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plan b - BUND fordert insektenfreundliche Äcker

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Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) beklagt ein dramatisches Insektensterben. Eine Expertin des Verbands zieht Bilanz - und fordert die Wende in der EU-Agrarpolitik.

heute.de: Wie groß ist das Ausmaß des Insektensterbens?

Corinna Hölzel ist beim BUND Expertin für Bienen und Pestizide.
Corinna Hölzel ist beim BUND Expertin für Bienen und Pestizide. Die Hobbyimkerin und ihr Mann halten 50 Bienenvölker. Quelle: BUND

Corinna Hölzel: Die Dimension des Insektensterbens ist dramatisch. In einigen Regionen ist die Biomasse an Insekten in den letzten 27 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen. Wir beobachten beides: den Insektenschwund bei der Anzahl der Individuen pro Art und auch das Artensterben. Von den über 550 in Deutschland heimischen Wildbienenarten sind laut Roter Liste über die Hälfte gefährdet oder bereits ausgestorben. Auch in anderen europäischen Ländern sieht es nicht besser aus. Fast jede zehnte Wildbienenart ist in Europa vom Aussterben bedroht. Ein Drittel der europäischen Schmetterlingspopulationen schrumpft immer mehr.

heute.de: Wofür brauchen wir Insekten eigentlich?

Corinna Hölzel: Insekten sind eine wesentliche Grundlage unseres Ökosystems und vieler Leistungen der Natur, die dem Menschen nutzen. Sie sichern mit ihrer Bestäubung unsere Ernährung. Rund zwei Drittel unserer Nahrungspflanzen sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. Auch Arzneipflanzen und andere Wildkräuter können sich nur vermehren, wenn sie bestäubt werden. Die meiste Bestäubungsarbeit leisten dabei Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören, und Honigbienen. Aber auch Schwebfliegen, Käfer und Schmetterlinge bestäuben. Insekten sind Nahrung für viele andere Tierarten, zum Beispiel Vögel, Fledermäuse und Fische. Wenn die Insekten schwinden, verschwinden auch viele andere Tier- und Pflanzenarten.

Ja, es sind in diesem Sommer besonders viele. Trockenheit, Hitze, das stabile Wetter der ersten Jahreshälfte - ideal für Wespen.

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heute.de: Sind diese Auswirkungen schon heute zu spüren?

Corinna Hölzel: Es gibt seit einigen Jahren deutlich weniger Vögel zu sehen. Zwischen 1998 und 2009 sind in Deutschland 15 Prozent aller Vogelbrutpaare, das sind etwa 12,7 Millionen, verschwunden. Vor allem Vögel der Agrarlandschaft wie Feldlerche, Rebhuhn, Kiebitz oder Feldsperling haben in ihren Beständen stark abgenommen. Gründe dafür sind der Verlust ihres Lebensraums und ihrer Nistplätze, denn Hecken, Weiden, Feldränder und Streuobstwiesen verschwinden oder werden artenärmer. Wiesen werden immer häufiger und zeitiger im Jahr gemäht. Und es fehlt die Nahrung für den Nachwuchs. Fast alle Singvögel ernähren ihre Vogeljungen ausschließlich mit Insekten.

heute.de: Haben Insekten eigentlich ein Image-Problem?

Corinna Hölzel: Zum Glück nicht mehr. Die seit 2012 laufende öffentliche Debatte und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Insektensterben haben zu deutlichen Veränderungen geführt. Begonnen hat es mit den Schmetterlingen und Bienen: Imkern ist zum Beispiel gerade absolut im Trend. Die vielen neuen Stadtimker tragen dazu bei, dass sich Faszination über die Insektenwelt und Naturverständnis verbreitet. Aber auch ihre wilden Verwandten und zahllose andere Insektenarten bekommen heute mehr Aufmerksamkeit: Hobbygärtner pflanzen und säen Blumen, Hecken und Bäume für Wildbienen und Schmetterlinge. Klar, die Wespen auf dem Frühstückstisch nerven und Mückenstiche findet auch niemand gut. Aber die Tatsache, dass Insekten die Grundlage unseres Ökosystems sind und mit ihrer Bestäubung unsere Lebensmittel sichern, ist in der Öffentlichkeit angekommen.

heute.de: Welche Rolle spielt die Landwirtschaft beim Insektenschwund?

