eis unterwegs. Einige Forschungsstationen werden bis zu 50 Kilometer vom Schiff entfernt liegen. Die werden wir mit dem Hubschrauber anfliegen, und das Eis ist natürlich eine dynamische Oberfläche, die jeder Zeit aufreißen oder zerbröseln kann. Deshalb müssen wir immer darauf vorbereitet sein, dass wir die Leute schnell vom Eis bergen können, sollten sie doch mal durch einen Riss ins Wasser fallen.

heute.de: Gibt es so eine Art Worst-Case-Szenario?

Rex: Wie bei jedem Schiff muss man auch bei der "Polarstern" im äußersten Falle darauf vorbereitet sein, das Schiff zu verlieren. Das kann immer passieren. Etwas Sorge bereitet uns der Eisbär. Der ist durchaus in der gesamten Arktis, aber eben vor allem auch in der Zentralarktis beheimatet.

Wir müssen Vorkehrungen treffen, damit es erst gar nicht zu einer Begegnung zwischen Mensch und Eisbär kommt. Denn dann könnte es passieren, dass er angreift, was wiederum dazu führen würde, dass wir einen Eisbären erschießen müssten. Wir haben allerdings ein sehr gutes Sicherheitskonzept mit Wärmebildkameras und Früherkennung, damit wir erst gar nicht in Verlegenheit kommen.

heute de: Inwieweit ist der Nordpol ein Politikum?

Rex: Alle an der Expedition teilnehmenden Nationen haben natürlich eigene geopolitische Interessen in der Arktis und die widersprechen sich auch in vielen Bereichen. Deshalb ist es besonders schön zu sehen, dass wir in der Forschung an sich so friedlich und partnerschaftlich zusammenarbeiten. Da sind Länder wie Russland, USA, China und natürlich viele europäische Partner dabei. Wir alle gehen der Frage nach, wie das arktische Klimasystem funktioniert. Die Forschungsreise könnte also auch ein Vorbild sein, wie man vielleicht in anderen Bereichen der 'Arktis-Diplomatie' miteinander umgehen sollte.

heute.de: Im Nordpol steckt angeblich schon eine russische Flagge. Wie finden die anderen Partner es, dass Deutschland hier jetzt eine Führungsrolle übernimmt?

Rex: Russland hat ganz offiziell bei der UNO ein Antrag eingebracht, den Bereich bis zum Lomonossow-Rücken - das geht bis zum Nordpol - als russisches Territorium anzuerkennen. Wir halten uns aus diesen politischen Konflikten vollständig raus. Deshalb gibt es da gar keine Konkurrenz oder Neider, dass wir hier die Führungsrolle übernehmen. Nicht zuletzt auch, weil wir diese Forschung in großer gemeinschaftlicher Partnerschaft durchführen.

heute.de: Was können andere politische Akteure von der Polarexpedition vielleicht auch lernen?

Rex: Es ist doch so: Treibhausgase, die wir freisetzen, verbreiten sich global. Die Klimaveränderungen, die wir sehen, sind global. Da müssen jetzt alle Nationen der Erde an einem Strang ziehen, um dieses gewaltige Problem in den Griff zu kriegen. Wenn die Erderwärmung weiterhin so rasant zunimmt, kommen wir in Bereiche, die der Mensch so noch nicht erlebt hat und von denen wir nicht wissen, wie sie sich entwickeln. Das zu verhindern, geht nur in internationaler Zusammenarbeit.

Das Interview führte Sara El Damerdash

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