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Kulturwandel im VW-Konzern - "Ich verstehe, dass Kunden verärgert sind"

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Volkswagen-Vorstand Hiltrud Werner will verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und erklärt, warum Elektro-Mobilität in Deutschland bislang kaum aus den Startlöchern kommt.

VW E-Golf in der Gläsernen Manufaktur in Dresden
VW E-Golf in der Gläsernen Manufaktur in Dresden
Quelle: dpa

heute.de: Diese Woche beginnt die Internationale Automobilausstellung IAA. Ihr Vorstandsvorsitzender Herbert Diess wird dort bei einer Veranstaltung auch mit Umweltaktivisten diskutieren. Haben Sie und die Aktivisten nicht die gleichen Ziele?

Hiltrud Werner: Ich glaube, dass die Aktivisten und Herr Diess feststellen werden, dass sie in Vielem übereinstimmen. Nur glaube ich, dass es keine Lösung ist, wenn man heute komplett die Automobilproduktion in Deutschland stoppt. Unsere Lebenswirklichkeit kommt in vielen Fällen ohne das Auto nicht aus. Nicht jeder wohnt in Berlin-Mitte. Wenn aber die Ziele klar sind, dann muss man sich nur noch über den Weg dorthin unterhalten. Ich denke, dass wir in der Langfristigkeit unserer Strategie über 2025 hinaus schon gezeigt haben, dass wir es als Konzern sehr, sehr ernst meinen.

heute.de: Sie wollen ganze Werke auf E-Mobilität umstellen. Wie nehmen Sie die Belegschaft mit?

Wir haben in unserer Strategie erst nach 2015 konsequent auf Elektro umgeschaltet.
Hiltrud Werner

Werner: Natürlich ist das für die Belegschaft in mehrerer Hinsicht eine Herausforderung. Einerseits wissen wir, dass weniger Arbeitsplätze gebraucht werden für den Bau eines Elektrofahrzeugs als für den eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Andererseits brauchen wir die Motivation und Loyalität der Mitarbeiter, diesen Veränderungsprozess mitzumachen. Das Personalressort kümmert sich zum Beispiel um weitreichende Ausbildungs- und Umschulungsprogramme. Das ist nicht immer leicht für die Betroffenen, aber extrem notwendig, damit sich Belegschaftsangehörige mittleren Alters in dieser Entwicklung nicht abgehängt fühlen.

heute.de: Verglichen mit anderen Automobilherstellern weltweit gehört Volkswagen eher zu den Nachzüglern, was Elektromobilität und andere Technologien angeht.

Werner: Der erste Elektro-Golf kam, glaube ich, 1976 auf die Straße.

heute.de: Aber dennoch sieht man sie heute nicht auf der Straße.

Werner: Weil der Markt dafür noch nicht bereit war, die Vorreiter blieben Nischenprodukte. Auch heute gehen knapp 40 Prozent unserer E-Golf-Produktion nach Norwegen. Ja, wir haben in unserer Strategie erst nach 2015 konsequent auf batterieelektrische Fahrzeuge umgeschaltet. Aber man kann nicht sagen, dass wir nicht über die technologischen Fähigkeiten verfügen, uns hier an die Spitze der Entwicklung zu setzen.

heute.de: Brexit, Handelskrieg mit China – Volkswagen ist gerade in einer Situation, in der sehr viele globale Themen die Agenda bestimmen. Sind Sie dafür gerüstet?

Werner: Wir analysieren alle Risiken sehr genau. Für uns ist es aufgrund unserer langen Produktionsentwicklungszyklen notwendig, dass die Politik verlässlich ist und genauso langfristig denkt und handelt, wie eben auch die Entwicklung eines Fahrzeugs Zeit braucht. Wir entwickeln heute Fahrzeuge, die in fünf Jahren auf die Straße gehen. Wir tätigen jetzt Investitionen für Fabriken, die in zehn oder 20 Jahren noch Fahrzeuge produzieren. Das heißt, wenn die Politik die Grenzwerte jetzt nicht einfordert und Verstöße mit Strafen belegt, dann würde das viele unserer strategischen Überlegungen aus wirtschaftlicher Sicht in Frage stellen. Wenn wir aber in einem ersten deutschen Klimagesetz eine fundamentale Unterstützung der Politik für ein Umdenken bezüglich Klima sehen, dann sind wir sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich auf einem richtigen Weg.

heute.de: Sie fordern von der Politik also konsequentes Handeln. Dabei war es doch VW, das in den letzten Jahren immer wieder Regeln verletzt hat. Sollten Sie da nicht eher in der Rolle des demütigen Bittstellers sein?

