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Kaschmir-Konflikt - "Eskalation könnte außer Kontrolle geraten"

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Vor über 70 Jahren wurde Britisch-Indien geteilt - in aller Eile, was zu gefährlichen Konstruktionsfehlern führte. Seit vergangener Woche droht die Situation wieder zu eskalieren.

Zwei indische Paramilitärs bewachen eine Straße in Srinagar im indisch kontrollierten Kaschmir.
Zwei indische Paramilitärs bewachen eine Straße in Srinagar im indisch kontrollierten Kaschmir.
Quelle: AP

Sowohl Indien als auch Pakistan feiern in dieser Woche jeweils ihren Unabhängigkeitstag. In der Nacht vom 14. auf den 15. August 1947 war Britisch-Indien offiziell entkolonialisiert und in zwei neue Staaten, Indien und Pakistan, geteilt worden. Über 70 Jahre ist das nun her, doch noch immer plagen schwerwiegende Konflikte die Region in Südasien. Besonders der Konflikt um Kaschmir führt immer wieder zu Eskalationen zwischen den beiden Staaten. Ein Erbe der britischen Kolonialmacht, das die wirtschaftliche, politische und militärische Entwicklung der beiden Staaten stark beeinflusst hat, meint Navnita Chadha Behera, Politikwissenschaftlerin an der University of Delhi in Indien.

Karte: Indien mit der Region Kaschmir und Pakistan
Karte: Indien mit der Region Kaschmir und Pakistan
Quelle: ZDF

Großbritannien ließ Kaschmir-Frage offen

Tatsächlich ist der Konflikt um Kaschmir auf die Teilung Britisch-Indiens 1947 zurückzuführen. Im Beschluss zur Unabhängigkeit Britisch-Indiens ließ Großbritannien die Kaschmir-Frage offen: Kaschmir sollte selbst über die Angliederung an Indien oder Pakistan entscheiden und entschied sich für Indien. Es kam zum Krieg zwischen Indien und Pakistan, an dessen Ende die Teilung Kaschmirs in einen von Indien verwalteten und einen von Pakistan verwalteten Teil stand.

Doch bis heute erkennt keiner der beiden Staaten die Grenze als rechtmäßig an. "Der Konflikt um Kaschmir symbolisiert den allgemeinen bilateralen Konflikt zwischen Indien und Pakistan", so Wilfried Swenden, Professor an der University of Edinburgh. "Der Konflikt entstand in den Jahren der Teilung Britisch-Indiens als Konflikt zwischen der Muslimliga und der indischen Partei Congress und beeinflusst bis heute das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan."

Exklusives Recht auf Grundbesitz passé

In der vergangenen Woche ist der Kaschmir-Konflikt nun erneut entfacht. Die indische Regierung um Premierminister Narenda Modi beendete den Sonderstatus für den von Indien verwalteten Teil Kaschmirs. Auch hier sieht Swenden einen historischen Hintergrund: Schon immer habe die Bharatiya Janata Partei, der Modi angehört, ein Problem mit dem Sonderstatus für das überwiegend muslimische Kaschmir gehabt. "Den Sonderstatus zu beenden, passt genau in die hinduistisch-nationalistische Agenda der Partei", so Swenden.

Der Sonderstatus, der als Artikel 370 in der indischen Verfassung verankert war, hatte dem von Indien verwalteten Teil Kaschmirs das Recht auf eine eigene Verfassung und eine eigene Flagge gegeben. Lediglich die Außenpolitik, Verteidigungspolitik und die Kommunikationsnetzwerke wurden von Delhi kontrolliert. Dazu kamen spezielle Privilegien für die überwiegend muslimischen Einwohner der Region: Sie hatten ein exklusives Recht auf Grundbesitz.

Einwohner Kaschmirs in Sorge

Das alles wird sich nun ändern. Unter den Einwohnern Kaschmirs herrscht Sorge vor einem demografischen Wandel, besonders im Hinblick auf die jahrzehntealten Spannungen zwischen Muslimen und Hindus. Die Entscheidung der indischen Regierung in der vergangenen Woche hat bereits jetzt zu gefährlichen Spannungen und ersten Eskalationen in der Region geführt. In Kaschmir selbst herrscht Unruhe, die Bevölkerung zeigt sich unzufrieden mit der Entscheidung aus Delhi. "Ich fürchte, dass es nun zu erneuten Forderungen nach Unabhängigkeit für Kaschmir kommen könnte", so Swenden. Das werde es nur weiter erschweren, den Konflikt in der Region in Zukunft "endlich" beenden zu können.

Auch Pakistan hat bereits auf die Entscheidung aus Delhi reagiert: Der indische Hochkommissar wurde ausgewiesen, die einzige Zugverbindung zwischen Indien und Pakistan wurde unterbrochen. Man wolle sich an den UN-Sicherheitsrat wenden oder sogar an den Internationalen Strafgerichtshof, hieß es in den vergangenen Tagen aus Islamabad. Für Politikwissenschaftlerin Behera ein unverständlicher Schritt: "Der Internationale Strafgerichtshof sollte hier absolut keine Rolle spielen." Die Aufhebung von Artikel 370 sei schließlich eine "innenpolitische Angelegenheit" Indiens.

Eskalation in der Region nicht auszuschließen

Dass es nun wieder zum Krieg zwischen Indien und Pakistan kommen könnte, ist für die Politikwissenschaftlerin erst einmal unwahrscheinlich. Wenn Pakistan jedoch die Unterstützung für Militante in Kaschmir erhöhe oder sich größere terroristische Anschläge ereignen, könne man einen bewaffneten Konflikt nicht ausschließen. "Die militärische Eskalation könnte in diesem Fall dann auch außer Kontrolle geraten", so Behera.

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