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Vergewaltigungen und Übergriffe - Indien kämpft für die Sicherheit von Frauen

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Nichts für Frauen - so lautet das Indien-Dauer-Klischee. Breaking News über Vergewaltigungen und Lynchmorde verdecken, was Indien auch ist: ein Land voller Hoffnungsträger(innen).

Protest gegen Gewalt an Frauen in Mumbai.
Protest gegen Gewalt an Frauen in Mumbai.
Quelle: AP

Was diesen Fall besonders macht, ist die Reaktion der Öffentlichkeit. CNN India twitterte: "8 Tage nach brutaler Vergewaltigung wurden alle Angeklagten getötet. Die Angeklagten wurden bei einem Zusammenstoß mit der Polizei getötet, als sie versuchten zu fliehen." Unter dem Tweet reagierten User mit dankbarer Begeisterung, da in ihren Augen Gerechtigkeit hergestellt wurde.

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Es gibt auch kritische Stimmen, wie zum Beispiel von der Südasien-Chefin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Meenakshi Ganguly, die sich ebenfalls auf Twitter äußerte: "Um der Wut der Öffentlichkeit über das Versagen des Staates bei sexuellen Übergriffen entgegenzuwirken, machen sich indische Behörden einer erneuten Zuwiderhandlung schuldig."

Die soziale Stellung des Opfers verschärft die Debatte zusätzlich, sagt Natalie Mayroth, deutsch-iranische Journalistin in Mumbai mit Schwerpunkt Südasien: "Die Empörung war hier auch besonders groß, weil das Opfer, eine Tierärztin, aus einer sozial besser gestellten Familie kommt als die Täter. Außerdem ist Hyderabad nach Bangalore das Techzentrum Indiens - modern und sicher."

Jungen werden zu Frauenhass erzogen

Damit spricht Mayroth einen wichtigen Punkt an: die indische Kultur. Nach einer Massenvergewaltigung 2012 hat sich Johny Thonipara, Pastor und Referent für Entwicklung und Partnerschaft Asien im Zentrum Oekomene, mit den kulturellen Hintergründen dieser Taten beschäftigt: "Ich beobachte seit einigen Jahren eine sehr schlechte Entwicklung in Indien: mangelnde Ehrfurcht vor dem Leben insgesamt und ein mangelndes Mitgefühl für die Mitmenschen. Die indische Gesellschaft ist brutal geworden." Es zeigen sich traditionelle Überzeugungen, die den Umgang mit Frauen mitbestimmen und Gewalt fördern:

Kulturelle Einflüsse der indischen Kultur

Medien zwischen Hysterie und Abstumpfung

Welche Rolle spielen die (sozialen) Medien? Eine große, so viel steht fest. Chaitanya Marpakwar schreibt für den "Mumbai Mirror" und berichtet unter anderem über die Innenpolitik der indischen Regierung, insbesondere Sicherheit für Frauen. Soziale Medien haben der indischen Bevölkerung einen völlig neuen Zugang ermöglicht, um das, was in ihrem Land passiert, wahrzunehmen und sich selbst dazu zu äußern.

Aber sie haben auch die Möglichkeiten für Journalisten erweitert: "Die sozialen Medien helfen uns. Fast jeder hat ein Smartphone, dadurch sind unsere Artikel viel zugänglicher und lassen sich einfacher verbreiten."

Frauen können dort ihre Stimme erheben, ohne den Männern gegenüberzutreten. Aktivisten können sich zusammenschließen, ohne an demselben Ort zu sein. Männer können ihre sozialen Überzeugungen in Frage stellen, ganz ohne Unterstützung in der Familie - das wäre ohne die Verbreitung des Internets und ohne soziale Medien kaum möglich.

