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Infotainment im Auto - Im Blindflug über die Straße

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Infotainment-Systeme steigern den Fahrkomfort. Doch ihre Bedienung lenkt den Fahrer ab und erhöht das Unfallrisiko. Die Geräte müssen benutzerfreundlicher werden, so Experten.

Archiv: Frau sitzt am Steuer im Auto und spielt mit dem Smartphone bei Regen und schlechter Sicht, aufgenommen am 19.09.2017
Quelle: imago

Telefonieren oder die neuesten WhatsApp-Nachrichten lesen: Wer mit dem Handy am Steuer erwischt wird, muss zahlen. 100 Euro werden dafür fällig. Dazu gibt es einen Punkt in der Flensburger Verkehrssünderdatei. Die Straßenverkehrsordnung verbietet es, das Smartphone während der Fahrt in die Hand zu nehmen und zu bedienen. Der Grund: Die Unfallgefahr steigt rapide an, wenn der Fahrer durch sein Telefon abgelenkt wird.

Handyverbot ausgeweitet

Abgelenkt wird der Autofahrer aber nicht nur durch sein Mobiltelefon. Auch die Bedienung von Bordcomputer und Navi kann gefährlich werden. Schaut man bei Tempo 130 km/h nur vier Sekunden nicht auf die Straße, hat das Auto während dieser Zeit im Blindflug fast 145 Meter zurückgelegt. Vier Sekunden, so viel Zeit benötigten Autofahrer in einem Test des ADAC, um etwa die Reichweite der Tankfüllung im Bordcomputer zu checken.

Der Gesetzgeber hat das Verbot der Handynutzung am Steuer deshalb auch auf andere elektronische Geräte ausgedehnt. Seit dem 19. Oktober gilt, dass elektronische Geräte im Auto vom Fahrer nur dann benutzt werden dürfen, wenn sie nicht in der Hand gehalten werden, per Sprachsteuerung zu bedienen sind oder der Fahrer durch die Bedienung des Geräts mit seinen Blicken nur kurz vom Straßenverkehr abgelenkt wird.

Geräte sollen benutzerfreundlicher werden

Auch die Autofirmen und Gerätehersteller seien nun in der Pflicht, heißt es in der Begründung für die neuen Regeln. Sie müssten dafür sorgen, dass ihre Navis und Infotainment-Systeme benutzerfreundlicher werden, um "das Blick-Ablenkungsrisiko während der Fahrt von vornherein so gering wie möglich zu halten".

Forscher der amerikanischen University of Utah haben das Ablenkungsrisiko von Infotainment-Systemen in 30 Neuwagen in einer Studie untersucht. Testpersonen mussten während der Fahrt verschiedene Aufgaben erledigen - telefonieren, einen Radiosender einstellen oder das Navi bedienen. Zum Einsatz kamen Systeme, die sich per Sprachsteuerung, per Touchscreen oder mit Dreh- und Drückreglern bedienen ließen.

Navis lenken am meisten ab

Die Forscher untersuchten, wie kompliziert die Bedienung der Geräte während der Fahrt war. Dabei wurde gemessen, wie intensiv sich die Testpersonen mit den Geräten beschäftigten und wie lange sie dabei vom Geschehen auf der Straße abgelenkt waren. Das Ergebnis: Keines der 30 Infotainment-Systeme ließ sich ohne Ablenkung benutzen.

Besonders stark waren die Testpersonen abgelenkt, wenn sie ihr Navi bedienten und während der Fahrt ein Ziel eingeben sollten. Dafür wurden im Durchschnitt 40 Sekunden benötigt - im Straßenverkehr eine kleine Ewigkeit, wenn man bedenkt, dass schon zwei Sekunden Unaufmerksamkeit zu einer Verdoppelung des Unfallrisikos führen können.

Zu viele Funktionen

Andere Tests kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Systeme hätten so viele Funktionen, "dass sie nur noch über Menüs und Untermenüs beherrschbar sind", heißt es in einem Testbericht der Zeitschrift "auto motor sport" vom Juni 2016. Die meisten Fahrer hätten im Test bei der Bedienung Probleme gehabt. Dabei mussten sie keine komplizierten Aufgaben erledigen, sondern so "banale Alltagsfunktionen" aufrufen wie etwa die Anzeige der Reichweite im Bordcomputer.

"Je vielfältiger die Technik und je komplexer deren Bedienung, desto höher ist die Ablenkung vom Straßenverkehr", sagt Mathias Scheuber, Schaden-Vorstand bei der Allianz-Versicherung. David Yang, Leiter der US-Studie, schlägt in dieselbe Kerbe. "Wenn eine Technologie an Bord eines Fahrzeugs nicht nutzerfreundlich gestaltet ist, werden einfache Aufgaben kompliziert und verlangen eine höhere Aufmerksamkeit", sagt Yang.

"Noch Luft nach oben"

Die Änderung der Straßenverkehrsordnung sei ein Schritt in die richtige Richtung, meint Hannes Krämer, Rechtsexperte beim Auto Club Europa (ACE). "Jetzt gilt es weiter zu beobachten, wie sich die Ablenkung durch Infotainment-Systeme entwickelt", so der Experte. Denn bei der einfachen und sicheren Bedienung der Systeme sei noch gehörig Luft nach oben.

"Von Fahrerassistenzsystemen ist insbesondere eine intuitive Bedienung abzuverlangen", sagt auch der ADAC. "Sicherheitsrelevante Grundfunktionen müssen sofort und ohne Lernaufwand verständlich sein." Zu beachten sei aber auch, dass Autofahrer die Folgen von ablenkenden Tätigkeiten auf ihr Fahrverhalten häufig unterschätzten. Eine Sensibilisierung für Gefahren im Straßenverkehr durch Ablenkung sollte deshalb bereits in der frühen schulischen Verkehrserziehung sowie in den Fahrschulen stattfinden, fordert der ADAC.

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