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Kongress des Hebammenverbandes - "198,64 Euro für eine Geburt sind viel zu wenig"

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Zu wenig Personal, geringe Entlohnung: Der Stellenwert der Hebammen müsse "unbedingt erhöht werden", fordert Verbandspräsidentin Geppert-Orthofen. Spahns Reformpläne begrüßt sie.

Eine Hebamme hört die Herztöne eines Babys ab. Symbolbild
Eine Hebamme hört die Herztöne eines Babys ab. Symbolbild
Quelle: Uli Deck/dpa

heute.de: Bei jeder Geburt muss per Gesetz eine Hebamme anwesend sein – aber nicht zwangsläufig ein Arzt. Eine Tatsache, die viele überraschen dürfte, denn die öffentliche Wahrnehmung ist eine andere, oder?

Ulrike Geppert-Orthofer: Ja, das stimmt, denn wenn eine Frau zur Entbindung ins Krankenhaus geht, ist wie selbstverständlich ein Arzt dabei, obwohl es sich ja eigentlich um zumeist gesunde Menschen handelt. Die Hebamme leitet jedoch die Geburt. Eine medizinische Betreuung durch eine Ärztin oder einen Arzt ist kein Muss, sondern kann eventuell nötig sein. Es ist uns Hebammen wichtig, wie zufrieden die Frau ist, wie sie die Geburt erlebt und unter welchen Umständen sich eine neue Familie bilden kann. Dafür braucht es Zeit, Einfühlvermögen und das Wissen, das nur Hebammen haben.

heute.de: Was muss sich ändern, um den Beruf der Hebamme wieder attraktiver zu machen? Ist die Akademisierung der Ausbildung, wie sie Gesundheitsminister Jens Spahn ab 2020 vorschwebt, der richtige Weg?

Geppert-Orthofer: Ja, unbedingt! Hebammen brauchen die bestmögliche Ausbildung. Immerhin tragen wir Verantwortung für die Leben von Mutter und Kind und deren Wohlbefinden. Zudem braucht es Weiterbildungsmöglichkeiten und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Wenn es da nichts gibt, orientieren sich die Hebammen früher oder später neu und sind wieder weg.

heute.de: Deutschland ist inzwischen das einzige Land in der EU, wo Hebammen noch dual ausgebildet werden. Ein überholtes System?

Geppert-Orthofer: Genau dieses Vorhandensein der dualen Ausbildung, für die Deutschland EU-weit Vorreiter ist, war lange das Argument gegen den Schritt an die Hochschule. Aber wer sagt denn, dass man die existierende duale Ausbildung nicht auf Hochschulniveau anbieten kann? Es wird höchste Zeit, dass wir eine eigene Forschung in unserem Beruf bekommen.

heute.de: Kritiker bemängeln an Spahns Plänen unter anderem den im Vergleich zur Ausbildung geringeren Praxisanteil. Wie sehen Sie das?

Geppert-Orthofer: Dass der Praxisanteil laut Spahn von 3.000 auf 2.100 Stunden im Studium sinken soll, finde ich vertretbar. In diesem Falle gilt weniger ist mehr, denn die Studieninhalte sind sehr genau definiert und von höherer Qualität. In der Ausbildung verbringen die Hebammen reichlich Stunden mit Dingen, die nicht wirklich relevant sind und durchaus wegfallen können, ohne dass es ihnen schadet.

heute.de: Sie waren selbst viele Jahre als freie Hebamme tätig. Welche Veränderungen haben Sie im Laufe der Jahre in Ihrem Berufsalltag beobachtet und was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?

Geppert-Orthofer: Seit ich vor anderthalb Jahren zur Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands gewählt wurde, praktiziere ich selbst nicht mehr. Jedoch fällt auf, wie sehr sich die Arbeit im Laufe der Jahre verdichtet hat. In anderen EU-Ländern wie zum Beispiel Norwegen begleitet eine Hebamme etwa 46 Frauen pro Jahr bzw. 35 bis 50 Geburten. Eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes kommt zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland etwa 120 Geburten pro Hebamme sind. Auch die stetig steigenden Haftpflichtprämien in der Geburtshilfe schrecken ab. Ab Juli sind es 8.664 Euro pro Jahr pro Hebamme. Davon bekommt sie zwar bis zu 75 Prozent erstattet, aber trotzdem bleibt noch eine stattliche Summe an jeder Kollegin hängen. Von der steigenden Bürokratisierung ganz zu schweigen.

heute.de: Deutschland mangelt es an Hebammen. In vielen Großstädten haben Schwangere große Probleme überhaupt eine Hebamme zu finden und sei es nur für die Betreuung im Wochenbett. Was läuft da schief?

Geppert-Orthofer: Es mangelt, weil wir Hebammen es satt haben, unter den Bedingungen zu arbeiten, die an vielen Kliniken inzwischen gang und gäbe sind. Zu wenig Personal, zu viele Schwangere, die gleichzeitig betreut werden müssen und eine Entlohnung, die der Verantwortung, die wir tragen, nicht gerecht wird. Aktuell bekommt eine freiberufliche Hebamme 165,60 Euro für eine Geburt im Krankenhaus im Schichtdienst. Mit Nachtzuschlag sind es 198,64 Euro. Das ist viel zu wenig! Der Stellenwert unseres Berufs muss unbedingt erhöht werden. Genau um diesen Aspekt dreht sich direkt auch das erste Panel des Kongresses. Dieser Lebensabschnitt "Familiengründung" ist etwas Großartiges. Das muss aufgewertet werden.

heute.de: In Ihrem Grußwort an die Kongressteilnehmer sprechen Sie von einem "Kulturwandel von der Geburtsmedizin hin zur Geburtshilfe", der in der Gesellschaft stattfinden müsse. Was meinen Sie damit?

Geppert-Orthofer: Natürlich ist eine adäquate medizinische Versorgung unter der Geburt für Mutter und Kind wichtig, aber eben nicht nur. Eine Hebamme kann und tut viel mehr. Immerhin kommt nicht nur ein Kind auf die Welt, sondern auch eine Mutter wird geboren. Wie und unter welchen Umständen, daran ist die Hebamme maßgeblich beteiligt. Eine normale Geburt an sich ist wenig spektakulär, denn sie passiert im besten Falle "von selbst". Entsprechend prägen die medizinischen Notfälle das Bild in den Medien, denn das möglichst natürliche Erlebnis lässt sich medial nicht transportieren.

heute.de: Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht das ideale Arbeitsumfeld für eine glückliche Hebamme und das Verhältnis zur Schwangeren bestenfalls aus?

Geppert-Orthofer: Für jede Frau sollte klar sein: Ich bin schwanger, ich nehme Kontakt zu einer Hebamme auf – nicht, weil ich später keine mehr finde, sondern weil es mir gut tut, mich von ihr begleiten zu lassen. Es ist doch total irre, dass wir Frauen in der Lage sind, neues Leben in uns wachsen zu lassen und das sollten wir genießen können. Bislang gilt für Hebammen: Zeit ist kein Geld auf der Einkommensseite, denn der Faktor "Zeit" ist im Maßnahmenkatalog nicht aufgeführt und lässt sich entsprechend bei der Krankenkasse nicht abrechnen. Heißt, wenn eine Hebamme "nichts" macht, also "nur" aufmerksam ist und den physiologischen Prozess der Geburt unterstützt und begleitet, bringt ihr das finanziell nichts. Das muss sich ändern!

Das Interview führte Maike Steuer

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