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Gewalt in Sozialen Netzwerken - "Computer können Uploads nicht beurteilen"

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Der Attentäter von Christchurch hat seine Tat über Facebook verbreitet - mit den bisherigen Mitteln bekommen die Plattformen das nicht in den Griff, sagt Expertin Sarah Roberts.

Wie konnte der Mörder von Christchurch seine Tat live auf Facebook stellen und warum blieb das Video so lange online? Ein Undercover-Reporter hat ein Facebook-Ausbildungszentrum besucht und die Praktiken des Konzerns kennengelernt.

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5 min
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ZDF: Es ist nicht das erste Mal, dass Soziale Netzwerke für die Darstellung von Gewalt missbraucht wurden. Warum bekommen die Firmen das Problem nicht in den Griff?

Sarah Roberts: Ja, wir müssen darüber nachdenken, wer die Verantwortung dafür trägt, dass diese Werkzeuge und Möglichkeiten angeboten werden, ohne dass es einen Notausgang gibt. Wenn die Antwort heißt, dass es nie eine Art Notausgang geben wird, dann müssen wir diese Angebote auf den Prüfstand stellen. Denn das Beängstigende dabei ist doch, sobald der Livestream einmal beendet ist, wird das Material in anderen Sozialen Medien gestreut. Und wir kennen die Natur des Internets: Es geht nur ums Teilen und Geteiltwerden. Es ist wie der Versuch, die Büchse der Pandora wieder zu schließen.

ZDF: Eine effizientere Kontrolle ist derzeit also praktisch unmöglich?

Sarah Roberts
Sarah Roberts ist Professorin für Informationswissenschaften an der University of California, Los Angeles.
Quelle: ZDF

Roberts: Es gibt vieles, was Computer gut erledigen können. Zurzeit und wohl auch in der absehbaren Zukunft wird es aber unmöglich bleiben, eine derart analytische Bewertung vorzunehmen, wie es ein menschlicher Verstand leisten könnte. Wenn wir also darüber nachdenken, wie gestreamtes Material automatisch überprüft und sortiert werden kann, dann bin ich der Meinung, es ist unmöglich, einen Computer allein die Entscheidung treffen zu lassen. Allerdings ist es genauso undenkbar, jeden Livestream von einem professionellen Inhaltsprüfer anschauen zu lassen.

ZDF: Die Arbeit eines Social-Media-Moderators ist sehr belastend. Hat das psychologische Folgen für die Angestellten?

Roberts: Ja, das ist eine sehr schwierige Arbeit, nicht nur weil sie ekelerregende und schockierende Bilder sehen müssen, sondern auch, weil diese Arbeit häufig sehr monoton und langweilig ist. Ich habe mal eine Person interviewt, die es als Fabrikarbeit beschrieben hat - eine Art Fließbandarbeit. Täglich musste er Tausende Bilder bewerten und plötzlich taucht dann ein Bild auf, das furchtbar und schrecklich ist. Diese Bilder nimmt man mit nach Hause und man muss das Gesehene emotional verarbeiten.

ZDF: Auch Tage nach dem Attentat von Christchurch, nachdem Facebook Millionen Videos von der Plattform gelöscht hat, ist die Attacke noch immer zu finden. Ist es überhaupt möglich, Material komplett zu löschen, wenn es einmal hochgeladen wurde?

Roberts: Alle Spuren eines Verbrechens verschwinden zu lassen, ist schwierig bis unmöglich. Es gab schon andere Fälle, in denen Menschen online zu Mobbingopfern gemacht wurden. Das Material wurde gespeichert, geteilt und ist am Ende immer wieder aufgetaucht. Es gab einen Fall in Italien, bei dem eine Frau Opfer von Rachepornos geworden ist. Sie hat die Täter verklagt und gewonnen. Die Angeklagten sagten, sie hätten alles Material online gelöscht. Und obwohl die Täter bestraft wurden, konnte die Frau nicht verhindern, dass das Material immer wieder neu online gestellt wurde. Am Schluss hat sie das in den Suizid getrieben.

ZDF: Sind wir also der Hilflosigkeit von Facebook und Co. hilflos ausgeliefert?

Roberts: Natürlich haben die Unternehmen das Bedürfnis, die Bevölkerung vor wirklich schlimmen Inhalten zu bewahren. Auf der anderen Seite beruht das Konzept dieser Firmen darauf, dass sie den Nutzern erlauben, alles hochzuladen, was sie wollen. Diese beiden Positionen scheinen nicht miteinander vereinbar zu sein, es gibt hier also eine Diskrepanz. Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren eine Neustrukturierung der Dinge zu erwarten haben. Wir werden sie in gewisser Weise erzwingen müssen. In der Vergangenheit haben wir die Social-Media-Plattformen häufig als neutrale Unternehmen bezeichnet, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Doch diese Wahrnehmung ändert sich gerade. Denn dieses Spiegelbild gefällt den Menschen nicht mehr. Die Sozialen Medien spiegeln nicht nur, sie verstärken bestimmte Positionen. Und das beginnen wir zu begreifen.

Das Interview führte Melanie Hillmann für das ZDF auslandsjournal.

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