Sie sind hier:

Verhandeln auf dem Klimagipfel - "Strittiges wird auch in Kaffeepausen gelöst"

Datum:

25.000 Teilnehmer bei der Weltklimakonferenz - ZDF-Experte Volker Angres weiß aus Erfahrung: Es dauert lange, bis da ein Konsens gefunden ist. Aber es gibt auch Tricks.

Weltklima: Was kommt nach Kyoto?
Quelle: ZDF

heute.de: Herr Angres, die COP23 in Bonn ist Ihre 15. Weltklimakonferenz. Was hat sich seit Ihrer ersten Konferenz in Rio de Janeiro 1992 verändert?

Volker Angres: Die Auswirkungen des Klimawandels sind deutlich stärker zu spüren. Außerdem sind wissenschaftliche Zweifel, dass menschliche Aktivitäten den Klimawandel dramatisch beschleunigen, fast nicht mehr vorhanden. Aber auch die technischen Möglichkeiten zum Beispiel durch regenerative Energien und Digitalisierung sind sehr viel größer als vor 25 Jahren.

heute.de: 197 Staaten sind Mitglied der sogenannten UN-Klimarahmenkonvention. Wie muss man sich Verhandlungen mit so vielen Teilnehmern vorstellen?

Angres: Wenn es tatsächlich nur 197 Staatenvertreter wären, wäre es ja nahezu einfach, aber es sind viel mehr: Insgesamt werden 25.000 Teilnehmer in Bonn erwartet. Das ist die größte internationale Konferenz, die es in Deutschland je gegeben hat. Um inhaltlich arbeiten zu können, gibt es Arbeitsgruppen, die sich um einzelne Punkte kümmern.

heute.de: Wie entsteht daraus ein gemeinsames Abschlussdokument?

Angres: In den Arbeitsgruppen sitzen die Spezialisten aus den Länderdelegationen und einigen sich auf schriftliche Vorschläge zu ihrem Thema. Diese werden von den Verhandlungsführern geprüft und bei Uneinigkeit zurück in die Arbeitsgruppe gegeben. Das geht einige Male hin und her bis es einen Vorschlag gibt, auf den sich alle einigen können.

heute.de: Und der wird dann im Schlussplenum zur Abstimmung gestellt?

Angres: Genau. In dieser Mammut-Plenumssitzung mit allen Delegierten aus allen Ländern wird jeder einzelne Paragraf aufgerufen. Jeder Delegierte kann dann auch im letzten Moment noch einen Einwand vorbringen, der wieder auf der Verhandlungsebene besprochen werden muss. Wenn alle zustimmen, gibt es den berühmten Hammer, mit dem der Konferenzpräsident klopft, wenn ein Paragraf angenommen ist. Diese Schlusssitzung kann durchaus acht, zehn Stunden oder sogar länger dauern. 

heute.de: Wird die Zivilgesellschaft auch eingebunden?

Angres: Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, Oxfam oder Germanwatch haben keinen offiziellen Status bei der Konferenz, spielen aber trotzdem eine ganz wichtige Rolle. Zum einen lenken sie durch ihre Protestaktionen die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Konferenz. Zum anderen vermitteln sie oft inoffiziell zwischen den Delegationen.

heute.de: 25.000 Gäste aus aller Welt sind nach Bonn gekommen. Lohnt sich diese Umweltverschmutzung überhaupt?

Angres: Die Gegenfrage lautet: Wie soll es sonst gehen, dass sich die ganze Welt auf gemeinsame Maßnahmen gegen den Klimawandel einigt? Das geht nur, wenn man sich regelmäßig trifft. Was man nicht unterschätzen darf, sind die guten Kontakte zwischen vielen Delegierten, die sich teils seit vielen Jahren kennen. Das baut Vertrauen auf, es sind mitunter regelrechte Freundschaften entstanden. Daher werden strittige Fragen nicht immer in den offiziellen Verhandlungen gelöst, sondern auch während den Kaffeepausen.

heute.de: Was sind die wichtigsten Themen der aktuellen Konferenz?

Angres: Es gibt vor allem zwei Knackpunkte. Erstens geht es um das sogenannte Regelwerk, nach dem künftig Treibhausgas-Emissionen nach den gleichen Methoden erfasst und transparent gemacht werden sollen. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass an die 130 Länder keine validen Methoden dafür haben, einige sogar noch nie ihre Treibhausgase statistisch erfasst haben. Ohne ein solches Regelwerk wird es schwierig, den nächsten wichtigen Schritt zu tun, nämlich die Verschärfung der Klimaschutzmaßnahmen in Gang zu bringen, was ja ab 2020 in Fünfjahres-Schritten erfolgen soll.

heute.de: Und der andere Punkt?

Angres: Das zweite wichtige Thema ist die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dafür sieht das Pariser Abkommen einen Klimafond vor, der ab 2020 jährlich mit 100 Milliarden US-Dollar neu gefüllt werden muss. Die Entwicklungsländer fürchten, dass diese Summe unter anderem durch den Zahlungsstopp der USA nicht erreicht werden wird.

heute.de: Welche Auswirkungen hätte ein Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen noch?

Angres: Der ganze Klimaschutzprozess, den es seit 1992 gibt, würde nicht gestoppt werden. Ganz im Gegenteil: Nach der Austrittsankündigung durch Präsident Trump haben innerhalb kürzester Zeit 70 Länder das Abkommen von Paris ratifiziert.

Praktisch müssten die USA der Weltöffentlichkeit keine nationalen Ziele mehr präsentieren. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Klimaschutz mehr betreiben würden. In vielen Bundesstaaten gibt es Strömungen, die das Ansinnen des Präsidenten überhaupt nicht teilen. Kalifornien macht sich gerade zum Vorreiter und wird im September eine eigene Klimakonferenz abhalten.

Chinas grüner Ehrgeiz

Chinas Energieversorgung basiert derzeit auf fossilen Brennstoffen, nur ein kleiner Teil des Stroms kommt aus Wind- und Solarenergie. Das soll sich nun ändern: In Zukunft soll ein großer Teil aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen werden.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

heute.de: Das Pariser Abkommen will die Temperaturerhöhung deutlich unter zwei Grad halten. Ist das noch realistisch?

Angres: Wenn wir überhaupt in die Nähe dieser Grenze kommen wollen, müssen in der Tat schnell dramatische Maßnahmen ergriffen werden. Das bedeutet, die Treibhausgas-Emissionen aus der Energieerzeugung bis 2050 auf null zu senken. Wenn die Welt das nicht schafft, dann sind es nicht nur zwei, sondern drei oder sogar vier Grad. Und weil wir hier von Durchschnittstemperaturen reden, heißt das für viele Länder beispielsweise in Afrika einen Anstieg von sechs oder acht Grad. Das würde diese Regionen unbewohnbar machen.

Das Interview führte Jonas Trembinski.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.