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"In Thüringen herrscht Endzeitstimmung"

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Frust der Ostdeutschen - "In Thüringen herrscht Endzeitstimmung"

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Die Thüringer Metal-Band Heaven Shall Burn engagiert sich für Lokalpatriotismus. Die AfD fülle eine Leere, die die Wendejahre hinterlassen haben, sagt Gitarrist Maik Weichert.

Archiv: Heaven Shall Burn beim Deichbrand Festival.
Heaven Shall Burn beim Deichbrand Festival (Archivbild)
Quelle: Imago

heute.de: Herr Weichert, Sie setzen sich für diverse Anliegen ein: Antifaschismus, Umweltschutz, aber auch Lokalpatriotismus - kooperieren etwa mit dem Fußballclub Carl Zeiss Jena. Wie sind diese Themen miteinander verknüpft?

Maik Weichert: Sicher kann man uns Gutmenschen oder Weltverbesserer schimpfen. Diese Energie sollte besser in persönliche Veränderung investiert werden. Man muss bei sich selbst und seinem Umfeld anfangen. Genau dort engagieren wir uns, bei unserem Lieblingsverein. Im Stadion treffen sich Menschen, die sich im wirklichen Leben niemals miteinander unterhalten würden. Es ist einer der wenigen Orte, wo sich alle Meinungen begegnen. Das ist eine wichtige Ausgangsposition für Diskussion und Verständnis.

Archiv: Heaven Shall Burn, Maik Weichert
Maik Weichert bei einer Pressekonferenz des Fußballvereins Carl Zeiss Jena im Jahr 2016. Die Band Heaven Shall Burn war mehrfach Trikotsponsor, um den Verein finanziell zu unterstützen.
Quelle: Imago
Die Nachwendezeit hat mir klar gemacht, dass man nichts als ewig oder sicher ansehen sollte. Dass man Autoritäten hinterfragen und herausfordern muss.
Maik Weichert, Heaven Shall Burn

heute.de: Sie sind 1977 geboren, in einer Kleinstadt in Thüringen aufgewachsen. Waren die Wendejahre prägend dafür, wie Sie jetzt Musik machen und politisch auftreten?

Weichert: Die Nachwendejahre waren für meine Eltern von großer Unsicherheit und Demütigung geprägt. Das alltägliche Leben hat sich in dieser Zeit sehr politisiert. In der DDR war das Folklore, die kein normaler Jugendlicher ernst genommen hatte. Auf einmal stellte sich beim Discobesuch die Frage, ob man links oder rechts ist. Das konnte über eine Tracht Prügel entscheiden.

Diese Zeit hat mir klar gemacht, dass man nichts als ewig oder sicher ansehen sollte. Dass man Autoritäten hinterfragen und herausfordern muss, um selbst zu wachsen und sich zu behaupten. Es ist eine Stimmung, die ich bei vielen Ostdeutschen wahrnehme: diese Erfahrung, dass Systeme kollabieren können und Entscheidungsträger bis zum letzten Tag ihrer Macht lügen und manipulieren werden.

heute.de: Erinnert Sie die aktuelle gesellschaftliche Stimmung in Thüringen an die frühen 90er Jahre?

Weichert: Heute sehe ich die gleichen Leute, die sich damals von Kohl für dumm haben verkaufen lassen, bei den Kundgebungen der AfD in Erfurt vor der Bühne stehen. Das, was damals in ihnen Hoffnung war, ist nun zu Hass und Enttäuschung zusammengeklumpt. Die Vorliebe für einfache Lösungen scheint geblieben zu sein. Damals herrschte Aufbruchstimmung, heute ist es eher Endzeitstimmung.

heute.de: Teilen Sie die Sorge, dass viele Gegenden in den ostdeutschen Bundesländern kulturell wie wirtschaftlich abgehängt sind?

Weichert: Es ist oft viel mehr los, als man erwartet. Aber gerade die frustrierte AfD-Klientel besteht eher weniger aus Kulturbürgern. Also nicht die Gegenden an sich sind kulturell abgehängt, zahlreiche Menschen sind es. Das kapitalistische Dogma, alles Gewinnträchtige zu privatisieren und alles Kostenintensive in öffentlicher Hand zu belassen, reißt gerade in den strukturschwachen Regionen große Wunden.

Ich bin wirklich enttäuscht von vielen Künstlern und Intellektuellen hier im Osten.
Maik Weichert, Heaven Shall Burn

Die größte Gefahr ist, dass zivilgesellschaftliches Engagement den Rechten überlassen wird. Ich bin wirklich enttäuscht von vielen Künstlern und Intellektuellen hier im Osten. Sachsen hat den Kraftklub, Mecklenburg-Vorpommern die Fischfilets und in Thüringen gibt es uns. Dann wird es aber schon relativ dünn an etablierten Künstlern, die Flagge zeigen. Viele haben Angst, die vermeintlichen 25 Prozent AfD-Anhänger in ihrer Anhängerschaft zu verprellen. Das kann man als unpolitisch verkaufen. Ich nenne es feige. Klar, auch die Theater sind engagiert, aber das hat einen anderen Wirkbereich.

Archiv: Die deutsche Metalband Heaven Shall Burn auf dem Highfield Festival am Störmthaler See bei Leipzig.
Heaven-Shall-Burn-Sänger Marcus Bischoff kommt aus Saalfeld, Thüringen, und ist seit 1997 Mitglied der Band. Nebenbei arbeitet er als Krankenpfleger.
Quelle: Imago

heute.de: Gelingt es der AfD gerade schlicht am besten von allen Parteien, auf die Sorgen der Menschen in Thüringen einzugehen?

Weichert: Man wird nicht aus jedem Wähler einen Politikprofessor oder glühenden Demokraten machen können. Aber die Leute haben das Bedürfnis, frei von Angst zu leben. Diese Existenz- und Abstiegsängste haben Politiker in der Vergangenheit völlig ignoriert und zum Teil sogar gefördert. Die AfD muss nicht einmal selbst Angst erzeugen, um Gehör zu finden. Sie muss nur verstärken, ansprechen und aufzeigen.

heute.de: In einem Interview hatten Sie kürzlich gesagt, dass Sie "lieber dorthin gehen, wo es weh tut, und auch mal da spielen, wo Nazis am Start sind".

Weichert: Es gibt viele Leute, gerade in den abgehängten Regionen, die nur einen anderen Impuls als von rechts brauchen, um sich mal Gedanken zu machen. Wenn man dort nicht predigend und besserwisserisch auftritt, sondern ganz offen, aber bestimmt eine Alternative aufzeigt, dann kann man tatsächlich im besten Sinne Menschen fischen. Es funktioniert, denn - das soll nicht verharmlosend gemeint sein - rechtes Gedankengut ist für viele Menschen nur etwas, mit dem sie eine ideologische und emotionale Leere füllen.

Das Interview führte Nils Metzger.

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