Sie sind hier:

Mainz als "Stadt der zwei Dome" - Sarkophag-Rätsel gelöst: Toter ist Erkanbald

Datum:

Forscher sind sicher: In einem Grab in der Mainzer Johanniskirche liegen die sterblichen Überreste von Erzbischof Erkanbald. Die Stadtgeschichte muss nun umgeschrieben werden.

Der Sarkophag in der Mainzer Johanniskirche.
Der Sarkophag in der Mainzer Johanniskirche.
Quelle: Peter Zschunke/dpa

Es ist ein archäologischer Fund, der in die Kirchengeschichte eingehen wird: Fünf Monate nach der Öffnung eines rund 1.000 Jahre alten Sarkophags in der evangelischen Johanniskirche in Mainz ist das Rätsel um die bestattete Person gelöst. Die Vermutung, dass in dem Grab der 1021 verstorbene Mainzer Erzbischof Erkanbald bestattet liegt, habe sich nun tatsächlich bestätigt, sagte Forschungsleiter Guido Faccani in Mainz.

Schlussstrich unter 100 Jahre Rätselraten

"Er ist es", jubelte Faccani. Bei dem Toten handle es sich "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" um Erzbischof Erkanbald. Die Untersuchung von Textilresten, die bei der Öffnung des Sarkophags gefunden wurden, lasse keinen anderen Schluss zu, erklärte Faccani. Die Resultate der Forschungen in den vergangenen Monaten seien faszinierend und in ihrer Tragweite beachtlich. Eine über 100-jährige Forschungsdebatte sei damit beendet.

Während einer Grabung in Sankt Johannis hatten die Archäologen 2017 den steinernen Sarg entdeckt. Am 4. Juni 2019 wurde der 700 Kilo schwere Deckel geöffnet. In dem Grab wurden menschliche Überreste und Stofffragmente gefunden. Anfang Juli wurde der Grabdeckel wieder geschlossen. Bisher war nur klar, dass der Tote ein Geistlicher war - aber nicht, wer.

Heute wurde er geöffnet: Der Sarkophag in der Mainzer St. Johanniskirche. Wessen Überreste liegen darin? Eine Vermutung gibt es schon.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

"Die Stadt der zwei Dome"

"Indizienprozess, wo kleine Mosaiksteine das Ganze bilden"
Guido Faccani, Forschungsleiter

Damit ist für die Wissenschaftler auch erwiesen, dass die heute evangelische Johanniskirche die erste Kathedrale der Bischofsstadt war, vor dem später erbauten heutigen Dom, der seit 1036 Bischofssitz ist. Damit müssten Teile der Mainzer Stadtgeschichte neu geschrieben werden. "Zwei Dome einen Steinwurf voneinander entfernt - das soll den Mainzern erst mal jemand nachmachen", sagte der evangelische Dekan Andreas Klodt. "Mainz am Rhein - die Stadt der zwei Dome."

Faccani sprach von einem "Indizienprozess, wo kleine Mosaiksteine das Ganze bilden". Entscheidend für die zunächst offen gebliebene Identifizierung des Toten waren die im Grab gefundenen Textilreste. Die Textil-Restauratorin Anja Bauer fand heraus, dass der Tote eine Kasel, eine Art Umhang aus Seide, trug, die mit einer Goldborte am Nacken abgeschlossen war. Zudem kam sie zu dem Schluss, dass auf der Kasel ein Wollstoff lag, bei dem es sich um ein Pallium handelt, um das vom Papst direkt verliehene Ehrenzeichen eines Erzbischofs.

"Kühne Annahmen" bestätigt

Auch konnte rekonstruiert werden, dass der Tote mit sandalenartigen Schuhen aus Ziegenleder bestattet wurde. "Das sind Pontifikalschuhe, Schuhe eines Bischofs, die nur zu besonderen Anlässen getragen wurden", sagte Faccani. Die Konstanzer Anthropologin Carola Berszin ermittelte, dass es sich bei dem Toten um einen Mann handelte, der ein Alter zwischen 40 und 60 Jahren erreichte und etwa 1,82 Meter groß war - "das ist eine ordentliche Körperlänge für die damalige Zeit", sagte die Wissenschaftlerin. Vermutlich habe er an Wohlstandskrankheiten gelitten, da es Anzeichen von Fußgicht gebe.

"Dies bedeutet, dass wir hier in der Kirche sitzen, die bis 1036 die Kathedrale von Mainz war."
Guido Faccani, Forschungsleiter

Die Untersuchung der Textilproben ergab, dass diese in der Zeit von 950 bis 1050 hergestellt wurden. "Das ist für mich ein sehr bewegender Moment", sagte Faccani. "Die Forschungsergebnisse bestätigen unsere ersten Annahmen, die zum Teil sehr kühn waren." Erkanbald sei der erste Erzbischof von Mainz, der nicht außerhalb der Stadt, sondern im Zentrum bestattet worden sei. "Dies bedeutet, dass wir hier in der Kirche sitzen, die bis 1036 die Kathedrale von Mainz war."

Volksmund spricht schon lange vom "Alten Dom"

Als Erzkanzler hatte Erkanbald auch eine politische Funktion am Hof von Kaiser Heinrich II. Nach dem Befund der im Sommer 2013 begonnenen Grabungen hatte die Johanniskirche einen Vorgängerbau, einen Pfeilerbau, der frühestens im 5. Jahrhundert errichtet wurde. Noch älter sind bauliche Befunde aus dem 2. Jahrhundert, wobei sich eine kirchliche Nutzung aber wissenschaftlich nicht nachweisen lässt. Zu den Forschungsergebnissen rund um den jetzt wieder geschlossenen Sarkophag Erkanbalds ist für Juni kommenden Jahres ein Symposium in Mainz geplant.

Die Johanniskirche gilt als eine der ältesten Kirchen Deutschlands. Die in direkter Nähe des Mainzer Doms Sankt Martin gelegene Kirche wurde bislang bereits im Volksmund "Alter Dom" genannt. Nun hat sich dieser Name wissenschaftlich bestätigt: Sankt Johannis war die Kathedrale der Mainzer Erzbischöfe bis 1036, als der Dom Sankt Martin geweiht wurde und die Nachfolge antrat. Seit 1828 ist die Johanniskirche ein evangelisches Gotteshaus.

Kirche St. Johannis in Mainz
St. Johannis in Mainz ist seit 1828 eine evangelische Kirche.
Quelle: picture alliance/akg-images

Mit den Ergebnissen der Sarkophag-Öffnung müsse nun auch ein Teil der Mainzer Stadtgeschichte neu geschrieben werden. Mainz habe nun "zwei Dome", sagte der evangelische Dekan Andreas Klodt. Es sei "etwas Besonderes", dass der "Alte Dom" nicht abgerissen und an gleicher Stelle ein Neubau errichtet wurde, sondern der Mainzer Dom Sankt Martin nur "einen Steinwurf entfernt" errichtet worden sei. In Sankt Johannis jedoch habe das "bischöflich verfasste Christentum in Mainz seinen Ausgang genommen". "Archi" - wie Klodt Erkanbald nach seiner englischsprachigen Bezeichnung Archibald nannte - werde nun mindestens "1.000 Jahre hier ruhen", prophezeite der Mainzer Dekan. "Und wenn es nach mir geht, kommen noch mal 1.000 Jahre hinzu."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.