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Andacht für Inhaftierte in der Türkei - "Peter Steudtner ist einer von uns"

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Einer fehlt. Tiefe Traurigkeit ist spürbar, als sich am Abend in der Gethsemanekirche in Berlin etwa 100 Menschen versammeln, um für Peter Steudtner zu beten. Seit vier Wochen sitzt er in der Türkei in Haft. Unschuldig. Jetzt brennt eine Kerze auf dem Altar. Seine Kerze.

In Istanbul nahm der Berliner Peter Steudtner an einem Workshop türkischer Menschenrechtler teil. Jetzt hat ein türkisches Gericht Untersuchungshaft angeordnet. Der Vorwurf: Terrorunterstützung.

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Viel Neues gibt es nicht. Peter Steudtner, der deutsche Menschenrechtler, sitzt mit seinem schwedischen Freund und Kollegen zusammen in einer Zelle in dem türkischen Gefängnis. Er bekommt Bücher, er lernt Türkisch, vielleicht erlauben sie es, dass ihm seine Gitarre geschickt werden darf. "Noch geht es ihm gut", sagt Pfarrer Christian Zeiske, der die Neuigkeiten der Gemeinde verkündet. Die Frage, wie lange noch, hängt im Raum. Und die Angst.

Tränen bei der Suche nach dem Sinn

Für ihr Gemeindemitglied Peter Steudtner hat die Gethsemanekirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg heute erstmals die Tradition aus DDR-Zeiten wieder aufgenommen. Andachten für Inhaftierte, immer montags. "Ich bin sicher, dass er unsere Gebete spüren kann“, sagt eine Frau. Viele, die in den Bänken sitzen, kennen den 45-Jährigen, der sich für die Kinder- und Jugendarbeit in der Gemeinde engagiert. Manche haben Tränen in den Augen, als sie "Wachet und betet" singen und von der Sehnsucht, dass das Sinnlose doch noch einen Sinn ergibt. Mancher hat sich abgehetzt, um dabei zu sein, die Arbeitshose noch an und den Zollstock in der Tasche. "Peter Steudtner ist einer von uns", sagt Pfarrer Zeiske. Jeden Abend, 18 Uhr ist jetzt die Kirche geöffnet. Am Eingang hängen Plakate: "Free Peter" oder: "Es war absolut richtig, hinzufahren."

Vor gut vier Wochen, am 5. Juli, wird Steudtner in einem Hotel auf der Insel Büyükada vor der Küste Istanbuls festgenommen. Im Auftrag der niederländischen Entwicklungsorganisation Hivos hält er dort als Referent einen Workshop zum IT-Management sowie dem Umgang mit Stress und Traumata für türkische Menschenrechtsorganisationen. Steudtner ist erfahren, er kennt sich mit Krisen aus. Und wie schwer es ist, echten Frieden zu erreichen. Mit ihm werden sein schwedischer Kollege und acht Workshopteilnehmer verhaftet, darunter die Direktorin von Amnesty International Türkei. Die türkische Justiz glaubt, Steudtner habe eine terroristische Vereinigung unterstützt, die einen Staatsstreich plant. Das glaubt in der Gethsemanegemeinde niemand. Seine Lebensgefährtin sagt: "Die Vorwürfe sind absurd."

Müller: Wir lassen keinen Keil zwischen uns treiben

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller glaubt das nicht. Er ist an diesem Abend ebenfalls zur Andacht gekommen und sitzt in der ersten Reihe. "Es ist mir wichtig, heute hier zu sein", sagt er. Nicht nur, um der Familie von Peter Steudtner, der Gemeinde, den Nachbarn und Freunden zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Er will auch loswerden, dass die Verhaftung Steudtners ein "willkürlicher Akt der türkischen Justiz" sei, "ohne Aussicht auf einen fairen Prozess". "Unerträglich" sei dieser Terrorismus-Vorwurf. Es schmerze ihn, wenn er sehe, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sein Land von der Demokratie entferne. Er erwähnt auch den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der schon länger in Haft als Steudtner sitzt. Immer noch ohne Prozess.

Aber um Erdogan geht es Müller eigentlich nicht. Sondern um die vielen Berliner mit türkischen Wurzeln, die in dieser Stadt leben. Erdogan-Befürworter und -Gegner, alles ist dabei. Der Unfrieden in der Türkei könnte auch Unfrieden in die Hauptstadt bringen. Müller beschwört den Zusammenhalt, schließlich sind auch einige Kameras an diesem Abend in der Kirche. "Erdogan und seine Kaste", sagt Müller, "werden keinen Keil zwischen uns treiben". Und Müller spricht von Dialog, einer, der alle miteinbeziehen müsse.

"Jetzt müssen wie sie wieder aus Gefängnissen holen"

Dafür bekommt der Regierende Bürgermeister Applaus. Mit Politik kennen sie sich in der Gethsemanekirche aus. Dort war im Wendeherbst 1989 ein Zentrum der Opposition in Ost-Berlin, dort bildete die Staatssicherheit einen Ring um die Kirche und verprügelte Gottesdienstbesucher. Auch wenn das schon ein bisschen her ist, an diesem Ort ist das alles präsent, wegducken gilt nicht.

Die Gemeinde hat sofort, als am 18. Juli die Verhaftung Steudtners bekannt wurde, Stellung bezogen. Auf der Homepage und im aktuellen Gemeindebrief appelliert der Gemeindekirchenrat an die türkische Justiz: "Lassen Sie Peter Steudtner und die anderen Inhaftierten sofort frei!" Als Christen seien sie davon überzeugt, dass Friede nur durch Dialog und nicht durch Gewalt zu erreichen sei. Steudtner habe sich in der Gemeinde "ganz besonders" dafür engagiert. "Wir vermissen Peter Steudtner in unserer Gemeinde und unsere Gedanken sind bei ihm und seiner Familie. Wir wachen und beten."

Hubertus Knabe leitet die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der ehemalige Stasi-Knast, und ist am Abend zur Andacht gekommen. Er kennt all die Berichte von damals. Wie das ist, ohne Grund verhaftet worden zu sein, machtlos zu sein. "Was die Kirche hier für Steudtner macht, bewegt mich sehr", sagt Knabe, der selbst nicht zur Gemeinde gehört, aber in der Nähe wohnt. Vielleicht, sagt er, wird er auch in seiner Gedenkstätte bald eine Veranstaltung geben, damit Steudtner und die anderen Inhaftierten nicht vergessen werden. "Mein Gott", sagt Knabe und schüttelt sachte den Kopf. "Jetzt müssen wir sie wieder aus den Gefängnissen rausholen."

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