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Arbeitszeiten - "Angst und Geld sind starke Treiber"

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Flexible Arbeitszeiten bedeuten nicht unbedingt ständige Erreichbarkeit - aber wer mobil arbeitet, muss klare Grenzen ziehen. Das fordert Arbeitszeitexperte Andreas Hoff.

Mann arbeitet mit Laptop und Handy
Flexibles Arbeiten wird für viele Arbeitnehmer immer wichtiger - das muss aber trotzdem nicht heißen, dass man ständig erreichbar ist, sagt Arbeitszeitexperte Andreas Hoff.
Quelle: imago/Westend61

heute.de: Arbeitsorte und -zeiten werden mit der Digitalisierung flexibler. Wie kann ich als Erwerbstätiger davon profitieren?

Andreas Hoff: Die Arbeitszeiten werden nur dann (potenziell) flexibler, wenn Arbeitsaufgaben mobil erledigt werden können - was aber auch in Zukunft nur für einen Teil der Arbeitsaufgaben der Fall sein wird. Positiv hieran sind vor allem das Einsparen von Wegezeiten zum Arbeitsplatz, eine bessere Vereinbarkeit mit privaten Verpflichtungen und Interessen und die Möglichkeit zum ungestörten Arbeiten - wobei hier das Problem ja auch darin besteht, dass dies heute in vielen Betrieben nicht mehr in ausreichendem Maße möglich ist.

heute.de: Inwieweit unterscheiden sich mit Blick auf Flexibilisierung Vollzeit- und Teilzeitmodelle?

Hoff: Teilzeitmodelle sind zwar per se flexibler - einfach weil nicht so viel Volumen zu verteilen ist. Auf der anderen Seite geht die Rechtsprechung richtigerweise in Richtung Gleichbehandlung, so dass Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte nur noch im gleichen Maße flexibel eingesetzt werden dürfen. Dies ist besonders bei vom Arbeitgeber disponierten Arbeitszeiten von großer Bedeutung - und wird dort vielfach zu erheblichen Veränderungen führen müssen.

heute.de: Mit Flexibilität geht allerdings auch Verantwortung einher. Wie soll eine Trennung von Arbeit und Beruf bei ständiger Erreichbarkeit gelingen?

Hoff: Ständige Erreichbarkeit ist keineswegs notwendige Folge mobilen Arbeitens! Am einfachsten ist hier meines Erachtens der Rückgriff auf das gute alte Arbeitszeitgesetz (das aber genau aus diesem Grund seit einigen Jahren von deutschen Arbeitgeberverbänden angegriffen wird). Dieses schreibt nämlich eine tägliche Ruhezeit von grundsätzlich elf Stunden und eine wöchentliche Ruhezeit von grundsätzlich 35 Stunden vor, die selbstverständlich auch für das mobile Arbeiten gilt. Meinen Kunden empfehle ich vor diesem Hintergrund einen auch für das mobile Arbeiten geltenden Arbeitszeitrahmen von 13 Stunden Dauer - also zum Beispiel von 7 bis 20 Uhr -, außerhalb dessen nur nach Abstimmung mit der Führungskraft, mit Genehmigung des Betriebsrats oder ähnlichem gearbeitet werden darf. Hinzu kommt eine den gesetzlichen Anforderungen entsprechende strikte Beschränkung der Arbeitszeit an Sonntagen. Schon allein damit sind selbst dann 90 der 168 Stunden pro Woche grundsätzlich arbeits- und erreichbarkeitsfrei, wenn auch am Samstag innerhalb des oben angegebenen Arbeitszeitrahmens gearbeitet werden darf.

heute.de: Gerade Menschen, die flexibel arbeiten, berichten von Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens. Flexibel und nicht erschöpft und gestresst: Wie geht das?

Hoff: Durch klare Grenzziehungen, die optimaler Weise betrieblich - als Kultur-Bestandteil - vorgenommen werden. Ansonsten durch selbst vorgenommene Grenzziehungen wie einer klaren Orientierung an einer Teilung des Tages in Arbeits- und Nichtarbeitszeit sowie an der vertraglichen Arbeitszeitdauer, was dann natürlich auch das Einfordern hierzu passender Arbeitspakete erfordert. Einfach ist dies nicht - und mit dem Risiko verbunden, dass der Arbeitgeber oder die Führungskraft "noch nicht so weit ist". Aber wie sonst soll der beziehungsweise die das lernen?

heute.de: Warum arbeiten Menschen immer noch auch gegen den Rat der Ärzte?

Hoff: Angst und Geld sind starke Treiber, aber auch eine übersteigerte Arbeitsmotivation.

heute.de: Wie kann es gelingen, dass Angst keine größere Rolle mehr spielt?

Hoff: Ausschließlich als Ergebnis guter Führung, die wiederum von einer entsprechenden Unternehmenskultur getragen wird. Und die Erwerbstätigen müssen auf Angst in dem Sinne reagieren, dass sie zu einem Arbeitgeber mit besseren Arbeitsbedingungen wechseln.

heute.de: Was können Unternehmen tun, um Flexibilität anzubieten und gleichzeitig klare Grenzen zum Privatleben zu ziehen?

Hoff: Meines Erachtens genügt die Einhaltung der gesetzlichen und gegebenenfalls engerer tarifvertraglicher Grenzen.

heute.de: Wohin steuert unsere Arbeitswelt aus Ihrer Sicht?

Hoff: Das hängt, was die Arbeitszeit angeht, sehr stark auch von der künftigen politischen Entwicklung ab. So hat zum Beispiel die damalige österreichische Regierung aus ÖVP und FPÖ die gesetzliche Tages-Höchstarbeitszeit 2018 auf zwölf Stunden verlängert, was angesichts der Arbeitsverdichtung der letzten Jahre aus meiner Sicht in die völlig falsche Richtung geht. Derzeit bremst die SPD eine solche Entwicklung in Deutschland noch aus - aber wie lange noch, steht bekanntlich in den Sternen.

Das Interview führte Jan Schüßler.

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