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"Ich wusste: Es ist hier nicht zu spaßen"

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Auschwitz-Überlebender berichtet - "Ich wusste: Es ist hier nicht zu spaßen"

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Der fast 98-jährige Ignacy Golik hat die Hölle von Auschwitz überlebt. heute.de erzählt er von seinen Erinnerungen - und mahnt junge Menschen, genau zu überlegen, wen sie wählen.

Ignacy Golik
Ignacy Golik ist 19, als er Anfang 1941 im Vernichtungslager ankommt. Heute ist er fast 98 Jahre alt und seine Erinnerungen sind nicht verblasst.
Quelle: ZDF

Wir führen das Interview mit ihm auf Polnisch. Doch manche Erlebnisse will er uns auf Deutsch schildern, das er als junger Mann gelernt hat - und das ihn wohl überleben ließ in Auschwitz. Denn er konnte so den Anweisungen der Nazis folgen.

heute.de: Bitte schildern Sie uns den Moment, als Sie im Konzentrationslager angekommen sind.

Ignacy Golik: In der Nacht, um Mitternacht, sind wir in Auschwitz angekommen. An der alten Rampe, nahe des älteren Lagers. Die SS-Männer haben uns geschlagen, mit Stöcken und Peitschen. Sie haben uns ins Lager hineingetrieben. Morgens haben sie uns nach draußen geholt und es kam zur Begrüßung, dem sogenannten Willkommen.

Pfarrer dürfen drei Monate leben, Juden drei Wochen, alle Rest sechs Monate.

Hauptsturmführer Karl Fritzsch hat uns begrüßt. Ich erinnere mich noch gut daran: "Willkommen." (Ab jetzt auf Deutsch) "Ihr seid in einem deutschen Konzentrationslager. Eingang erfolgte durch das Tor, über dem sich Anschrift 'Arbeit macht frei' befindet. Aber von hier gibt es keinen anderen Ausgang, nur durch Schornstein des Krematoriums. Pfarrer dürfen drei Monate leben, Juden drei Wochen, alle Rest sechs Monate."

(ab jetzt wieder auf Polnisch) Die Kapos sind gekommen und haben drei Juden ausgesucht. Sie haben sie mit Stöcken geschlagen. Sie sind bewusstlos geworden. Und die Kapos haben die Stöcke auf ihre Hälse gelegt und so eine Schaukelbewegung gemacht. Als ich es gesehen habe, wie diese Menschen zerdrückt, also erwürgt wurden, wusste ich - es ist hier nicht zu spaßen.

Das frühere Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
Das frühere Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
Quelle: picture alliance/imageBROKER

heute.de: Wenn der Tod allgegenwärtig ist - wie hat Sie Auschwitz beeinflusst?

Golik: Man wird irgendwann gleichgültig. Ich hab mich irgendwann daran gewöhnt. Für mich war es nichts Neues mehr, wenn die Häftlinge einen großen Wagen mit 50 nackten Opfern gezogen haben. Aus manchen tropfte noch Blut, die wurden dann letztlich erschossen. Man hat nur gedacht, ob auf der eigenen Karteikarte nicht auch RU (Anm. der Red.: "Rückkehr unerwünscht") steht.

Die Bundeskanzlerin besucht zum ersten Mal das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Ignacy Golik, heute 98 Jahre alt, hat die Vernichtungsmaschinerie der Nazis überlebt und mahnt gegen das Vergessen.

Beitragslänge:
2 min
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Hitler wurde nicht aufgezwungen. Er wurde gewählt. Die jungen Menschen sollen überlegen, wenn sie ins Wahllokal gehen, wo sie ihr Kreuz machen.

heute.de: Welche Gedanken haben Sie heute dazu, 75 Jahre danach?

Golik: Hitler wurde nicht aufgezwungen. Er wurde gewählt. Hitler ist doch legal an die Macht gekommen im Jahr 1933. Die Deutschen haben ihn gewählt, wenn auch nicht alle. Ich habe immer Angst, dass irgendein Denker kommt und sagt: Ich heile es, es wird gut sein.

heute.de: Was ist Ihre Botschaft an junge Menschen?

Golik: Die jungen Menschen sollen überlegen, wenn sie ins Wahllokal gehen, wo sie ihr Kreuz machen. Man muss aufpassen, wem man die Macht gibt.

heute.de: Welche Erwartung haben Sie an den Besuch Merkels und andere deutsche Politiker?

Golik: Ich möchte mich nicht in die Politik reinschwatzen. Aber ich muss sagen, diese Frau hat viel Gutes für uns gemacht. Aber außerdem - trotz meiner vierjährigen Entwürdigung differenziere ich zwischen den Deutschen. Meine besten Freunde im KZ, außer meinem Bruder, der bald getötet wurde, waren Deutsche. Nicht nur politische Häftlinge - Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten -, sondern auch einfache Banditen. Sie haben sich korrekt verhalten und haben genauso gehungert. Sie waren selbst verfolgt.

Das Interview führte Roman Krysztofiak.

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