Je lauter die Zivilbevölkerung im Netz wurde, desto größer wurde auch die Bereitschaft nationaler Medien, über Fälle von Gewalt und Vergewaltigungen zu berichten. Und dennoch ist es ein schmaler Grat: "Die indische Medienlandschaft ist sehr schnell und im Vergleich zu deutschen Medien manchmal hysterisch, besonders das indische TV", so Mayroth. "Bei Newslagen ist die Stimmung total aufgekratzt, es gibt eine Breaking-News-Einblendung nach der anderen, weil es hier vor allem darum geht: Wer hat zuerst die neueste Information draußen." Dadurch leiden auch hoch sensible Themen wie Berichte über Vergewaltigungen unter der Dynamik zwischen Voyeurismus und Empörung. Die Wichtigkeit der Berichterstattung ist unumstritten, aber das Verhältnis sei in manchen Fällen kritisch.

Es wird Indien nicht gerecht, dass das Land nur dann groß ist, wenn es Vergewaltigungsfälle gibt.
Natalie Mayroth, deutsch-iranische Journalistin in Mumbai

"Wenn man die (Lokal-)Zeitungen aufschlägt, hat man das Gefühl, es ist so normal geworden, dass diese Fälle passieren. Sie sind fast schon Alltag." Die Berichterstattung der häufigen Gewalttaten dürfe keinesfalls dazu führen, dass man in diesen Themen abstumpft, so Mayroth.

Erfolge werden zu wenig gefeiert

Seit einem besonders schweren Fall einer Massenvergewaltigung im Jahr 2012, ist ein Teil der Gesellschaft spürbar sensibler - auch der männliche Teil: "Das Bewusstsein ist ziemlich stark, viele Männer reden über den Umgang mit Frauen und beschäftigen sich mit den Fällen", so Journalist Marpakwar. Auch das Verhalten von Frauen in der Öffentlichkeit ändert sich, was sich im Alltag von Natalie Mayroth widerspiegelt: "Indische Frauen reagieren teilweise sehr drastisch und wehren sich. Ich habe Freundinnen, die richtig laut schreien, wenn sie Männer ungewöhnlich lange anstarren oder versuchen sie zu filmen."

#Metoo in Indien

Politik | auslandsjournal - #Metoo in Indien 

#metoo kommt auch in Indien an. Täglich müssen sich Frauen dort gegen sexuelle Belästigung zur Wehr setzen. Auch in der Glitzerwelt von Bollywood wird der Ruf nach Frauenrechten und Selbstbestimmung immer lauter. Mit Erfolg?

von Normen Odenthal

Auf unangebrachte Verhaltensweisen aufmerksam machen, bevor etwas passiert - das muss das große Ziel sein, sagt auch Sanjay, der in der Nähe von Mumbai geboren wurde und seit 2007 in einem großen Technologiekonzern in Deutschland arbeitet. Er hat sich bereit erklärt, mit uns über die aktuelle Situation zu sprechen, allerdings mit geändertem Namen. Das Thema sei noch zu sensibel und zu schnell zeigten andere Länder mit erhobenem Zeigefinger auf die indische Gesellschaft. Positive Beispiele gibt es, aber sie gehen in der Masse unter: "Ich sehe es andauernd in meinem eigenen Bekanntenkreis: Viel mehr von meinen Freunden dürfen studieren, müssen nicht mehr heiraten und dürfen auch einfach 'Nein' sagen. Es gibt diese guten Änderungen, aber wir feiern sie viel zu wenig."

Das Umdenken, das innerhalb der letzten Jahre zugenommen hat, müsse verstärkt und institutionell verankert werden: "Wir müssen unsere Bildung anpassen und damit meine ich nicht, dass man nur über Sex und Verhütung spricht, sondern auch über das Frauenbild, und dass man den Männern beibringt, wie man mit Frauen umgeht", so Sanjay.

Thonipara betont den Anstieg der registrierten Vergewaltigungsfälle - von 2006 bis 2014 gab es einen Anstieg der Fälle um 85 Prozent. Diese Fälle zuzugeben und ans Licht zu bringen, sei der erste, notwendige Schritt, Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen gänzlich zu bekämpfen: "Eine Änderung der in der indischen Gesellschaft prägenden Genderrollen ist unverzichtbar. Im Selbstverständnis von Männern und Frauen muss sich etwas ändern. Wichtig sind Sensibilisierungsprogramme für männliche Jugendliche. Auch besondere Berufsgruppen wie Dorfräte, Polizei, Förster, Militär etc. müssen für das Thema sensibilisiert werden."