Corinna Hölzel: Die industrielle Landwirtschaft spielt eine große Rolle beim Insektenschwund. Landschaften ohne Hecken, das Fehlen von blütenreichen Randstreifen und artenreichen Wiesen sowie der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden vernichten viele Populationen. Viele Insektizide töten oder schädigen dabei nicht nur die sogenannten Schädlinge, sondern auch Nützlinge wie Wildbienen oder Marienkäfer. Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat tötet alle Pflanzen ab und vernichtet so Lebensraum und Nahrung für Insekten. Aber auch die Anbaumethoden spielen eine Rolle: Monokulturen mit immer weniger verschiedenen Kulturpflanzen verringern die Vielfalt im Nahrungsangebot für wilde Insekten und auch Honigbienen.

Die Überdüngung landwirtschaftlicher Nutzflächen und die Umwandlung von Wiesen in Grasäcker ist ein weiterer Faktor für den Insektenrückgang. Der hohe Nährstoffeintrag verursacht Artenarmut und verdrängt seltene Pflanzen, auf die jedoch einzelne Wildbienenarten angewiesen sind. Häufig verschwinden in der intensiven Landwirtschaft wichtige Strukturen wie Feldraine, Hecken, Blühflächen oder Gräben, um großen Feldern Platz zu machen und die Bewirtschaftung mit immer größeren Geräten zu ermöglichen. Diese Strukturen sind jedoch überlebenswichtig für Insekten. Sie finden dort Nahrung und Nistmöglichkeiten.

heute.de: Wo müsste in der Landwirtschaft angesetzt werden, um das Problem zu lösen oder zumindest einzuschränken?

Corinna Hölzel: Die Möglichkeiten einer naturnahen, insektenfreundlichen Landwirtschaft sind vielfältig. Die Biobauern machen es uns seit vielen Jahren vor: Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und Mineraldünger und dafür Einführung und Verstärkung von ackerbaulichen Maßnahmen wie breite Fruchtfolgen, Mischkulturen und der Schaffung von Lebensräumen für Nützlinge. Um Habitate für Insekten zu erhalten, zu schützen und wiederherzustellen, müssen extensiv genutzte Flächen wie Streuobstwiesen oder artenreiches Grünland geschützt und vergrößert werden. Insektenlebensräume wie Hecken, Wiesen, Feldraine und Gewässerrandstreifen müssen wieder vermehrt angelegt werden und dürfen nicht mit Pestiziden behandelt werden. Stattdessen sollten sie gut vernetzt sein, um die Ausbreitung von Tier- und Pflanzenarten zu ermöglichen, der Biotopverbund ist das große Ziel.

heute.de: Landwirte stehen aber oft unter internationalem Konkurrenzdruck und zeigen manchmal wenig Begeisterung für Bio-Anbau und Insektenschutz. Wie kann eine Aufklärung und ein Umdenken gelingen?

Corinna Hölzel: Wir brauchen eine neue EU-Agrarpolitik. Landwirtschaft muss zukünftig im Einklang mit der Natur wirtschaften und nicht gegen sie. Dabei müssen Landwirte unterstützt und gefördert werden. Es wird gerade diskutiert, wie die öffentlichen Gelder der EU-Agrarsubventionen zukünftig verteilt werden. Das ist eine Chance für den Insektenschutz, Artenschutz und Klimaschutz. Der BUND fordert, dass zukünftig Gelder nur noch ausgegeben werden dürfen, wenn im Gegenzug gesellschaftliche Leistungen erbracht werden. Beispielsweise um fruchtbare Böden und sauberes Wasser zu erhalten und die Artenvielfalt zu schützen. Sie sind Grundlage für ein stabiles Ökosystem, auf das wir alle angewiesen sind.

Die Fragen stellte Sebastian Nuß

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