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Präsidentschaftswahlen in Türkei - "Erdogan forciert Feind-Freund-Denken"

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Der türkische Staatspräsident sieht sich und die Türkei von Feinden umzingelt und inszeniert sich als Retter der Nation, sagt die Politologin Gülistan Gürbey im heute.de-Interview.

Türkei: Präsident Recep Tayyip Erdogan
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Quelle: Kayhan Ozer/Presidency Press Service/AP/dpa

heute.de: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan konnte sich bislang immer auf großen Zuspruch von Wählern verlassen, die in Deutschland leben. Worauf basiert dieser Erfolg?

Gülistan Gürbey: Erdogan weiß den tief sitzenden, restriktiven türkischen Nationalismus und sehr ausgeprägten Nationalstolz der türkischen Migrantenbevölkerung geschickt für sich zu nutzen. Er präsentiert sich als starker Führer, der die Nation schützen und die Sicherheit und Stabilität gewährleisten kann, der keine Angst oder Scheu hat, sich mit Gegnern oder auch mit der Europäischen Union oder Deutschland anzulegen. Er trägt Stärke harsch zur Schau und viele Türken, die sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse fühlen, sehen in Erdogan einen Mann, der ihnen eine Stimme gibt, mit dem sie sich identifizieren können. Da gibt es einen psychologischen Effekt: Er stärkt intuitiv das Selbstbewusstsein dieser Menschen.

heute.de: Welche psychologischen Mittel setzt er dabei insbesondere ein?

Gürbey: Vor allem aggressiven rhetorischen Aktionismus, der nationalistisch, islamistisch und neo-osmanisch unterfüttert ist und gezielt polarisiert und provoziert - und offensiv vor verbalen Angriffen und Diffamierungen nicht scheut. Suggeriert wird vor allem, dass die Einheit der Nation und der Türkei bedroht sei, dass innere Mächte - gemeint sind insbesondere Kurden - und äußere Mächte - gemeint ist der Westen, dazu gehören die USA, Deutschland und EU, - die gestärkte Türkei zerstören wollen. Dass die Türkei quasi vor einem neuen Befreiungskrieg ähnlich wie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und des Zerfalls des Osmanischen Reiches stünde. Das findet großen Anklang in der türkischen Gesellschaft, da ihre Sozialisierung als Kollektiv sehr stark auf Werten wie starker und omnipotenter Einheitsstaat, unteilbare Einheitsnation, Bedrohung durch innere und äußere Feinde basiert.

heute.de: In der Türkei scheint Erdogan indes jüngst stärker unter Druck geraten zu sein. Seine zahlenmäßig große Anhängerschaft verehrt ihn dagegen. Was macht ihn so stark?

Gürbey: Wirtschaftliche Faktoren spielen dabei eine Rolle, aber mindestens genau so viel die politisch-ideologische Dimension seines Wirkens, was von zentraler Bedeutung ist. Die ideologischen Kernelemente sind Hyper-Nationalismus, Islamismus und Neo-Osmanismus. Ziel ist es, im Innern eine Gesellschaft nach diesen Werten zu formieren und nach außen regionale Einflusszonen in ehemals osmanisch beherrschten Gebieten auszuweiten und zu einer führenden Regionalmacht zu werden. Stark religiöse, traditionell islamisch-nationalkonservative Bevölkerungsschichten waren vor Erdogan politisch marginalisiert. Erdogan und seine AKP-Regierung holten diese Bevölkerungsschichten in die Mitte der Gesellschaft, eine neue mittlere und obere Schicht ist entstanden. Sie bilden die soziale Basis der AKP und Erdogan.

heute.de: Was genau zeichnet diese neue mittlere und obere Schicht aus und womit genau sichert sich Erdogan die Gunst dieser Wähler?

Gürbey: Diese neuen sozialen Schichten sind entlang der ideologischen Linien nationalistisch, islamisch und konservativ und wirtschaftlich neo-liberal, sie sind in allen Lebensbereichen sichtbar vertreten, sie sind die neuen Führungseliten, so zum Beispiel in der Wirtschaft als neue anatolische "Tiger"-Unternehmer, als führende Medienbesitzer. Sie sind mit der AKP und der Regierungspolitik gut vernetzt, Klientelismus bestimmt das Verhältnis, wenn etwa staatliche Aufträge vorzugsweise an sie gehen oder staatliche Institutionen mit Personen aus diesen Schichten besetzt werden.

heute.de: Unter dem Stichwort Neo-Osmanismus haben Sie Erdogans Ansprüche erwähnt, die Türkei als eine führende Regionalmacht zu etablieren. Inwiefern beeinflusst Ihrer Meinung nach der international umstrittene türkische Militäreinsatz in Nordsyrien die Präsidentschaftswahlen in der Türkei?

Gürbey: Zu erwarten ist für Erdogan ein positiver Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen, einerseits Konsolidierung seiner Wählerstimmen und andererseits Generierung neuer Wählerstimmen. Fakt ist, dass der völkerrechtswidrige Einmarsch mit Ausnahme der Kurden weitgehend innenpolitische Unterstützung genießt und die nationalistische Euphorie und antikurdische Stimmung in der türkischen Gesellschaft bewirkt.

heute.de: Im Innern wird die Türkei durch eine Reihe von Krisen erschüttert. Sehen Sie in Erdogan einen Präsidenten, der die Zerrissenheit der Gesellschaft heute zu lindern versucht oder profitiert er vielmehr von einer Spaltung?    

Gürbey: Er polarisiert und provoziert gezielt, indem er innergesellschaftliche Konfliktlinien mit seiner aggressiven Rhetorik instrumentalisiert und damit nicht zur Linderung beiträgt, sondern Eskalation der innergesellschaftlichen Spannungen bewusst in Kauf nimmt und das Denken in Feind-Freund-Kategorie bewusst forciert.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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