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Insektizide in Eiern - "Entwarnung zu geben, ist verantwortungslos"

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Vor Gifteiern wird mittlerweile in zwölf Bundesländern gewarnt – auch deutsche Betriebe nutzen das Insektizid. "In dieser Situation Entwarnung zu geben, ist verantwortungslos", kritisiert Foodwatch. Die EU hatte zuvor erklärt, die Situation unter Kontrolle zu haben. Doch viele Fragen bleiben offen.

"Man kann nicht sicher sein, ob das eigene Ei betroffen ist", sagt Lena Blanken, Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Dass die Behörden davon sprechen, die Situation sei unter Kontrolle, sei "verantwortungslos".

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Frühstück mit Ei – können wir sicher sein, dass es sich bei gerade diesem nun nicht um ein mit Gift belastetes Ei handelt? "Nein, man kann im Prinzip nicht sicher sein, ob das eigene Ei betroffen ist", sagt Lena Blanken von Foodwatch im ZDF-Morgenmagazin. Die Informationspolitik der Behörden sei derzeit "in jedem Fall mangelhaft".

Die EU-Kommission sieht das anders. Nach deren Einschätzung ist die Situation unter Kontrolle. Die Höfe, auf denen das Insektizid eingesetzt wurde, seien identifiziert, Eier geblockt und verseuchte Eier vom Markt genommen, wie eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Donnerstag mitteilte. Doch sind wirklich alle Fragen geklärt?

Kritik an Informationspolitik der Behörden

"Wir wissen nicht, in welchen Produkten diese Eier weiterverarbeitet wurden", führt Blanken als offene Frage an. Ein Punkt, den auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sieht. Die "Neue Osnabrücker Zeitung" zitiert ihn mit der Aussage: "Wir können nicht ausschließen, dass vergiftete Eier auch in Kuchen oder Nudeln gelandet sind." Das Bundesland lasse daher nun auch Lebensmittel mit Ei-Anteil auf Rückstände des Insektengifts Fipronil untersuchen.

Foodwatch kritisiert zudem das vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit betriebene Portal lebensmittelwarnung.de. Die Informationen dort seien nicht vollständig, zum Teil auch widersprüchlich. Die Webseite sei daher "kein ausreichendes Mittel, um Verbraucher zu informieren", bilanziert Blanken.

Schmidt: "Noch keine Entwarnung"

Der Skandal um Millionen giftbelastete Eier zieht in Deutschland derweil weitere Kreise. Inzwischen sei von zwölf betroffenen Bundesländern auszugehen, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) am Donnerstag in Berlin. Eine Schlüsselrolle hätten Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Auch Schmidt sagt: Die Lage sei "unter Kontrolle". Zugleich erklärt er, es gebe aber "noch keine Entwarnung".

Warenströme würden mit Hochdruck untersucht, auch für Produkte mit verarbeiteten Eiern. Ein Ursprung des Skandals sind belastete Eier aus den Niederlanden, die auch in Deutschland in den Handel gelangten - darunter Bio-Eier.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Meyer fordert nun auch Konsequenzen beim Bund. Das Insektizid Fipronil müsse in das bundesweite Rückstandsmonitoring für Lebensmittelkontrollen aufgenommen werden. "Wir haben schon Anfang der Woche dazu aufgefordert, Fipronil aufzunehmen, und dass alle Bundesländer und Landkreise regelmäßig eine Zahl von Stichproben machen sollen von Eiern, die im Verkauf sind", sagte Meyer der Deutschen Presse-Agentur. Das sollte nicht nur für Eier aus den Niederlanden gelten, sondern auch für Eier aus Deutschland. "Wenn wir was finden, wird gesperrt, gewarnt und zurückgerufen."

Auch deutsche Eier unter Verdacht

Die Bundesregierung nehme das Geschehen "sehr ernst", sagte Schmidt. Auch niedersächsische Legehennenhalter stehen unter Verdacht, Ställe mit dem fipronilhaltigem Anti-Läusemittel Dega-16 desinfiziert zu haben. Dort sind nach Angaben des Landesagrarministeriums nunmehr vier Betriebe gesperrt, in denen sich ein Verdacht bestätigt habe.

Schmidt mahnte zudem eine lückenlose Klärung der Vorgänge an. Zentral sei vor allem, wo im Handel oder anderswo sich noch kontaminierte Eier befinden könnten, die dann aus dem Verkehr zu nehmen seien. Bund und die betroffenen Länder stünden in enger Abstimmung, auch mit den Niederlanden und Belgien würden Informationen ausgetauscht. Verbotene Verwendung des Insektengifts wie bei Hennen sei nicht hinnehmbar und müsse von der Justiz geahndet werden, sagte der Minister.

Das Portal lebensmittelwarnung.de listet die betroffenen Länder auf. Vorerst nicht betroffen waren laut Ministerium die vier Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Die Discounter Aldi Nord, Aldi Süd und Lidl nahmen Eier von Höfen unter Fipronil-Verdacht aus den Regalen. Einen Verkaufsstopp für alle niederländische Eier verhängten Rewe und Penny.

Gefährdung unwahrscheinlich

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gibt es vorerst keine Befunde für einen möglicherweise gesundheitsschädlichen Gehalt an Fipronil pro Kilogramm Ei. Bisher vorliegende Daten lägen "um einen Faktor zehn unterhalb" des kritischen Werts, bis zu dem eine Gefährdung für Erwachsene wie Kinder unwahrscheinlich sei. Dieser Wert gelte sowohl für lose Eier als auch für verarbeitete Produkte. Generell gelte: "Fipronil hat in Eiern nichts zu suchen", sagte BfR-Abteilungsleiterin Monika Lahrssen-Wiederholt.

Die Verbraucher sollten die Eier nicht konsumieren, sondern entsorgen oder ihrem Einzelhändler zurückgeben, erklärte dagegen die Bremer Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, Eva Quante-Brandt.

Verbraucherschützer: Stempel checken

Verbraucherschützer raten dazu, den Stempel von Eiern zu prüfen. "Eier aus Holland sind leicht an dem Aufdruck NL zu erkennen", sagte Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen. "Da aber auch Betriebe in Niedersachsen Desinfektionsmittel mit Fipronil verwendet haben, empfehlen wir vorsorglich Familien mit Kindern, vorerst auf niedersächsische Eier zu verzichten." Diese seien auf dem Stempelaufdruck an der Ziffer 03 zu erkennen, die direkt nach dem DE-Kennzeichen folgt.

Geflügelbetriebe in den Niederlanden gesperrt

In den Niederlanden bleiben noch 138 Geflügelbetriebe gesperrt. Bei Kontrollen seien Spuren von Fipronil in den Eiern festgestellt worden, teilte die Kontrollbehörde NVWA am Donnerstagabend in Utrecht mit. Die übrigen der zuvor insgesamt 180 betroffenen Betriebe seien frei gegeben worden. Inzwischen seien alle belasteten Eier aus den Supermärkten entfernt worden, sagte Behörden-Sprecher Benno Bruggink. "Es sind keine niederländischen Eier mit Fipronil mehr im Handel." Insgesamt 180 Betriebe hatten ein Anti-Läusemittel eingesetzt, dem das für Nahrungsmittel verbotene Fipronil beigemischt worden war.
Zu den Ermittlungen gegen das flämische Unternehmen, das als Verursacher verdächtigt wird, machte die Staatsanwaltschaft in Antwerpen keinerlei Angaben. Der Händler soll dem Mittel den Stoff Fipronil beigemischt haben, der in der Geflügelzucht verboten ist. Über eine niederländische Firma wurde das Mittel weiter verbreitet.

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