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Fankultur - "So eine Fanliebe gibt's nicht mal bei Apple"

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Im heute.de-Interview erklärt der Fanforscher Harald Lange, weshalb Konzerne neidisch auf Fußballvereine blicken und warum der moderne Fußball die Basis seines Erfolgs gefährdet.

Fans des 1. FC Mainz 05
Fans des 1. FC Mainz 05 Quelle: dpa

heute.de: Spiele der Fußball-Bundesliga gibt's nun auch montagabends. Die meisten Deutschen lässt das sicher kalt, aber viele Fußballfans regt das richtig auf. Warum?

Harald Lange: Da steckt viel Symbolik drin. Der Spieltag wird weiter verzettelt und der einzige Grund dafür ist Kommerz: Die DFL kann die TV-Rechte noch besser verkaufen, weil das Angebot breiter gestreut ist, wenn von Freitag bis Montag gespielt wird. Zwar wird vorgegeben, dass man Teams, die international spielen, entlasten möchte …

heute.de: … mit RB Leipzig ist eine Mannschaft, die heute spielt, noch in der Europa League aktiv.

Lange: Ja, aber in ein paar Wochen spielt montags der SV Werder Bremen gegen den 1. FC Köln - ein Duell zweier abstiegsgefährdeter Teams. Wer denkt sich denn so was aus? Das führt zu einem riesengroßen Glaubwürdigkeitsproblem. Die weitere Kommerzialisierung wird durch die Hintertür betrieben - die DFL steht nicht dazu. Sie könnte ja sagen: Wir haben hier ein Top-Produkt und dafür wollen wir so viel Kohle scheffeln wie's nur geht, Tradition hin oder her. Aber das trauen sie sich nicht.

heute.de: Warum nicht?

Lange: Die DFL weiß, dass sich das Produkt Bundesliga-Fußball nur so gut verkauft, weil es traditionell so geerdet ist; ohne die bewegte Fankultur würde es dieses gigantische Produkt gar nicht geben.

heute.de: Sie meinen, dass viele Fans heutzutage spürten, dass sie nur "als Melkkuh" gebraucht werden. Wie viel Kommerz verträgt das Fan-Herz noch?

Lange: Die Zuneigung bröckelt schon. Zwar sind die Zuschauerzahlen in dieser Saison noch einmal angestiegen und man könnte sagen: Na, es läuft doch! Aber die qualitative Zusammensetzung in den Stadien verändert sich zunehmend. Es kommen immer mehr Event-Fans, die sich einfach nur für viel Geld unterhalten lassen wollen. Dagegen wenden sich viele Fans mit einer lang gewachsenen Bindung zu einem Verein enttäuscht ab. Manchmal partiell, wie wir das bei Stimmungsboykotten sehen. Zum Teil aber auch grundsätzlich, indem sie sagen: "Wir machen diesen Zirkus nicht mehr mit!"

heute.de: In Ihrer wissenschaftlichen Arbeit befassen Sie sich nicht nur mit Fußballfans. In einer neuen Studie wollen Sie auch umfassende Einblicke in andere Fanszenen gewinnen. Tickt ein Fußballfan ähnlich wie ein Musikfan oder ein Fan von TV-Serien oder Produkten?

Lange: Die wichtigste Gemeinschaft ist die Leidenschaft, sich an etwas binden zu wollen, um daraus auch Kraft zu schöpfen. Darüber hinaus beobachten wir diesen Trend: Während bestimmte traditionelle Instanzen wie Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften mehr und mehr an Einfluss verlieren, wenden sich viele Menschen einem riesengroßen Markt von alternativen Instanzen zu. Die geben zwar oft nur eine kurze Befriedigung, aber das wird nicht als schlimm erachtet, weil der nächste Kitzel ja schon um die Ecke lauert.

heute.de: Aber wie entsteht eine Fankultur zu einem Produkt?

Lange: Die Leute stoßen oft mehr oder weniger zufällig auf ein Produkt, beschäftigen sich damit und gewinnen es mit der Zeit lieb. Sie vergleichen es mit Konkurrenzprodukten und haben wachsenden Spaß daran, wenn ihr Favorit im Vergleich besser abschneidet. So wächst langsam eine Bindung.

heute.de: Wie stark ist die im Vergleich zum Sport?

Lange: Im Sport sind die Bindungen oft über Generationen gewachsen. Davon können die Konzerne nur träumen. So eine Fanliebe gibt’s nicht mal bei Apple, dass sich die Leute bunt in den Farben des Konzerns anmalen oder zu Tausenden gemeinsam Lieder singen. Wenn das Produkt nicht mehr hip ist, kommt der Einbruch.

heute.de: Sehen Sie da Parallelen zum Fußball?

Lange: Event-Fans wollen Spektakel und wenn das nicht perfekt abgeliefert wird, dann verlassen die das Stadion auch schon mal lange vor Abpfiff des Spiels. Echte Fans dagegen leiden mit ihren Teams, steigen notfalls mit ab, gemeinsam geht's in den Himmel und in die Hölle. Die Bundesliga muss aufpassen, dass sie nicht nur noch als Produkt wahrgenommen wird, sonst bröckelt es weiter an der Basis, der Grundlage des Erfolgs.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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