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Ökonomische Bildung an Schulen - Mehr Steuererklärung, weniger Gedichtanalyse

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Ökonomische Bildung wird in vielen Bundesländern stiefmütterlich behandelt. Das soll sich ändern, fordert eine Initiative von Lehrkräften, Verbänden, Wirtschaft und Wissenschaft.

Schüler während einer Unterrichtsstunde
Dass Schüler, aber auch viele Erwachsene, wenig von Wirtschaft verstehen, sei dem Förderalismus geschuldet.
Quelle: imago

Vor einigen Jahren twitterte eine damals 17-jährige Schülerin: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen."

Ihr Tweet löste damals schon eine Bildungsdebatte über das Für und Wider ökonomischer Bildung aus. Die Schülerin wollte nach eigenem Bekunden nur ihren Frust loswerden, dass sie in der Schule nichts über die praktischen Dinge des Lebens gelernt habe. Eine Klage, die einige Lehrer und Wirtschaftsvertreter nachvollziehen können. "Ökonomische Bildung ist im deutschen allgemeinbildenden Schulsystem bisher sehr heterogen verankert und kommt zum Teil nur in homöopathischer Dosis vor", sagt Dirk Loerwald, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg.

Das Institut gehört zu den Gründungsmitgliedern des "Bündnis ökonomische Bildung Deutschland" (BÖB), dem aktuell mehr als 50 Institutionen angehören. Loerwald sieht dringenden Handlungsbedarf. Das Bündnis wolle diesem Anliegen "eine Stimme geben", so heißt es in einem Eckpunktepapier, das die Initiatoren vor wenigen Wochen vorgestellt haben.

Unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern

Dass die Schüler, aber auch viele Erwachsene, wenig von Wirtschaft verstehen, sei dem Förderalismus geschuldet. Die Lage in den Bundesländern ist unterschiedlich: 

  • Nordrhein-Westfalen hat seit diesem Schuljahr begonnen, Wirtschaft in der Schule mehr Aufmerksamkeit zu geben, es ist als Pflichtfach zunächst an Gymnasien eingeführt worden. 2020/21 soll das auch für die anderen allgemeinbildenden Schulen im Land gelten.
  • In Baden-Württemberg gibt es seit 2017 in allen Schularten ein einheitliches Fach "Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung".
  • Bayern und Thüringen unterrichten "Wirtschaft und Recht" an Gymnasien, in anderen Ländern heißt das Fach "Politik/Wirtschaft".


Dass sich die Landesregierungen so schwertun, der Wirtschaft mehr Raum an der Schule zu geben, hat auch ideologische Gründe. Kritiker fürchten, damit würden Lobbyinteressen in die Schulen einziehen. Doch das BÖB als breites Bündnis verschiedener Gruppen und Stiftungen versichert, dass ihr Interessenpolitik fernliege. Die Schüler müssten für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung fit gemacht werden. Dazu müssten allerdings auch die Lehrer entsprechend in Wirtschaftswissenschaften ausgebildet sein.

Praktische Themen wie Steuererklärung, Versicherungen behandeln

Ein gewisses Misstrauen dem Fach gegenüber hat auch Claudia Müller festgestellt. Die Gründerin des "Female Finance Forum" war früher bei der Deutschen Bundesbank für das Thema Nachhaltigkeit zuständig und wurde damals von ihren Bekannten immer wieder um Rat in Geldsachen gefragt. Vor einigen Jahren machte sie sich selbständig und versucht seither, vor allem Frauen über Geldanlage aufzuklären. "Ich verstehe nicht, warum wir kein Schulfach Grundbildung Finanzen, allgemeine Lebensfähigkeiten haben", sagt sie. In einem solchen Fach sollten dann den Schülern auch praktische Themen nahegebracht werden wie Steuererklärung, Finanzen, Versicherungen oder etwa die Frage beantworten: "Worauf muss ich achten, wenn ich einen Mietvertrag unterschreibe?"

"Ich verstehe nicht, warum wir kein Schulfach Grundbildung Finanzen, allgemeine Lebensfähigkeiten haben"
Claudia Müller, Female Finance Forum

Berührungsängste abbauen

Beim Thema Finanzen herrsche offenbar eine große Angst vor diesem Thema: "Aber wenn wir die Jugendlichen und die jungen Menschen unvorbereitet in die Arme von irgendwelchen Geldanlage-Anbietern laufen lassen, dann werden sie leichter zum Opfer." Wenn sie aber wirklich verstanden hätten, wie das System funktioniere, welche Optionen sie bei der Geldanlage hätten, dann könnten sie auch leichter das auswählen, was für sie tatsächlich passe.

Genau die Dinge also, die die Schülerin in ihrem Tweet vor einigen Jahren eingefordert hatte. Auch die Ökonomin Alexandra Niessen von der Universität Mannheim plädiert für die Aufnahme dieser Themen in schulische Lehrpläne, damit die Berührungsängste mit diesen Themen abgebaut würden. Das wäre auch hilfreich etwa beim Aufbau der Altersvorsorge. Mit kleinen Beträgen, die man monatlich spart, kann man sich etwa über Index-Aktienfonds langfristig eine schöne Summe ansparen. Eine Aktienkultur aber gibt es in Deutschland kaum - vor allem wohl deshalb, weil viele sich aus mangelnder Kenntnis nicht daran trauen.

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