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Gastbeitrag zum Unabhängigkeitstag - "In Würde leben"

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Israel ist ein Einzelfall in der modernen Weltgeschichte. Trotz Fehlern und Punkten, die man kritisieren darf und sollte - die 70 Jahre Unabhängigkeit heute dürfen wir feiern.

Künstler breiten Performance für den Unabhängigkeitstag vor
Vorbereitungen auf israelischen Unabhängigkeitstag.
Quelle: ap

Eigentlich kam die Unabhängigkeitserklärung in zwei Teilen. Zunächst gab es den UN-Beschluss am 29. November 1947, der das Ende des britischen Mandats erklärte und die Teilung des Landes. In einem Teil sollten die Juden ihren Staat ausrufen, in dem anderen die arabischen Palästinenser. Das bedeutete für uns, auf die Hälfte der historischen Heimat zu verzichten, aber das haben wir gerne angenommen. Denn unser Ziel war ein Staat - nicht unbedingt in den historischen Grenzen. 

An diesem Tag, dem 29. November, wollte ich morgens wie immer zur Schule gehen - doch ich kam kaum hin, weil die Straßen voller Menschen waren, die sangen und tanzten. Die Busse kamen gar nicht durch. Als ich endlich die Schule erreichte, herrschte dort große Aufregung, der Unterricht fiel aus. Wir gingen in die Turnhalle, wo die Lehrer uns erklärten, welch ein historisches Ereignis wir gerade erlebten. Wir sangen patriotische Lieder, später gingen wir nach Hause. Und am Abend begann schon die Gewalt, die zu einem Krieg eskalierte, den die arabischen Palästinenser anfingen, um den Teilungsplan zunichte zu machen.

 Staatsgründung Israels lange vor 1948

1948 haben die Briten, die sich bis dahin nicht in den Krieg zwischen den Juden und den arabischen Palästinensern eingemischt hatten, das Land verlassen und David Ben Gurion rief die Unabhängigkeit aus. Damit begann unmittelbar eine Invasion der Streitkräfte aller unserer arabischen Nachbarn. Am Abend des 14. Mai 1948 saß ich im Keller, weil die ägyptische Luftwaffe uns schon bombardierte. 

Zur Person

Ich betrachte den 14. Mai 1948 nicht als Staatsgründung Israels. Dies geschah schon lange vorher. 1948 war das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. Der Staat Israel, der, wie die Bibel es uns erzählt, schon vor Tausenden Jahren existierte, wurde im 19. Jahrhundert schrittweise wieder aufgebaut. Juden hatten als Minderheit immer in diesem Land gelebt. Es war insgesamt wenig bewohnt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es etwa eine halbe Million Einwohner, von denen fünf bis zehn Prozent Juden waren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann eine Bewegung von Juden das Land wieder aufzubauen und zu bewohnen. Dies wurde am Ende des Jahrhunderts von Theodor Herzl in einem politischen Rahmen, der als zionistische Bewegung bekannt ist, konkretisiert. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1948 wurde das Land allmählich aufgebaut, in einem modernen Rahmen. Es war tatsächlich bis dahin eine Kolonie eines großen Weltreiches, zunächst des Osmanischen Reiches und nach dem Ersten Weltkrieg des britischen Imperiums.

Briten waren nur vorübergehende Besatzer

Ich bin 1935 geboren, also unter britischer Herrschaft. Für uns jüdische Einwohner waren die Briten nicht mehr als vorübergehende ausländische Besatzer. Ich bin in hebräischsprachigen, jüdischen Schulen aufgewachsen. Die anerkannten Behörden waren für meine Gesellschaft die jüdischen Behörden, oder wie sie offiziell hießen, die jüdische Agentur, schon damals unter Führung von David Ben Gurion und all denen, die später Mitglieder der ersten unabhängigen, israelischen Regierung waren.

Für meine Generation, wie auch für die meiner Eltern, war 1948 lediglich die Befreiung von der Kolonialherrschaft und die politische Unabhängigkeit. Die schrittweise Entstehung des jüdischen Staates begann schon längst, bevor die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Die antijüdische Politik der Nazis, die Vertreibung der Juden und letztendlich der Holocaust haben die Entstehung des Staates Israel beschleunigt, waren aber nicht dessen Wurzel.

Heute feiern wir die Unabhängigkeit dieses Staates, in dem trotz des Holocausts mehr als sieben Millionen Juden leben und etwa eine Million arabische israelische Bürger. 1935, als ich geboren wurde, lebten lediglich 400.000 Juden in diesem Land.

Ein Sonderfall in jeder Hinsicht

Das Land ist in jeder Hinsicht ein Sonderfall, einschließlich der außergewöhnlichen demografischen Entwicklung, die ein Einzelfall in der modernen Weltgeschichte ist. Es hat auch unheimlich viele Fehler und Punkte, die man kritisieren darf und sollte. Mit Blick auf den Palästinenser-Konflikt glaube ich, dass es keine Alternative dazu gibt, das Land wieder in zwei Teile zu teilen, damit die Palästinenser, die heute unter Besatzung leben, einen unabhängigen Staat bekommen und endlich in Würde leben können. Solange die Palästinenser nicht so leben können wie wir, werden wir nicht zur Ruhe kommen.

Ist mit der Unabhängigkeit Israels der Traum, den Herzl am Ende des 19. Jahrhunderts geträumt hat, in Erfüllung gegangen? Ich denke, er ist nicht vollendet, weil wir uns nie einen Staat vorgestellt haben, der sich ewig im Kriegszustand befindet. Dennoch: Als Juden können wir zum ersten Mal seit 2.000 Jahren in Würde leben. Und deshalb dürfen wir heute trotz allem richtig feiern.

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