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Kolumbien - FARC-Rebellen fliehen vor dem Frieden

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In Kolumbien schleppt sich die Integration ehemaliger FARC-Guerilleros dahin. Viele Rebellen zieht es zurück in die Berge - ihre Kommandanten liebäugeln mit politischen Karrieren.

FARC-Rebell in selbstgebauter Stadt
Ein ehemaliger FARC-Rebell vor der Bibliothek in einer eigens für die Ex-FARC-Mitglieder gebauten Stadt. Quelle: reuters

Es sind keine guten Nachrichten, die Carlos Alfonso Negret seinen Landsleuten zu verkünden hat. "Wir sind sehr besorgt über die Dissidenten der FARC", sagte der Ombudsmann für Menschenrechte vor wenigen Tagen gegenüber internationalen Journalisten. Die Zahl derjenigen, die sich dem Friedensprozess verweigern und stattdessen in die Berge zurückgehen, soll laut Negrets Erkenntnissen auf rund 800 Kämpfer angestiegen sein.

In Übergangslagern fehlen Strom und Wasser

In Kolumbien nennen sie diejenigen Rebellen, die sich dem Friedensprozess mit der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos verweigern, die "Dissidencia". Wenige Wochen nach dem Umzug der rund 8.000 Rebellen zeigte sich das kolumbianische Verteidigungsministerium noch zuversichtlich, sprach von gerade einmal 200, 300 Rebellen die ihre Waffen nicht niederlegen wollen. Friedensnobelpreisträger Santos hatte eine eindeutige Botschaft für diesen Teil der FARC. "Auf sie wartet das Gefängnis oder das Grab", so Santos. Nun schwanken die Zahlen: Die International Crisis-Group sprach zuletzt sogar von 1.000 Rebellen, die es wieder an die Waffen zieht. In anderen Berichten ist sogar von bis 1.500 Guerilleros die Rede, die wieder kämpfen wollen. 

Carlo Alfonso Negret, Ombudsmann für Menschrechte
Carlos Alfonso Negret, Ombudsmann für Menschenrechte Quelle: reuters

Die Gründe dafür sind vielschichtig. In rund zwei Dutzend Übergangslagern hatten sich die FARC-Rebellen seit Unterzeichnung des Friedensvertrages eingefunden, doch die Zusagen der Regierung, dort infrastrukturelle Unterstützung beim Aufbau von Wasser- und Stromversorgung zu leisten, wird nur schleppend umgesetzt. Das liegt auch daran, dass die Lager weit weg vom urbanen Kolumbien liegen und nicht einmal über eigene Zufahrtswege verfügen. Diese Abgeschiedenheit und Distanz war selbst gewählt und erschwert nun nicht nur die Integration, sondern auch den Aufbau einer Infrastruktur.

 "Timochenko" will Karriere machen

Zudem gibt es auch internen politischen Widerstand gegen das Abkommen. Eine FARC-Einheit hat sich laut kolumbianischen Medienberichten entschlossen, den Friedensvertrag abzulehnen. "Wir als Kämpfer verstehen nicht, wie unsere Kameraden unsere Ideale, Ziele und revolutionären Erfolge im Gegenzug für den Komfort der Eliten des Staates und einige Dollar verhandeln können", heißt es in dem Schreiben, aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Das ist ein offener Affront gegen die Spitze der FARC, deren ehemalige Kommandanten um Rodrigo "Timochenko" Londono inzwischen politische Karrieren planen. "Timochenko" erwägt eine Präsidentschaftskandidatur, die weitere Prominenz - fast ausnahmslos Männer - führen die Liste der Vorschläge für den Senat und den Kongress an. 

Obwohl dort laut Friedensvertrag eigentlich keine Vertreter sitzen dürften, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Klären müsste dies eine Sonderjustiz, doch auch die kommt nur schleppend in Gang und ist Gegenstand einer heftigen innenpolitischen Debatte. Dass im nächsten Jahr Präsidentschaftswahlen anstehen, vereinfacht die Lage nicht gerade. Sicherheitsexperte John Marulanda sagte dem rechtsgerichteten Nachrichtensender "NTN24" innerhalb der FARC komme es zu einer Neiddebatte. Die Basis erlebe, wie die ehemaligen Kommandanten mit eigenen Leibwächtern, gepanzerten Fahrzeugen und Flugzeugen ausgestattet würden.

Zugleich häufen sich die Meldungen, dass das Fußvolk Attacken rechtsgerichteter paramilitärischer Banden ausgeliefert sei, die alte Rechnungen begleichen wollten. Zudem sei die Enttäuschung über die Realität groß. Die vergleichsweise bescheidenen Zuwendungen des Staates gegenüber den Einnahmen aus dem Drogenhandel sorgten für Ernüchterung an der Basis. In der Tat häufen sich in Kolumbien die oft blutigen Auseinandersetzungen zwischen Koka-Bauern und jenen Kräften des Staates, die die Koka-Sträucher eliminieren sollen. Auch hier kommt die Regierung ihren Versprechen, für Alternativen zu sorgen, nur schleppend nach.

Enttäuschung über die Regierung

In Granada in der Provinz Meta zieht der katholische Priester Andres Rodrigo Butrago im Gespräch mit heute.de deswegen ein verhaltenes Fazit: "Dieser Friedensvertrag ist eigentlich eine Chance für einen Neuanfang." In seiner Diözese steht eines der FARC-Übergangslager. "Einige der Rebellen sind nach Hause zu ihren Familien gegangen, andere in die Berge verschwunden", berichtet Butrago. Die Enttäuschung darüber, dass die Regierung ihr Wort nicht überall gehalten habe, sei groß. Seinen Optimismus hat Butrago aber dennoch nicht verloren: "Ich glaube, dass es nach wie vor eine Chance für den Frieden gibt. Dafür müssen aber alle Seiten ihre Anstrengungen erhöhen."

 

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