"Wenn Sie Braunkohle-Strom aus Polen importieren, um Elektrofahrzeuge zu laden, dann haben Sie nichts für das Klima gewonnen."
Hiltrud Werner

Werner: Wir fordern grundsätzlich erst mal nichts. Wir sagen lediglich, was die Konsequenzen aus den bereits erlassenen Gesetzen sind. Wenn Sie ein Flottenziel von 95 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer haben, dann bedeutet das natürlich, dass Sie mindestens 30 bis 35 Prozent Flottenanteil elektrische Fahrzeuge haben müssen. Und dann kann man ausrechnen, wie viele Ladepunkte Deutschland braucht. Auch, welcher Strom-Mix vorhanden sein muss, damit sich die CO2-Bilanz dadurch nicht in der Summe verschlechtert. Wenn Sie Braunkohle-Strom aus Polen importieren, um Elektrofahrzeuge zu laden, dann haben Sie für das Klima nichts gewonnen. Das ist die Botschaft an die Politik.

heute.de: Wenn man zurückblickt auf die ganze Diesel-Affäre, dann haben Käufer in den USA umfangreichere Entschädigungen erhalten als die in Deutschland. Glauben Sie nicht, dass die deutschen Kunden da benachteiligt werden?

Werner: In dieser Debatte in Deutschland vermischen sich emotionale und juristische Elemente. Ich kann verstehen, dass die Kunden verärgert sind. Die tatsächliche Verunsicherung in Bezug auf den Diesel hat erst zwei Jahre nach dem Diesel-Skandal eingesetzt, als wir über Fahrverbote diskutiert haben. Vorher waren die Verkaufspreise für gebrauchte Dieselfahrzeuge recht stabil, das zeigen auch die Statistiken von Schwacke und DAT.

heute.de: In der Compliance-Abteilung müssen Sie die rechtlichen Standards von ganz unterschiedlichen Ländern beachten. Sie blicken auf die USA, wo Prozesse laufen, Sie blicken auf Deutschland, wo Prozesse laufen. Müssen Sie sich teilweise mit Aussagen hier zurückhalten, um nicht in den USA belangt zu werden?

Werner: Der abgeschlossene Vergleich mit den USA ist natürlich ein öffentlich zugängliches Dokument, und er generiert für uns natürlich auch Pflichten. Die müssen wir intern, extern und im gesprochenen Wort natürlich immer berücksichtigen.

Deutschlands Autoindustrie ist vom Innovationstreiber zum Getriebenen geworden. Der Fortschritt in Sachen E-Mobilität ist zu langsam, zu zögerlich. Das kann nicht gut gehen.

Beitragslänge:
29 min
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heute.de: Auch wenn sich die deutsche Öffentlichkeit einfach nur eine klare Entschuldigung wünscht?

Werner: Da würden sicherlich die beiden CEOs, die seitdem im Amt waren - sowohl Matthias Müller als auch Dr. Herbert Diess - Ihnen entgegnen, dass sie sich mehrfach entschuldigt haben. In den letzten drei Jahren haben die Vorstandsvorsitzenden in vielen öffentlichen Auftritten, in mehreren Reden und auf jeder Hauptversammlung sehr deutlich gesagt, wie leid es ihnen tut, dass die Kunden so von Volkswagen enttäuscht worden sind. Wir haben viel Vertrauen verloren. Und wir werden weiter daran arbeiten, Volkswagen zu einem besseren Unternehmen zu machen.

heute.de: Sie kamen damals im Januar 2016 zum Höhepunkt der Krise ins Unternehmen. War das eine besondere Motivation für Sie, genau in dieser Situation dazu zu kommen?

"Wie langwierig dieser Prozess sein wird, ist vielen erst nach 2017 klar geworden."
Hiltrud Werner

Werner: Ich weiß nicht, ob das der Höhepunkt war. Für mich ist das schwierigste Jahr eher 2019 mit dem Abschluss des Bußgeldverfahrens bei Porsche, der Eröffnung der Musterfeststellungsklage und vielen anderen Rechtsthemen. Ich würde sagen, ich kam sehr am Anfang. Es war die Zeit des Schocks und der Unsicherheit. Mich hat es sehr motiviert, an der Zukunft des Unternehmens und damit der Sicherung von Arbeitsplätzen bei VW mitwirken zu können. Und jeder Tag, an dem wir gearbeitet haben, bevor im Unternehmen und auch der Öffentlichkeit klargeworden ist, was die finanziellen Folgen des Diesel-Skandals sein würden, war natürlich eine gute Zeit. Insofern, dass viel Hoffnung vorhanden war, dass man schnell Wiedergutmachung leisten kann und Vertrauen zurückgewinnen kann. Wie langwierig dieser Prozess sein wird, ist vielen erst nach 2017 klar geworden.

Das Interview führte Nils Metzger

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