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Kabarettist Springer sagt Servus - "Seehofer wird niemandem fehlen"

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Fans weinen, der Nachfolger jubelt innerlich: Im heute.de-Interview spricht Kabarettist Christian Springer über Horst Seehofers Abschied als CSU-Chef und zieht streng Bilanz.

Markus Söder soll heute Nachfolger von Horst Seehofer als CSU-Chef werden.
Markus Söder soll heute Nachfolger von Horst Seehofer als CSU-Chef werden.
Quelle: Matthias Balk/dpa

heute.de: Nach gut zehn Jahren gibt Horst Seehofer heute sein Amt als CSU-Vorsitzender auf. Für Sie als Kabarettist und Bürger Bayerns ein Tag zur Freude, zum Granteln oder doch eher des etwas wehmütigen Rückblicks?

Markus Söder wird innerlich in die Luft hüpfen, aber versuchen, es nach außen zu vertuschen.
Christian Springer

Christian Springer: Nee, alles das nicht. Ich denke: Horst Seehofer wird niemandem als CSU-Chef fehlen und was heute passiert, ist absolut vorhersehbar: Es wird standing ovations geben, eingefleischte Seehofer-Fans werden eine Träne verdrücken, Markus Söder wird innerlich in die Luft hüpfen, aber versuchen, es nach außen zu vertuschen.

heute.de: Was bleibt von Seehofer als CSU-Chef?

Springer: Es ist immer so mit den CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten: Sobald der ganze Unsinn vergessen ist, der passiert ist, sagt man: Boah, das waren die Großen – ein Strauß, ein Stoiber, ein Seehofer! Letztlich bezieht sich das aber nur auf die große Länge der Amtszeit – und die war so lang, weil man bis dato keinen anderen hatte. Ein Plus von Seehofer ist aber sein Humor. Er hat manchmal einen rausg'haut, wo ich sagen musste: Das ist leider gut, das kann ich jetzt im Kabarett gar nicht verwenden.

heute.de: Zum Beispiel?

Springer: Als er 2009 bei den Querelen um die Bayerische Landesbank gesagt hat, er könne die Bank nicht einmal verschenken, weil sie keiner haben wolle.

heute.de: Was schätzen Sie abgesehen vom Humor sonst an Seehofer?

Springer: Seehofer war jemand, der einen auch ein bisschen in seine Seele hat schauen lassen – das hat ihn dann streckenweise schon zu einem Landesvater gemacht. Im Gegensatz zum aktuellen Ministerpräsidenten, der nur versucht, ein Checker zu sein. Zuletzt hat sich Seehofer aber immer wieder selbst ein Bein gestellt mit Aussagen und Gesten, die mich wirklich entsetzt haben. Etwa, die Migrationsfrage zur "Mutter aller Probleme" zu erklären. Oder dieses merkwürdige Lächeln an seinem 69. Geburtstag, als er sich auf 69 abgeschobene Afghanen bezogen hat. Oder Merkels Kanzlerschaft als "Herrschaft des Unrechts" zu bezeichnen. Das ist ein unglaublicher Quatsch. Das hat bei Seehofer aber eine gewisse Tradition.

heute.de: Was meinen Sie damit?

Springer: Wir dürfen den Blick nicht nur auf seine Aussagen zur Migration verengen. Er hat schon in den 80er-Jahren als junger CSU-Abgeordneter solchen Quatsch fabriziert, etwa während einer großen HIV-Diskussion. Da hat er gesagt, dass er Aids-Infizierte gerne in spezielle Heime sperren würde. So etwas laste ich Politikern an, das sollte nicht vergessen werden, denn so geht man nicht mit Menschen um. Das ist eine Fischerei nach Wählerstimmen. Solche Leute sollten künftig in der deutschen Politik bittschön nichts mehr zu sagen haben, denn wir sind ein modernes Land geworden.

heute.de: Im vergangenen Jahr ist einiges an Häme und Spott über Seehofer ausgegossen worden. Hatten Sie da nicht auch manchmal Mitleid?

Springer: Definitiv nicht! Schauen Sie, ich bin ein Münchner und die bayerische Tradition bezieht sich auf das Verhältnis von Jäger und Wilderer und mit einem Jäger – selbst wenn der vom Wilderer erschossen worden ist – gab es noch nie Mitleid in Bayern. Man war immer auf Seiten der Wuiden, wie man hier sagt, also kein Mitleid mit der Obrigkeit. (lacht)

heute.de: Welche Verdienste stehen bei Seehofer zu Buche?

Für München bedeutet das jetzt, dass Polizisten zwar ein Pferd haben, aber keine Wohnung! Die können sie sich nämlich bei den horrenden Mietpreisen in der bayerischen Landeshauptstadt kaum noch leisten.
Christian Springer

Springer: Seehofer wird abgehen, ein starkes Bayern hinterlassen und sich auf die Schultern klopfen lassen, was er in zehn Jahren in Bayern alles erreicht hat. Diese Erfolge sind das eine. Aber blättert man um, stellen sich wichtige Fragen: Wo sind in den letzten zehn Jahren seine Erfolge gegen die Altersarmut, gegen die Armut der Alleinerziehenden, gegen die Wohnungsnot in bayerischen Großstädten? Diese Erfolge sind definitiv nicht da. Davon werden wir aber heute nichts hören. Ich bin pessimistisch, dass sich unter Söder großartig etwas ändert.

heute.de: Was stimmt Sie denn so pessimistisch?

Springer: Schauen Sie, der Markus Söder hatte letztes Jahr das Glück, etwas Geld verteilen zu dürfen und was macht er? Er errichtet in den größeren bayerischen Städten Reiterstaffeln für die Polizei. Für München bedeutet das jetzt, dass Polizisten zwar ein Pferd haben, aber keine Wohnung! Die können sie sich nämlich bei den horrenden Mietpreisen in der bayerischen Landeshauptstadt kaum noch leisten.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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