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Erdogan zwischen Russland und USA - "Jetzt fällt ihm alles auf die Füße"

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Erdogan wollte alles: Ein russisches Raketensystem und den modernsten US-Kampfjet. Nun sind alle sauer und es droht, so Sicherheits-Experte Meier, "ein geschwächtes Nato-Bündnis".

Archiv: zwei US-Tarnkappenbomber F-35 am 01.11.2018 in Santa Clare
Die hätte der türkische Präsident Erdogan gerne: US-Tarnkappenbomber F-35.
Quelle: ap

Heute.de:  Die Türkei  hat sich dezidiert zum umstrittenen Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 bekannt - aber warum eigentlich? Für Außenstehende scheint es, als könne es da nur Verlierer geben.

Oliver Meier: Ja, das dürfte auch so sein - wenn man vielleicht einmal von Russland absieht. Die Lösung dieses Konflikts ist kompliziert. Die Türkei will ja seit langem ein neues Raketenabwehr-System beschaffen und war mit verschiedenen möglichen Lieferanten in Kontakt. Parallel auch immer mit den USA. Doch diese Gespräche haben sich sehr schwierig gestaltet.

heute.de: Warum? Die Präsidenten Erdogan und Trump haben sich doch eigentlich immer ganz gut verstanden.

Meier: Das persönliche Verhältnis mag gut sein, aber Ankara und Washington verfolgen teils unterschiedliche Interessen. Zum einen in Syrien. Dort spielen auch kurdischen Gruppierungen eine Rolle, die von den USA unterstützt und von der Türkei bekämpft werden. Und dann geht es um die Beziehungen zu den USA selbst. Die sind seit dem Militärputsch von Misstrauen geprägt. Teile der neuen türkischen Elite sind sehr misstrauisch gegenüber Amerika, das ja Erdogans Erzfeind Gülen beherbergt.

Heute.de: Warum sucht sich die Türkei ausgerechnet den Nato-Gegner Russland als Partner?  

Meier: Nun, die Türkei hat lange Zeit versucht, über parallele Gespräche mit China, mit Frankreich, mit Russland, die Lieferbedingungen für amerikanische Patriot-Raketensysteme zu verbessern. Diese Luftabwehrsysteme sind dem russischen S-400 System vergleichbar. Zum einen ging es um den Preis, denn Luftabwehrsysteme sind teuer. Die Türkei hat wohl auch versucht, den Preis zu drücken. Und die Türkei möchte technologisch unabhängiger sein und über den Kauf solcher Systeme selbst Zugang zu Raketenabwehrtechnologie erhalten.

Heute.de: Warum sind die USA und die Nato so vehement gegen die russische Raketenabwehr?

Meier: Die USA sehen es als Bedrohung, dass Russland über in der Türkei stationierte russische Luftabwehrsysteme an Daten über die Nato-Fähigkeiten und insbesondere Informationen über das neue F-35-Tarnkappenflugzeug gelangen könnte. Das S-400 Radar etwa könnte testen, wie die F-35 am besten erfasst werden können. Dann würde das modernste Kampfflugzeug der Nato angreifbar.

Hinzu kommt: Ankara ist seit längerem Projektpartner beim neuen F-35. Die Türkei ist einer von neun Staaten, in denen Teile für den F-35 produziert werden. Der US-Kongress und nun auch das Pentagon haben bereits angedroht, man werde, sollte die Türkei nicht bis 31. Juli den Kauf rückgängig gemacht haben, die Türkei von dem Programm auszuschließen und den geplanten Verkauf von 100 F-35 an die Türkei stornieren. Aus Nato-Sicht droht ein türkischer Alleingang bei der Abwehr von Raketen und Flugzeugen. Viele Raketen- und Luftabwehrsysteme der Nato sind untereinander vernetzt, es werden Radardaten ausgetauscht, Frühwarn-Koordinaten verschickt, da steht kein System autark für sich. Ein russisches System kann man nicht einbinden. Wenn nun ein Land ausschert, noch dazu in so einer gefährlichen Region, schwächt man die Bündnisverteidigung insgesamt.

Heute.de: Aber eigentlich könnte dann ja auch umgekehrt die Nato über die russische Raketenabwehr an sensible Daten kommen?

