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Deutsch-israelische Beziehungen - "Israel ist ein verlässlicher Partner"

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Israels Premier Netanjahu besucht Berlin. Trotz der Spannungen: "Die deutsch-israelischen Beziehungen stehen auf einem soliden Fundament", sagt der Historiker Michael Brenner.

Benjamin Netanjahu
Benjamin Netanjahu
Quelle: dpa

heute.de: Deutschland zählt zu Israels engsten Verbündeten. Trotzdem sind die letzten Regierungs-Konsultationen von deutscher Seite wegen Terminproblemen abgesagt worden. Wie beurteilen Sie das aktuelle deutsch-israelische Verhältnis?

Michael Brenner: Die deutsch-israelischen Beziehungen stehen auf einem soliden Fundament - ganz unabhängig von der jeweiligen Regierung und immer mehr auch losgelöst von der speziellen deutschen Verantwortung gegenüber Israel. Trotz aller politischen Unstimmigkeiten wird realisiert, dass Israel ein verlässlicher Partner und die einzige Demokratie in einer von Konflikten gebeutelten Region ist. Dennoch spielen persönliche Beziehungen auch in der Außenpolitik immer eine Rolle. Diese hatten unter Sigmar Gabriel als Außenminister einen Tiefpunkt erreicht, unter Heiko Maas stehen die Zeichen wieder anders. Das wird in Israel auch so gesehen.

heute.de: Und wie sieht das die israelische Gesellschaft? Nach wie vor ziehen viele Israelis in die einstige Reichshauptstadt Berlin.

Brenner: Ich glaube, der Berlin-Hype in Israel hat seinen Höhepunkt überschritten. Es gibt auch immer mehr Israelis in Berlin, die frustriert sind. Sie fühlen sich in Deutschland doch nicht ganz angekommen und gehen entweder zurück nach Israel gehen oder wandern weiter. Trotzdem: Auch in Zukunft wird Berlin das Zuhause von Tausenden von Israelis sein - angesichts der Vergangenheit schon eine bemerkenswerte Tatsache.

heute.de: Deutschland und Israel trennt derzeit vor allem die Iran-Frage. Kanzlerin Angela Merkel setzt auf Verhandlungen, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf Konfrontation. Wie wird die Debatte in Israel geführt?

Brenner: Israel ist eine der pluralistischsten Gesellschaften, die es gibt. Das israelische Parlament, die Knesset, hat 120 Sitze. Hier sind zehn Parteien vertreten, von ultra-orthodoxen über säkulare Listen bis hin zu arabischen Parteien. In der Iran-Frage gibt es zwar auch die unterschiedlichsten Stimmen, aber doch einen ziemlich breiten Konsens über die Bedrohung durch den Iran, dessen Führung ja schon sehr oft die Parole gestreut hat, Israel zu vernichten. Dies nutzt Netanjahu durchaus auch zu seinen eigenen politischen Zwecken aus.

heute.de: Der Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem, viele Partys zu Israels 70. Geburtstag: Für Premier Netanjahu scheint es gerade ganz rund zu laufen …

Brenner: Netanjahu gewinnt natürlich Oberwasser durch die Politik Trumps. Aber das kann sich morgen schon wieder ändern, wenn sich die Korruptionsvorwürfe gegen ihn und seine Frau verhärten. Sein größter Vorteil ist aber momentan: Es steht weit und breit kein wirklich populärer Herausforderer bereit, weder in seiner eigenen Partei noch in der Opposition.

heute.de: Ein Kippa-Träger in Berlin wurde mit einem Gürtel von Muslimen attackiert. Aufnahmen mit der Gewalttat gingen um die Welt. Hat Sie das Video schockiert?

Brenner: Natürlich sind diese Bilder widerlich. Ebenso, wenn eine Holocaust-Überlebende in Paris aus dem Fenster geworfen wird, weil dem Angreifer Israels Politik nicht gefällt oder wenn in Kopenhagen oder Malmö eine Synagoge angegriffen wird. 70 Jahre nach dem Holocaust schaffen es diese Ereignisse nicht mal mehr auf die Titelseiten der Zeitungen, so sehr hat man sich daran gewöhnt.

heute.de: Sie haben als einer der ersten prominenten Juden vor einer Antisemitismus-Gefahr durch Flüchtlinge gewarnt. Fühlen Sie sich bestätigt?

Brenner: Ich habe auch gesagt, dass die Aufnahme der Flüchtlinge eine Chance bietet: Dass gerade in Deutschland eine muslimische Bevölkerung heranwachsen kann, die sowohl den Juden wie auch der Existenz eines jüdischen Staates positiver gegenübersteht als die offizielle Politik in den arabischen Staaten dies propagiert. Hier sind unsere Erziehungsinstitutionen gefragt, und wir müssen dazu erst einmal die Voraussetzungen schaffen. Mit Hilfe des bayerischen Wissenschaftsministeriums haben wir an der Münchner Universität das bisher erste Zentrum für Israel-Studien aufgebaut, das sich auch der Lehrerausbildung und Fortbildung widmet.

Israel-Deutschland - eine besondere Geschichte

heute.de: Sie hatten kürzlich Amos Oz in München zu Gast, den bekanntesten israelischen Schriftsteller. Welche Botschaft ist Ihnen hängen geblieben?

Brenner: Amos Oz erzählte davon, wie er von fast jedem israelischen Ministerpräsidenten eingeladen und um seine Meinung gebeten wurde. Seine Kritik an der israelischen Siedlungspolitik ist ja bekannt. Alle, von Ben-Gurion bis Netanjahu, haben ihn sich höflich angehört - und seine Ratschläge nicht befolgt. Eine Frage, die er ihnen stellte, sollten sich Politiker aber überall anhören und auch in ihrem Handeln bedenken: "Was tun Sie dafür, dass es unserem Land nicht in zwei oder vier Jahren vor den nächsten Wahlen besser geht, sondern in 25 Jahren?"

heute.de: Kaum vorstellbar, Amos Oz und Benjamin Netanjahu zusammen …

Brenner: Ein politisch aktiver Intellektueller wie Amos Oz nimmt heute die Rolle der biblischen Propheten ein, die ihren Königen unbequeme Fragen stellten und sie öffentlich kritisierten. Das Land - und jede demokratische Gesellschaft - muss ihnen nicht zuletzt dafür dankbar sein, auch den Minderheiten und den Unbequemen eine bleibende Stimme zu geben.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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