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Ausstellung "Bewegte Zeiten" - "Archäologie hat keine nationale Leitkultur"

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Über 1.000 archäologische Funde: Die Ausstellung "Bewegte Zeiten" in Berlin ist eine Schau der Superlative. Kurator Matthias Wemhoff stellt die Besonderheiten der Ausstellung vor.

heute.de: Warum sollte man "Bewegte Zeiten" auf keinen Fall verpassen?

Matthias Wemhoff: Unsere Ausstellung versammelt die spektakulärsten und interessantesten neuen Funde der letzten 20 Jahre. Man müsste durch sämtliche Bundesländer reisen und viele Museen besuchen, um alle Exponate zu sehen. Viele Dinge sind sonst gar nicht ausgestellt. Das gibt es vielleicht alle 20 Jahre mal.

heute.de: Was möchten Sie Besuchern außer der Faszination für Geschichte noch vermitteln?

Wemhoff: Wir wollen zeigen, dass viele Erkenntnisse mit uns Menschen heute zu tun haben und Archäologie damit in einen gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs stellen. Um das zu veranschaulichen, haben wir uns für das Thema Bewegung entschieden. Es geht um die Bewegung von Menschen und Dingen, um Handel und Austausch, Weitergabe von Innovationen und Ideen, also um kulturellen Transfer. Das Ganze ist mit Konflikten verbunden, einem weiteren Thema der Ausstellung. Ich glaube, die Konfrontation mit den Objekten kann das Geschichtsbild vieler Besucher erweitern.

heute.de: Gibt es dafür ein Beispiel?

Wemhoff: Die rund 35.000 Jahre alte Venus vom Hohlefels in der schwäbischen Alb wird alle Besucher faszinieren. Sie ist wahrscheinlich das älteste Kunstwerk der Menschheit. Man dachte immer, Kunst entwickelt sich von einfachen zu plastischen Darstellungen. Aber hier steht ein voll ausgebildetes Kunstwerk ganz am Anfang der Besiedlung dieser Region durch den Homo sapiens. Die damit verbundenen komplexen Vorstellungen von Fruchtbarkeit oder göttlichen Kräften können wir zwar nur erahnen, aber durch die Venus werden sie für uns heute fassbar - und das in einem unendlich weit zurückliegenden Zeitraum.

heute.de: Was sagt uns die Ausstellung über unsere Identität als Europäer?

Wemhoff: Viele Funde stellen uns selbst in gewisser Weise in Frage oder setzen uns neu in Beziehung. Es geht um die Frage: Wer sind wir, und - in Abwandlung des Precht-Zitates - wenn ja, wie viele Identitäten stecken in uns? Die Antwort wird ganz deutlich, wenn wir uns mit den spektakulären Ergebnissen der Genforschung der letzten Jahre beschäftigen, die uns die Migrationswellen der Jungsteinzeit vor Augen führen: Danach ist Europa so stark in alle Richtungen miteinander vernetzt, dass sich die Genome der heutigen Europäer nahezu nicht mehr unterscheiden. Wir machen deutlich, dass Mobilität von der Steinzeit bis in das 20. Jahrhundert ein prägendes Element ist. Es geht um Religionsflüchtlinge, Wanderarbeiter, Menschenhandel oder Verheiratung.

heute.de: Warum steht die Hafenanlage aus dem römischen Köln im Mittelpunkt der Ausstellung?

Wemhoff: Die Kölner Ausgrabung hat symbolische Bedeutung. Die römische Hafenmauer ist einerseits ein perfektes Bauwerk. Es ist erstaunlich, mit welchem Knowhow und Aufwand die Römer sie in einer fernen und fremden Gegend konstruiert haben. Das ist Innovation und Kulturtransfer per se. Die Anfänge von Köln sind geprägt durch eine unglaubliche Vielfalt, die wir auch durch Grabsteine aus dieser Zeit zeigen. Auf ihnen kann man deutlich lesen, woher diese ersten Kölner kamen. Wir haben außerdem Tausende Objekte aus dem Rheinschlamm, kleine Amphorenscherben mit Inschriften, die ihre Herkunft verraten. Man sieht: Die Römer haben ihren Wein aus Südfrankreich, ihre Fischsauce aus Süditalien und ihr Olivenöl aus Nordafrika nach Köln gebracht.

heute.de: Im Vorfeld der Ausstellung wurde Ihnen aus den Reihen der AfD vorgeworfen, die "Idee nationaler Leitkulturen in Frage zu stellen".

Wemhoff: Für mich als Archäologen gibt es überhaupt keine nationale Leitkultur. Wenn ich meinen archäologischen Befund anschaue, dann ist der immer europäisch. Es ging in unserer Geschichte immer darum, andere Ideen aufzunehmen und weiter zu entwickeln. Natürlich gibt es auch regionale Identitäten, die wiederum Teil einer komplexeren Gesamtidentität sind. Aber das kann ich niemals auf eine Nation ausweisen und schon gar nicht auf Deutschland, das so unglaublich vielfältig ist. Wenn man nur die materielle Kultur sprechen lässt, findet man keine Leitkultur. Aber solche Ideen fallen oft auf fruchtbaren Boden, weil Geschichtsbilder statisch sind. Ich glaube, viele Leute haben noch die Vorstellung im Kopf, dass sich Entwicklungen lokal vollzogen haben, im eigenen Dorf oder in der Stadt. Von Generation zu Generation. Aber das trifft nicht den Kern, denn es hat immer eine enorme Entwicklung durch Austausch gegeben. Da wird unsere Ausstellung festgesetzte Denkmuster hoffentlich aufbrechen.

Das Interview führte André Madaus.

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