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Wertungsfragen - "Ein toleranter Rassist bleibt ein Rassist"

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Hetze, Hassreden, Rassismus: Im heute.de-Interview zum "Tag der Toleranz" erklärt der Philosoph Rainer Forst, warum Toleranz nicht immer die Lösung ist.

Passanten in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße in Berlin
Passanten in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße in Berlin Quelle: imago

heute.de: Herr Professor Forst, was verstehen Sie unter dem Begriff Toleranz?

Rainer Forst: Toleranz besteht aus drei Komponenten. Erstens setzt die Toleranz immer eine Ablehnung voraus. Wenn wir beispielsweise sagen, dass der Geruch eines Essens gerade noch tolerierbar ist, stimmt mit dem Geruch etwas nicht. Zweitens kommt hinzu, dass wir etwas aus bestimmten Gründen dennoch tolerieren, obwohl wir es eigentlich schlecht finden. Und drittens gibt es die Grenze der Toleranz. Also negative Gründe, die eine Praxis nicht mehr tolerierbar machen, weil sie beispielsweise gegen Menschenrechte verstößt. Ich muss also drei Wertungen vornehmen: Was habe ich eigentlich gegen das, was die anderen tun, aus welchen Gründen sollte ich es dennoch tolerieren, und bis wohin sollte ich es tolerieren?

heute.de: Immer wieder fordern Politiker, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, selbst wenn sie zum Teil rassistisch sind. Ist Toleranz das richtige Rezept gegen Intoleranz?

Forst: Nein, das ist sie sicherlich nicht immer. Nehmen wir an, dass wir den Rassisten darauf hinweisen, dass er im Sinne des Zusammenlebens tolerant sein soll. Ein toleranter Rassist bleibt aber ein Rassist. Er findet also Leute, die eine andere Herkunft haben, generell minderwertig. Toleranz ist hier nicht die Lösung, weil sie den Rassismus nicht angreift.

heute.de: Auch viele Rechtspopulisten nehmen den Begriff der Toleranz für sich in Anspruch. Was würden Sie diesen Menschen antworten?

Forst: Es ist in der Tat ein interessantes Phänomen, dass diejenigen, die rassistisch und antidemokratisch, also extrem intolerant sind, beanspruchen, man möge doch ihrer Position in der Öffentlichkeit ausreichend Raum geben. Die Frage ist allerdings, wann der Widerstand gegen solche rassistischen Reden, die ja nicht selten zu rassistischen Taten werden, gerechtfertigt ist und in welcher Form. Rechte dürfen natürlich reden - aber dass sie sich ausgerechnet als Opfer der Intoleranz darstellen, wenn man ihnen widerspricht, ist auch nicht konsequent, weil sie die Toleranz selbst nicht pflegen.

heute.de: Wieso entbrennen Toleranz-Debatten häufig an religiösen Fragen?

Forst: Die Toleranz ist gerade bei Religionen eine Aufgabe, weil Gläubige in der Regel überzeugt sind, dass ihre Religion die wahre Religion ist. Sie fühlen sich dafür verantwortlich, dass Gott auf die richtige Weise von allen Menschen angebetet wird. Das ist die Quelle von Intoleranz. Die Toleranz ist die Reaktion darauf. Denn sie versucht Gründe zu nennen, warum es besser ist, mit Menschen anderen Glaubens friedlich zusammenzuleben.

heute.de: Nehmen wir das Beispiel "Kopftuch". Während die einen es als Ausdruck der Unterdrückung für nicht tolerierbar halten, sehen es andere als religiöses Symbol für unbedingt zu tolerieren an. Wer hat Recht?

Forst: In dieser Diskussion wird man nicht bestreiten können, dass das Kopftuch aus einer patriarchalen Tradition kommt. Wir wissen aber, dass Musliminnen in Deutschland diese Praxis ganz unterschiedlich deuten. Ich denke, dass eine Gesellschaft aus dieser Vieldeutigkeit nicht eine bestimmte Interpretation, die Unterdrückung, herausgreifen und es daraufhin verbieten darf. Das wäre eine Verletzung der Religionsfreiheit.

heute.de: Wie sieht es mit dem Kreuz im Klassenzimmer aus?

Forst: Da werden häufig zwei Dinge vermischt: das religiöse Symbol - etwa die Kreuzkette - das eine Einzelperson trägt, und das religiöse Symbol, das als Ausdruck staatlichen Selbstverständnisses an der Wand hängt. Das erste ist die Ausübung der Religionsfreiheit, das zweite die unzulässige Identifikation des Staates mit einer bestimmten Religion.

heute.de: Wie einigt sich eine Gesellschaft auf die Grenzen der Toleranz?

Forst: Es wird nie möglich sein, darüber eine abschließende Einigung herbeizuführen, die nicht sehr viele Grauräume der Interpretation lässt. Selbst wenn wir sagen, die Grundrechte sind nicht verhandelbar, dann stimmen wir nicht immer darin überein, wann ein Grundrecht verletzt ist. Wir müssen die Praktiken, die manche Leute als verwerflich ansehen - und zwar so verwerflich, dass sie nicht toleriert werden sollen - genau betrachten und diskutieren.

heute.de: Immer wieder wird dafür die Leitkultur ins Spiel gebracht. Ist das der Versuch, die Grenzen der Toleranz zu ziehen?

Forst: Ich finde diesen Begriff notorisch doppeldeutig. Einerseits ist klar, dass die Grundrechte des Einzelnen nicht antastbar sind. Ich kann das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht infrage stellen, nur weil eine Religion Körperstrafen vorsieht. Andererseits hebt die Leitkultur aber eben nicht nur auf rechtliche Prinzipien ab, sondern auf viel weitere kulturelle Formen wie das Händeschütteln. Die Kunst der Toleranz ist ja gerade, die Dinge hinzunehmen, die einen eigentlich stören, aber keine Grundrechte verletzen.

Das Interview führte Jonas Trembinski

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