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Insektensterben: Die zahlenlose Krise

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Insektenatlas - Insektensterben: Die zahlenlose Krise

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Ein neuer "Insektenatlas" liefert jede Menge Daten und Fakten rund um die größte Tiergruppe der Erde. Ob das Verschwinden so dramatisch ist wie befürchtet, weiß aber niemand.

Kabinett beschließt zum Thema Insektenschutz. Archivbild
Der neue Insektenatlas bereitet den Forschungsstand anschaulich auf.
Quelle: Martin Gerten/dpa

Im Februar 2019 sorgten australische Wissenschaftler mit einer Studie über das weltweite Insektensterben für Aufsehen. Ihre Botschaft: Wenn wir so weitermachen wie bisher, könnte es schon in 100 Jahren keine Insekten mehr geben. Kritiker der Agrarindustrie sahen sich bestätigt, für andere waren die Ergebnisse reine Panikmache.

Die meisten Arten sind noch unbekannt

Die Wahrheit ist wie so oft komplizierter. Das unterstreicht der "Insektenatlas", den die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und Le monde diplomatique jetzt veröffentlicht haben. Neue Zahlen bietet die Publikation zwar nicht. Dafür wird darin der aktuelle Forschungsstand anschaulich aufbereitet und das Thema Insekten aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Der Atlas liefert Daten und Fakten zu Ökologie und ökonomischer Bedeutung der Insekten für den Menschen - auch als Lebensmittel insbesondere in einigen asiatischen und afrikanischen Ländern - und natürlich über den Schwund vieler Arten und dessen mögliche Ursachen.

Es gibt sicherlich eine ganz klare Tendenz zum Insektensterben, aber eine valide Aussage können wir im Grunde nur über Europa und die USA treffen.
Katrin Wenz, BUND

Das Problem, mit dem alle Insektenforscher zu kämpfen haben: Im Grunde weiß niemand so genau, wie es um die Insekten wirklich steht. Bis heute sind nämlich die meisten Sechsbeiner noch nicht einmal entdeckt. Wissenschaftler vermuten, dass sich zu den rund eine Million bekannten Arten noch etwa 4,5 Millionen weitere hinzugesellen. Und während es in Europa und den USA zahlreiche Studien über den Rückgang vieler Spezies gibt, wurde der Artenschwund in Südamerika, Afrika und Asien bislang nur wenig erforscht. Katrin Wenz vom BUND, Co-Autorin des Insektenatlas, hält die Aussage der australischen Forscher vor diesem Hintergrund für schwierig: "Es gibt sicherlich eine ganz klare Tendenz zum Insektensterben, aber eine valide Aussage können wir im Grunde nur über Europa und die USA treffen."

Ursachen des Schwunds: Agrarindustrie, Flächenversieglung, Lichtverschmutzung

Eine Entwarnung ist das allerdings nicht. Es bedeutet lediglich, dass das tatsächliche weltweite Ausmaß der Krise kaum beziffert werden kann. Ihre wesentliche Ursache, das ist wissenschaftlicher Konsens, ist neben Flächenversiegelung und Lichtverschmutzung die industrielle Landwirtschaft. Sie ist verantwortlich für einen Rückgang der Biodiversität insgesamt, von dem die Insekten als größte Gruppe im Tierreich ganz besonders betroffen sind. In Deutschland bestätigte das 2017 eine Langzeitstudie ehrenamtlicher Forscher, die rund 75 Prozent Verlust an Biomasse bei Fluginsekten an verschiedenen Standorten im ganzen Land ergab. Bedenkt man allein die wirtschaftliche Bedeutung der Bestäubungsleistung von Insekten, für die es in absehbarer Zeit keinen technischen Ersatz geben wird, erschließt sich die ganze Tragweite dieser Entwicklung. 

Es brauche daher dringend ein Umdenken bei der Landwirtschaft, lautet die zentrale Botschaft der Autoren des Atlas. Die aktuellen Vorschläge der EU-Kommission gehen Katrin Wenz bislang nicht weit genug: "Wir stehen in Europa vor einer Reform der Agrarpolitik und müssen dabei eine Umwidmung der Gelder ansteuern. Im Moment wird das meiste Geld für eine pauschale Flächenzahlung genutzt, stattdessen müssten wir diejenigen landwirtschaftlichen Betriebe mehr fördern, die die Biodiversität erhalten, die insektenfreundlich und auch klimafreundlich wirtschaften."

Heuschrecken reagieren positiv auf den Klimawandel

Ein grünes Heupferd sitzt auf einer Lorbeerkirsche-Hecke.
Ein grünes Heupferd sitzt auf einer Lorbeerkirsche-Hecke.
Quelle: DPA

Natürlich kommt auch der "Insektenatlas" nicht am Thema Erderwärmung vorbei. Deren Auswirkungen auf die Welt der Insekten sind jedoch schwer abzuschätzen. Klar ist aber, dass die Klimaveränderung zu Wanderungen mancher Arten führt, die sich neue Lebensräume suchen. Allerdings sind nicht alle Insekten dazu in der Lage. In der Tundra haben steigende Temperaturen aber auch zu einem Anstieg bestimmter Insektenarten geführt. Heuschreckenarten reagieren positiv auf eine Erderwärmung. Einige Forscher gehen deshalb von steigenden Fraßschäden bei Feldfrüchten aus, sollte der Temperaturanstieg nicht gebremst werden können.

Angesichts der Bauernproteste der letzten Wochen, die sich zum Teil vehement gegen Agrarreformen gewendet haben, fordert Katrin Wenz, auf die Landwirte zuzugehen: "Wir brauchen einen gesellschaftlichen Dialog. Wenn wir eine klima- und insektenfreundliche Landwirtschaft wollen, müssen wir Anreize schaffen und die Landwirte dafür entlohnen. Aber natürlich muss die Gesellschaft auch mit entscheiden können, wie in Zukunft produziert und wofür die Gelder ausgegeben werden." In jedem Fall aber haben Verbraucher jederzeit die Möglichkeit, durch den Kauf ökologisch produzierter Lebensmittel oder den Verzicht von Pestiziden im eigenen Garten Insekten zu schützen.

Die Zahl der Insekten in Deutschland sinkt drastisch. Doch theoretisch kann jeder etwas dagegen tun, sagen Naturschützer - und geben Tipps für Gartenbesitzer und Verbraucher:

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