Es gebe auch schon erste Ideen der Politiker und Politikerinnen im Parlament, allerdings lassen die Vorschläge noch zu wünschen übrig: "Sie schlagen vor, die Täter zu kastrieren oder sogar zu lynchen, aber das geht natürlich nicht. Wir dürfen Schuld nicht mit Schuld vergelten", so Thonipara.

Hinrichtung von Täter als Scheinlösung

Doch viele sagen, genau das sei in dem Fall der Tierärztin passiert - man tötete die mutmaßlichen Täter. Die offizielle Begründung, es sei Notwehr gewesen, glauben die wenigsten. Fälle, in denen Täter von der Polizei getötet wurden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte, werden in den sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #Encounter bezeichnet.

Die Kritik: Diese Encounter-Fälle sorgen nicht für Gerechtigkeit, sondern lenken von dem dahinterstehenden Problem ab: "Meine Vermutung ist, dass diese Polizisten durch die Tötung etwas vertuschen wollen, und zwar das Fehlverhalten von Polizei, Justiz oder Regierung", sagt Thonipara. Alle Beteiligten, die dafür sorgen müssten, dass Opfer schnelle Hilfe bekommen und dass die Täter verurteilt werden, seien durch den Tod der Täter nicht mehr rechtlich belangbar.  

Viele der nicht gut bezahlten Polizisten sind korrupt. Sie schützen die Gewalttäter.
Johny Thonipara, Zentrum Oekomene

Täter zu töten dürfe nicht ein funktionierendes Justizverfahren ersetzen: "Oft werden die Untersuchungen nur halbherzig durchgeführt und viele Straftaten werden gar nicht geahndet."

Mehr Indien, weniger Klischees

Probleme mit Vergewaltigung und Gewaltverbrechen betreffen nicht nur Indien. Die Durchsetzung von Menschenrechten ist ein globales Ziel. Indien ist weitaus mehr als Geschlechtertrennung, Bollywood und überfüllte Züge.

Mit einer Bevölkerung von über 1.3 Milliarden Menschen, einer immer digitaleren Medienverbreitung und einer gleichzeitig schwächelnden Wirtschaft steht Indien vor großen Herausforderungen. Damit das, was passiert, auch international besser eingeordnet werden kann, wünschen sich indische Journalisten wie Marpakwar mehr Kollaborationen mit ausländischen Medien: "Selbst wir Einheimischen kommen nicht immer sofort mit all den Geschehnissen mit. Diese Kultur zu verstehen ist als Außenstehender nicht einfach. Wie soll es dann einfach sein, darüber zu berichten? Deswegen müssen wir enger zusammenarbeiten."

Erhöhte Sicherheit von Frauen und konsequente Justizverfahren müssen unverzüglich angepackt werden, aber langfristige Änderungen und nachhaltiges Umdenken benötigen in einer Gesellschaft dieser Größenordnung Zeit:

Man braucht bestimmt 20 bis 30 Jahre, bis ein solches Land versteht, dass etwas schiefläuft und es anders macht. Wenn wir aber nichts tun, dann wird sich nie etwas ändern.
Sanjay, indischer Bürger

Sein Appell zum Schluss: Nicht nachgeben und sich auf das konzentrieren, was gut läuft: "Das tägliche Leben ist für viele hier so schwer, dass Menschen nur dann aktiv werden, wenn es eine Schlagzeile gibt. Natürlich gibt es keine Schlagzeile, weil nur eine Frau studieren geht oder nur eine Frau nicht zwangsverheiratet wird. Aber genau darum geht es doch: um jede einzelne", sagt er mit der Zuversicht, dass aus Einzelfällen der Normalfall wird.

Folgen Sie der Autorin auf Twitter: @JeniferGirke

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