Meier: In der Tat, die Nato könnte durch einen Kauf der S-400-Raketenabwehr Zugang zu russischer Technologie erhalten. Offensichtlich überwiegt aus amerikanischer Sicht aber die Sorge um den Schutz moderner amerikanischer Technologie.

Heute.de: Dann hängt das alles mit dem F-35 zusammen?

Meier: Dieser Widerspruch steht im Zentrum des Streits: Einerseits setzt Ankara auf russische Luftverteidigung, will aber andererseits Partner beim Bau des modernsten Kampfflugzeugs des Westens sein – für die USA und die Nato ist das unvereinbar.

Heute.de: Hier geht es auch um viel Geld.

Meier: Natürlich: Die von der Türkei bestellten F-35 kosten geschätzt neun Milliarden Dollar. Um mit der türkischen Luftwaffe ins Geschäft zu kommen, sicherte Lockheed damals fast einem Dutzend Rüstungshersteller in der Türkei milliardenschwere Zulieferaufträge für Entwicklung und Bau der F-35 zu. Dieses Geld wäre in die Türkei geflossen. Für beide Seiten ist dieser Deal mit sehr hohen Kosten verbunden.

Heute.de: Wie geht es jetzt weiter?

Meier: Der Unsicherheitsfaktor ist US-Präsident Trump, der immer wieder über Twitter vermitteln wollte und betonte: Das kriegen wir in den Griff. Nun zeigt sich, dass diese Hoffnungen sich zerschlagen haben. Die Amerikaner drohen damit, diesen Konflikt voll ausbrechen zu lassen. Die ersten Flugzeuge des Typs F-35 sind noch in den USA, die türkischen Piloten und Techniker werden vor Ort ausgebildet.

Im November sollten die ersten Flugzeuge in der Türkei eintreffen. Die USA drohen, die Zusammenarbeit auf der US-Luftwaffenbasis bis zum 31. Juli zu beenden. Wenn es keine Lösung gibt, dann müssen die an dem Ausbildungsprogramm beteiligten türkischen Militärs die USA verlassen. Das ist ein dramatischer Schritt unter Verbündeten. Es droht ein Bruch in der Integration und der militärischen Zusammenarbeit.

Heute.de: Was wird die Türkei nun tun?

Meier: Die Frage ist eher: Wie richtet die Türkei sich jetzt geostrategisch aus, wie wird sich ihr Verhältnis zu Russland gestalten? Für Präsident Erdogan stellt sich die Frage: Will er weiter mit Russland kooperieren und damit die Zusammenarbeit in der NATO in einem zentralen sicherheitspolitischen Feld aufs Spiel setzen? Die Nato sieht Russland als einen Hauptkonkurrenten, da kann man nicht auf beiden Hochzeiten tanzen.

Aber auch ein Bruch mit Russland wäre teuer. Moskau liefert Öl und Gas, russische Touristen beleben die Wirtschaft am Bosporus. Und beide Präsidenten - Erdogan und Putin – scheinen sich persönlich gut zu verstehen. Trotzdem bleibt auch das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland nicht unproblematisch.

Heute.de: Könnte es auch zum Bruch mit der Nato kommen?

Meier: Wenn die USA ihren Beschluss durchziehen würden, käme es erst mal zur Ausweisung der Auszubildenden und der Beendigung der türkischen Beteiligung am F-35-Programm. Der türkische Anteil soll durch andere Lieferstaaten ersetzt werden, türkische Unternehmen würden dann keine Teile mehr für dieses Programm liefern. Der US-Kongress hat im Übrigen sogar mit weiteren Sanktionen gedroht, ein höchst problematischer Schritt unter Verbündeten.

Heute.de: Verfolgt  Erdogan überhaupt ein bestimmtes Ziel oder handelt er eher emotional?

Meier: Präsident Erdogan hat lange laviert, das fällt ihm jetzt auf die Füße. Im Konflikt um das russische Raketenabwehrsystem haben wir eine heikle Vermischung von militärischen, geopolitischen, regionalen, industriepolitischen und technologischen Fragen. Diese Vielschichtigkeit und die unklare Haltung Ankaras machen eine Lösung so schwierig.

Das Interview führte Elisabeth Jändl.

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